Berlinale-Tagebuch Lachen über Lopez

Dass extrem engagierte Filme allzu leicht albern wirken, bewies das Fabrikarbeiter-Drama "Bordertown" mit Jennifer Lopez. Die Pressevorführung geriet zum Desaster. Ansonsten viel Wüste und eine Comic-Verfilmung mit zweifelhafter Botschaft.

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Arme Jennifer Lopez. Eigentlich sollte sie auf der Berlinale ihr großes Comeback feiern, mit der Hauptrolle in "Bordertown", dem höchst engagierten und politisch aufgeladenen Wettbewerbsbeitrag von Gregory Nava um die Zustände in mexikanischen Fabrikstädten an der amerikanischen Grenze. Als karrieregeile Journalistin reist Lopez von Chicago nach Juárez, um einer unheimlichen Mordserie nachzurecherchieren. Mit Hilfe von Antonio Banderas als edlem Helfer wandelt sie sich langsam zur aufrechten Kämpferin gegen Globalisierungswahn und Freihandelsabkommen, zur Retterin ausgebeuteter Arbeiterinnen, und lernt nebenbei noch ihre eigenen, lange verkannten mexikanischen Wurzeln zu würdigen.

Berlinale-Besucherin Lopez: Ein Monolog alberner als der andere
REUTERS

Berlinale-Besucherin Lopez: Ein Monolog alberner als der andere

Das war vielleicht ein bisschen viel auf einmal, denn die erste Pressevorführung in Berlin geriet zum Desaster. Nach etwa einer Stunde fingen die ersten an zu kichern, immer dann, wenn Regisseur Gregory Nava es gerade besonders ernst meinte. Am Ende dann die Buh-Rufe, ein Trauerspiel.

Eigentlich schade, wünscht man Filmen mit ehrenwerter Botschaft doch immer nur das Beste, und als pure Mörderjagd ist "Bordertown" nicht mal unspannend. Doch eine stetig sprudelnde Quelle abgedroschener Klischees nährt Plot und Dialoge, so dass der Sympathie-Bonus bald aufgebraucht ist und jeder neue, inspirierend gemeinte Monolog von Lopez noch ein bisschen alberner wirkt als der vorige. Zwischendurch gibt es noch einen vollkommen absurden Gast-Auftritt vom kolumbianischen Popstar Juanes, so peinlich und stümperhaft in Szene gesetzt, dass es fast schon wehtut, während der Szene die Augen offen zu lassen.

Dem in der Mongolei spielenden Beitrag "Desert Dream" des chinesischen Regisseurs Zhang Lu ging es nicht viel besser. Dabei fing es noch einigermaßen viel versprechend an. Ein Mann kämpft in der mongolischen Steppe gegen die Ausbreitung der Wüste, und pflanzt stoisch Baum-Setzlinge in den Sand. Nachdem seine Frau und Tochter wegen eines Arztbesuchs in die ferne Stadt gefahren sind, bekommt er Besuch von einer Nordkoreanerin und ihrem Sohn, die nach der Flucht aus der Heimat dringend eine Pause brauchen, und für den Helden schnell zum Familienersatz werden. Dialoge gibt es wegen der Sprachbarriere zwischen den beiden Parteien kaum, stattdessen endlose Einstellungen der äußerst kargen Landschaft und wertvolle Botschaften zum interkulturellen Miteinander. Das fesselt etwa zehn Minuten lang, unregelmäßig verteilt auf knapp zwei Stunden. Buh-Rufe gab es nach der ersten Vorführung zwar nicht, das kann aber auch daran gelegen haben, dass nicht wenige Zuschauer einfach eingeschlafen sind.

Viel und heiß diskutiert wurde auch die außer Konkurrenz laufende Comic-Verfilmung "300" von Zack Snyder, über die legendäre Schlacht von Thermopylae im Jahr 480 vor Christus, bei der ein Haufen heroischer (und weitgehend nackter) Spartaner unter der Leitung von König Leonidas dem übermächtigen, in Griechenland einfallenden persischen Heer trotzten. Abgesehen von einer überflüssigen Nebengeschichte um die in der Vorlage kaum vorkommende Königin Gorgo bleibt Snyder dem Original von Frank Miller dabei erstaunlich treu, und die aus Realfilm und Computertechnik zusammengezauberte Optik wirkt auf den ersten Blick tatsächlich einfach überwältigend. Die extrem brutalen Kampfszenen sind zum Teil choreographiert wie ein Ballett, eine aufregende Mischung aus perfidem Ekel und eleganter Schönheit, jedenfalls bis sich die diversen Metzel-Orgien zu wiederholen beginnen und sich ein Gefühl der schleichenden Ermüdung einstellt.

Ein bisschen unwohl wurde vielen auch beim ständigen Spartaner-Gerede von Ruhm, Freiheit und dem süßen Tod für die Heimat, was man, je nach Vorliebe, einerseits als rechte Bush-Propaganda deuten kann oder als subversiven Aufruf zur Rebellion der Kleinen gegen den übermächtigen Aggressor. Snyder behauptet, er habe sich über eine mögliche Botschaft der Geschichte keine großen Gedanken gemacht, freue sich aber, dass der Film so kontrovers diskutiert wird.

Bei soviel anstrengender ideologischer Verwirrung wünscht man der Berlinale jetzt eher ein paar ruhige letzte Tage, bei denen es einfach nur ums Kino geht. Botschaft hin oder her.

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