Berlinale-Tagebuch Schmunzeln und schmachten

Auf der Eröffnungsfeier der Berlinale glänzten Charlotte Roche und Dieter Kosslick durch Mut zur Albernheit, in den ersten drei Filmen des Wettbewerbs beweisen Stars wie Marion Cotillard und George Clooney dagegen Mut zum großen Pathos.


Jetzt grinsen sogar schon die Polizisten, die auf ihren Motorrädern mit viel Blaulichtgeblinke die Kreuzungen blockieren, rund um den Potsdamer Platz – so unbedingt und schrankenlos sind die Berliner zu Jubel, Trubel und Kosslickspaß entschlossen bei diesen 57. Filmfestspielen.



Und natürlich war auch wirklich alles superduper bei der Eröffnungsgala am Donnerstagabend: Die französische Eröffnungsfilm-Hauptdarstellerin Marion Cotillard lächelte tausendschön auf dem roten Teppich, Festivalchef Dieter Kosslick schüttelte fast jedem der 1600 Premierengäste persönlich die Hand, und die immer überraschende Charlotte Roche quakte überraschend flaches Zeug während ihrer Moderation auf der Berlinale-Bühne. Ausgerechnet den netten Oberlangeweiler Klaus Wowereit zu fragen, wer in der Verfilmung seines Lebens die Hauptrolle spielen solle, ist schon ein echter Brüller aus dem Mund der angeblich besten Interviewerin der Nation!

Schwer zum Quatsch aufgelegt war auch Stimmungskanonier Kosslick am Eröffnungsabend und sabberte mit irgendwelchen albern sexistischen Sprüchen an Roche herum. Aber Schwamm drüber, Kosslick ist schließlich der Jürgen Klinsmann und Heiner Brand des deutschen Kinowesens. Nach dem Sommermärchen (Fussball-WM) und dem Wintermärchen (Handball-WM) muss jetzt das Vorfrühlingsmärchen Berlinale her. Vergesst Venedig und Cannes und Toronto und Sundance: Wir sind Filmfestivalweltmeister!

Wir verordnen uns also strikt Feierlaune und allzeit allerbeste Absichten, freuen uns an zauberhaften Gala-Gästen wie Marie Bäumer und Franziska Petri und einer wirklich glänzend besetzten Jury unter dem Hollywoodmann Paul Schrader. Und wir gucken uns auch den Eröffnungsfilm schön: "La vie en rose" von Olivier Dahan erzählt mit schwelgerischer Geste vom Leben der Edith Piaf. Man sieht den Schlamm des Pariser Elendsviertels, in dem die Sängerin als Kind leben musste, als der erste Weltkrieg zu Ende ging; die lichtdurchfluteten Bordellzimmer und den schäbigen Zirkus, wo ihr Vater sie nacheinander einquartierte: Alles höllisch pittoresk!

Und wie die schöne Marion Cotillard als Darstellerin der erwachsenen Piaf dann immerzu die Augen aufreißt, um der unglücklichen Diva ähnlich zu sehen; wie sie leidet und schmachtet und ihre Lieder schmettert: Das ist schon sehr einfallslos in diesem leicht konfusen biographischen Puzzlespiel, aber doch unheimlich delikat. Gibt’s nicht bei dieser Berlinale sogar eine Nebenreihe, in der es nur ums Kino und das Essen geht? "La Vie en Rose" jedenfalls ist reines Dessertgebäck und kandiertes Augenfutter; und als einmal die göttliche Marlene Dietrich und die überirdische Piaf sich die Hand schütteln, glaubt man fast, man sehe Puderzuckerstaub von der Leinwand rieseln.

Der Piaf-Lebensfilm läuft übrigens auch im Wettbewerb, damit man die Hauptdarstellerin möglicherweise mit einem Preis schmücken kann.

Von ganz tollen Zeiten, einem "Erdbeben der Freude und des Glücks", erzählt auch der brasilianische Wettbewerbsfilm "Das Jahr, als meine Eltern im Urlaub waren". Mit dem Erdbeben ist hier die Fußballweltmeisterschaft des Jahres 1970 gemeint, als Brasilien den Titel gewann. Der kleine Held des Films, gespielt von dem großäugigen Michel Joelseas, hat aber eigentlich andere Sorgen. Seine Eltern werden von Brasiliens Militärdikatatur verdächtigt, Kommunisten zu sein, und sind auf der Flucht. Weil sie Angst haben, im Folterknast zu landen, liefern sie ihren Jungen im jüdischen Viertel der Großstadt Sao Paolo ab, wo er eine Weile bei seinem Großvater leben soll. Nur leider ist der Opa tot, als der Enkel ankommt.

Mit schöner Liebe zum Detail zeigt Regisseur Cao Hamburger die für den Jungen (und viele Kinozuschauer) fremde Welt des Exilantenviertels und die schockierende Einsamkeit des Kindes, die Bolzplatzspiele der Kleinen und die Kalter-Krieg-Stimmung unter den Erwachsenen. Manchmal ist Hamburgers Film ein wenig schwerfällig und allzu sehr verliebt in sein Milieu, aber dann überrascht er einen wieder durch jähe Ausbrüche von Fußballbegeisterung oder den Kuss, den der Held von einer sagenhaft schönen jungen Frau aufgedrückt bekommt. Schon herzergreifendes, mit großer Leidenschaft inszeniertes Gemütskino.

Nichts als Begeisterung hat natürlich auch Steven Soderberghs Wettbewerbsbeitrag "The Good German" verdient. George Clooney und Cate Blanchett sind ein tragisches Paar im zerstörten Berlin des Jahres 1945. Er ist ein amerikanischer Journalist, sie eine deutsche Jüdin, die mit einem verschollenen SS-Mann verheiratet ist und rätselhafterweise mit fast jedem Mann ins Bett geht; vor dem Krieg hatten beide schon mal was miteinander.

Der Schwarzweißfilm benutzt historische Dokumentaraufnahmen aus der von Bomben zertrümmerten deutschen Hauptstadt und ist voller Berlin-Sinnsprüche wie "Diese Stadt macht für jeden die Beine breit" oder "In Berlin wird jeder zum Dummkopf". Außerdem sucht Soderbergh die Bildsprache von Michael Curtiz’ Filmklassiker "Casablanca". Man könnte also sagen: Es handelt sich um ein sehr seltsames, oft grotesk ambitioniertes und leider bei allem Pathos nie wirklich ergreifendes Machwerk.

Aber halt, wir sind zum Jubeln bestellt und entschlossen: Die Schönheit von "The Good German" findet sich zum Beispiel in der unvergleichlichen Coolness, mit der Clooney hier seine Soldatenuniform spazierenträgt. Noch mehr aber in Cate Blanchetts Raubtiergesicht, das diesmal von schwarzen Haaren umrahmt wird und in Schwarzweiß noch grandioser wirkt als in Farbe. Kein Dialogsatz dieses total hochgetunten Kunstthrillers kann so plump sein, dass er sich nicht in reine Poesie verwandelt, wenn Blanchett ihn ausspricht.

Manchmal redet sie übrigens auch deutsch, mit einem sehr aparten Akzent. Das ist dann das reine Kinoerdbebenglück.



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