Berlinale-Tagebuch Kein Frieden, kein Sex

Lysistrata als Hip-Hop-Musical: Spike Lee inszeniert mit "Chi-Raq" ein flamboyantes Plädoyer gegen Getto-Gewalt - leider außer Konkurrenz. Umso fader wirkt dagegen zurzeit der Wettbewerb.

Parrish Lewis/ Berlinale

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Ja, es wird anstrengender. Nicht nur, weil sechs Festivaltage inzwischen Spuren in den Gesichtern der Kritiker hinterlassen haben. Sie müssen sich am Potsdamer Platz gegen Minusgrade behaupten. Und im Wettbewerb der Berlinale wurden nach einem starken Start inzwischen die Mühen der Ebene erreicht (siehe Tagebuch von Montag). Umso mehr erhöht sich der Druck auf die Filme, die noch kommen. Man will aber nicht unfair sein, nur weil man morgens, nach vier, fünf Stunden Schlaf nur noch mit einem Ächzen das Haus verlässt.

Desbezüglich ist mein neues Vorbild ist Spike Lee. Klar, der US-Regisseur nervt oft mit aufgeplusterter Selbstgerechtigkeit. Nachdem man seinen umwerfenden neuen Film "Chi-Raq" gesehen hat, der leider nur außer Konkurrenz gezeigt wird, da er in den USA bereits angelaufen ist, möchte man Lee jedoch einfach nur danken, dass er ein so wagemutiger, beherzter und fantasievoller Filmemacher ist. Und das geht nicht, ohne unbequem zu sein.

Mit "Chi-Raq" hat sich Spike Lee schon wieder unbeliebt gemacht: Mit Chicago, in dessen (fiktionalisierter) Southside der Film spielt, weil Bürgermeister und Stadtrat befürchten, der Tourismus könne Schaden nehmen. Chi-Raq heißt die US-Großstadt im Film provokant, weil dort genauso viele junge Schwarze ermordet wurden wie im gleichen Zeitraum in den Kriegen in Afghanistan und Irak. Auch mit dem Oscar-Establishment hat Lee Beef, weil er wegen der fehlenden Nominierung für schwarze Künstler seine Teilnahme an der Gala verweigert. Und mit dem Studio-System sowieso, weil er "Chi-Raq" von Amazon produzieren ließ. Der Online-Supermarkt, der ins Filmgeschäft drängt, war vermutlich so glücklich über einen Hochkaräter wie Lee, dass sie ihm alle Freiheiten ließen. Ein Glücksfall.

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Denn "Chi-Raq" ist ein wildes Experiment, eine Art "West Side Story" für die Hip-Hop-Generation, die flammend (und zuweilen ein bisschen zu didaktisch) für Liebe, Humanismus und Gerechtigkeit plädiert und gleichzeitig so fett, dynamisch und groovy wie ein Rap-Track wirkt. Als Folie für seine utopistische Geschichte aus dem Getto dient ihm die altgriechische Komödie "Lysistrata", in der bekanntlich die Frauen von Athen und Sparta, angeführt von der Titelheldin, die Akropolis erobern und ihren Männern den Sex verwehren, damit sie endlich mit dem Krieg aufhören.

Wenn Rap zu Lyrik wird

Die Lysistrata von "Chi-Raq" ist eine superscharfe foxy lady (Teyonah Parris), die geradewegs aus einem Blaxploitation-Film der Siebziger entsprungen zu sein scheint. Ihr Geliebter ist der Rapper und Gang-Leader Chi-Raq (Nick Cannon), der sich zermürbende Straßenbattles mit seinem älteren und einäugigen Gegenspieler Cyclops (Wesley Snipes) liefert. Als dabei durch einen Querschläger das kleine Mädchen Patti stirbt, beschließt Lysistrata, zu handeln und trommelt die Girls aus beiden Lagern unter dem Schlachtruf "No peace, no pussy!" zusammen: Kein Frieden? Dann aber auch kein Sex! Unterstützung erhält sie vom Priester Mike Corridan (John Cusack), dessen Charakter auf Michael Pfleger, dem echten Gemeinde-Pfarrer aus Chicagos Southside basiert.

Corrigan, der mit seiner Gospel-Predigt zu Pattis Begräbnis eine zentrale Botschaft des Films übermittelt, nämlich, dass der "self-inflicted genocide" von Schwarzen an Schwarzen, ein Ende haben muss, ist ein Weißer. Das mag irritieren, aber in die Falle, in der ohnehin aufgewühlten Stimmung angesichts der vielen Opfer von Polizei-Brutalität die Front zwischen Weiß und Schwarz noch zu erhärten, tappt Lee nicht. Der Regisseur, ein Veteran des Black Cinema und engagierter Bürgerrechtler, weiß, das eine Verbesserung der Verhältnisse, wenn überhaupt, nur im Miteinander lösbar sind. Anklagen gegen Rassismus und Repression seitens der Staatsmacht werden in "Chi-Raq" effektvoll platziert, im Vordergrund bleibt aber der Impetus, dass die schwarze Gemeinschaft sich selbst heilen und solidarisieren muss.

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Damit diese Botschaft der Liebe auch beim Zielpublikum ankommt, inszeniert Lee seinen Film wie ein flirrend buntes HipHop-Video: Durchtrainierte, leichtbekleidete Männer- und Frauenleiber winden und gerieren sich lasziv zu Beats und Soulmusik, die Dialoge werden, ihrer klassischen Vorlage gerecht, gereimt, so dass sich ein faszinierendes Hybrid aus Dichtung und Rap ergibt. Es wird gesungen und getanzt, es wird von Bootys und Vaginas gerappt, dass die Erotik nur so knistert.

Wie dusselig und uncool wirken da, angesichts so viel kluger Frauen-Power und sexy Lebensenergie die Gangster-Mythen und Gewalt-Rituale, mit denen sich die schwarze Community in den stilisierten Erzählungen des Rap-Genres zu ermächtigen glaubt, in Wahrheit aber nur lähmt. Lees Film formuliert auf überraschende Art einen Ausweg aus dieser Abwärtsspirale der Selbstzerstörung. Und das so fiebrig, unterhaltsam und humorvoll, dass man glatt dran glauben möchte.

Nur wer dient, wird Bürger

Aber mit Glaube und Hoffnung ist es ja so eine Sache. Daran, dass Amerika das gelobte Land ist, wenn man es nur irgendwie schafft, US-Bürger zu werden, daran glaubt der junge Mexikaner Nero (Johnny Ortiz) im Wettbewerbsfilm "Soy Nero" des aus Iran stammenden Regisseurs Rafi Pitts ("Zeit des Zorns"). Mit List und Chuzpe schafft es Nero in der Neujahrsnacht, als die Beamten vom Feuerwerk abgelenkt sind, den Grenzzaun nach Kalifornien zu überwinden und hofft auf ein Leben in Saus und Braus bei seinem Halbbruder Jésus in Los Angeles.

Doch der vermeintliche Heilsbringer, der vorgibt, in einer Riesenvilla in Beverly Hills zu leben, komplett mit hübscher Chica und ausgestopften Tieren im Korridor, entpuppt sich dann doch nur als Hausbursche eines reichen Rockmusikers, der nichts zu bieten hat als einen gefälschten Ausweis. Frustriert wählt Nero den harten Weg und meldet sich freiwillig zur Army, denn er weiß: Wer den Dienst an der Waffe überlebt, bekommt eine Green Card und wird legal. Dumm halt nur, wenn man vorher im Kriegseinsatz umkommt. Dann ist man zwar Amerikaner, aber tot.

Leider dehnt Pitts die zweite, in den Wüsteneien der US-Konflikte im Nahen Osten spielende Hälfte seines Films zu langatmig aus, ohne je zu der kraftvollen Erzählung vom Anfang zurückzufinden. Dennoch ist "Soy Nero" eine sehenswerte Würdigung der absurden Demütigungen, die Latino-Einwanderer auf sich nehmen und erdulden müssen, wenn sie ihr Glück in den USA finden wollen.

Für manche besteht Glück einfach nur darin, anderer Leute Texte zu redigieren und bedeutende Literatur aus ihnen zu machen. Von einem derart bescheidenen Mann handelt "Genius", die Verfilmung der gleichnamigen Biografie des New Yorker Lektors Maxwell Perkins, der in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts für den Verlag Scribner's unter anderem schillernde Schreiberlinge wie F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway und Thomas Wolfe betreute.

Colin Firth ("The King's Speech") spielt Perkins mit der ihm eigenen Ruhe und Zurückhaltung, an der sich Jude Law als wortsprudelnder Südstaaten-Rowdy Wolfe herrlich abarbeiten darf. Der britische Theater-Regisseur Michael Grandage gibt mit diesem solide und warmherzig inszenierten Literaten- und Historiendrama sein Kinodebüt. Das Drehbuch stammt vom kompetenten "Skyfall"-Autor John Logan, der Soundtrack sülzt elegisch vor sich hin, und auch Nicole Kidman spielt eine kleine Rolle. Kurzum: Ein erbaulicher Wohlfühlfilm für die gebildete Mittelschicht und Freunde des eher konventionellen Arthouse-Kinos. Das bringt dem Festival ein paar Stars auf den roten Teppich, den Wettbewerb aber nicht groß weiter.

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sysop39 16.02.2016
1. Ghetto
GHetto, Herr Borcholte, GHetto! Sonst immer ein großer Freund Ihrer Kolumne!
comtom 16.02.2016
2.
Warum hat man das Gefühl das der Artikel und die Fotos alleine dazu dient gegen Rassismus und Oscar vor zu gehen.
khalidhistory 17.02.2016
3. Gangsta-Rap
¨Wie dusselig und uncool wirken da, angesichts so viel kluger Frauen-Power und sexy Lebensenergie die Gangster-Mythen und Gewalt-Rituale, mit denen sich die schwarze Community in den stilisierten Erzählungen des Rap-Genres zu ermächtigen glaubt, in Wahrheit aber nur lähmt.¨ Der Autor vergisst dabei wohl 1. dass Spike Lee selbst doch schon immer eher radikal, eher nationalistisch war als diese milde MLK-Figur, die er in diesem Film zu sein scheint. Ohne ¨fight the power¨ und Spike Lee selbst wäre Gangsta-Rap doch ganz anders gewesen. Die ¨dusseligen¨ Rapper spielen Lee-Filmzitate in ihre Skits und berufen sich auf ihn. 2. Der Autor vergisst wohl ebenfalls... Kendrick Lamar. Nuff said.
Celegorm 17.02.2016
4.
Zitat von comtomWarum hat man das Gefühl das der Artikel und die Fotos alleine dazu dient gegen Rassismus und Oscar vor zu gehen.
Vielleicht weil der Artikel von zwei Filmen handelt, die die (rassistischen) Schattenseiten der USA ausleuchten? Die Frage ist eher: Wieso scheint Sie das zu stören?
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