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Berlinale-Tagebuch: Lachen und Leiden mit Nanni Moretti

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Es muss nicht immer alles grimmig und ölverschmiert sein: Der Japaner Yoji Yamadas und der Italiener Antonello Grimaldi erzählen in ihren Wettbewerbsfilmen "Unsere Mutter" und "Stilles Chaos" von Kindern, die ihre Elternteil verlieren - und rühren damit das Berlinale-Publikum.

Zu den beliebtesten Irrtümern dieser Berlinale gehört der, dass große Kunst und kluge Kritik stets grimmig auftreten müssen - ungefähr so verbissen und böse und zu allem entschlossen wie das Schnauzbartgesicht von Daniel Day-Lewis in "There Will Be Blood". Viele Kritiker halten die erstarrte und steindumpfe Miene von Day-Lewis für den Gipfel der Schauspielkunst und das aufgedonnerte, extrem humorlose Ölbaron-Drama von Paul Thomas Anderson für den Bären-Anwärter Nummer eins. Daran konnte Mike Leighs überraschender Komödienstreich "Happy-Go-Lucky" nix ändern, und vermutlich wird es auch dem komisch herzerwärmenden Italienischen Beitrag "Caos calmo" ("Stilles Chaos") mit Nanni Moretti nicht gelingen. Anderson bleibt in den Kritikerhitlisten Favorit.

Naja, es ist Berlin, es ist Februar, es herrscht trotz Sonnenschein über der Stadt eine gewisse Festivalerschöpfung, da bricht unter den Journalisten gern mal schlechte Laune aus: Laufen mal zwei schwächere Wettbewerbsbeiträge in Folge, wird sofort die ganze Bären-Konkurrenz flugs zur Katastrophe erklärt (wie man es gestern in manchen Zeitungen lesen konnte) - als schlage das Herz des schönen bunten Berlinale-Spektakels irgendwo in einer obskuren Nebenreihe, an einem wackligen Stand des European Film Market oder in einer glamourös illuminierten Partyhalle irgendwo in Kreuzberg, wo am Dienstagabend die Kino-Hipster von Senator mit einer besonders schön strahlenden Sibel Kekilli feierten.

Eine einzige Szene reicht

In Wahrheit ist die Schlacht um den goldenen Bären natürlich an guten und an schlechten Tagen die einzige Show, die wirklich zählt. Und um dort Spaß und Leidenschaft und Begeisterung zu erleben, sollte man besser nicht unablässig und verbohrt das große Meisterwerk einfordern, sondern sich an den kleinen Wundern freuen: Oft reicht schon eine einzige Szene, dass einem das Herz aufgeht. In der Eröffnungssequenz von "Happy-Go-Lucky" zum Beispiel segelt die Hauptdarstellerin Sally Hawkins auf einem Fahrrad durch ein sonniges London, als sei das Leben ein großer Sonntagsspaziergang, und auch in Yoji Yamadas japanischem Wettbewerbsbeitrag "Kabei - unsere Mutter" gibt es einen solchen magischen Augenblick.

Da sieht man zwei Mädchen mit Mutter und Professorenvater im Jahr 1940 beim Abendessen sitzen und Reis mampfen, und als die Kinder ihren Vater tadeln, dass er wenigstens beim Essen das Lesen bleiben lassen soll, zeigen alle eine nettes Lächeln. Es geht eine schöne Ruhe von dieser Szene aus und eine beiläufige Heiterkeit, denn an der Wange des kleineren Mädchens klebt die ganze Zeit ein kleiner Reisklumpen. Genau diese Neunjährige stellt sich bald als Erzählerin des Films heraus: Es geht um die Geschichte eines großen Unrechts und zweier großer Lieben.

Das Unrecht besteht darin, dass die japanische Staatspolizei den Professor als Kommunisten und Vaterlandsverräter ins Gefängnis wirft, wo er kaum zu essen bekommt und in scheußlichem Schmutz vor sich hin vegetiert. Die erste große Liebe offenbart sich in der Treue der Professorenfrau zu ihrem Mann, der allmählich verfällt. Die zweite große Liebe flammt in einem Studenten des Professors auf, der sich um dessen Gattin und die Mädchen kümmert: Der unbeholfene, schlaksige Bursche verfällt der Frau seines Lehrers.

Am Ende verliert die tapfere Mutter beide Männer. Der Regisseur Yamada erzählt das alles ausgesprochen konventionell mit viel Interesse für die Furcht und die Tränen der Kinder, und einem ausgeprägten Sinn für die Rituale des Essens und Teetrinkens - und vor lauter Gemächlichkeit braucht er zweieinhalb Stunden. Ganz sicher verlangt wirklich großes Kino etwas mehr Schmiss und Ambition, aber sympathisch ist dieser Film trotzdem, und die Schauspieler tun mit einer tollen Gelassenheit ihre Arbeit, ohne je brillant sein zu wollen.

Finsterer Auftakt

Das ist bei Nanni Moretti anders. Der italienische Großschauspieler und Autorenfilmer hat in "Caos calmo - stilles Chaos" den besten Auftritt seit langem. Der Film des Regisseurs Antonello Grimaldi nähert sich dem monströsesten aller Themen, dem Tod, mit hammerharter Direktheit. Pietro (Moretti) ist einer von zwei Brüdern, die am Meer Strandball spielen. Plötzlich hören sie Hilferufe und werfen sich in die Fluten, bis sie in einem dramatischen Kampf mit den Wellen (und den zappelnden Ertrinkenden) zwei Frauen das Leben gerettet haben. Dann steigen sie ins Auto und fahren in ihr Ferienhaus. Vor dem parkt ein Rettungswagen. Auf dem Rasen daneben steht Pietros kleine Tochter neben ihrer toten, offenbar von einer Herzattacke niedergestreckten Mutter. Noch ein armes Halbwaisenkind.

Puh, finsterer Auftakt. Von nun an sehen wir dem Vater zu, wie er seinen Job bei einer Pay-TV-Firma vernachlässigt, sich praktisch nur noch um das Mädchen kümmert und allerlei Schrullen entwickelt. Er bleibt jeden Morgen einfach am Schultor zurück, wenn er seine Tochter abgegeben hat und verbringt den Tag auf der Parkbank vor der Schule. Er lernt eine schöne Nachbarin kennen, die ihren Riesenhund ausführt, er scherzt mit einem behinderten Jungen, er schließt Bekanntschaft mit dem Schulkneipenwirt. Als sein Bruder und die Arbeitskollegen den guten Pietro auf der Parkbank besuchen, gibt?s allerlei Turbulenzen, auch eine der anfangs vorm Ertrinken geretteten Frauen spielt plötzlich eine kuriose Rolle, und irgendwann steigt plötzlich Roman Polanski aus einer Limousine - er spielt einen Pay-TV-Mogul mit dem sehr deutschen Namen Steiner.

Klar ist Moretti hier zum x-ten Mal der Stadt- und Sexual- und Todesneurotiker, als der er berühmt und ein bisschen beliebig wurde. Aber anders als in seinen letzten, sehr viel schwächeren Filmen (einer blöden Berlusconi-Story zum Beispiel) funktioniert hier die Balance aus Trauer und Komik auf ergreifende Weise. Was auch an der großartig altklugen Kinderdarstellerin liegt, die seine Tochter Claudia spielt Mit Applaus und Jubel feierten jedenfalls die Journalisten am Ende der Berlinale-Pressevorführung den Film - vielleicht hat der Herzensbrecher Moretti bei der Vergabe der Schauspieler-Bären ja doch eine Chance gegen den schnauzbärtigen Ölpumpenfinsterling Daniel Day-Lewis.

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