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Berlinale-Tagebuch: Kein Frieden, kein Sex

Von

Parrish Lewis/ Berlinale

Lysistrata als Hip-Hop-Musical: Spike Lee inszeniert mit "Chi-Raq" ein flamboyantes Plädoyer gegen Getto-Gewalt - leider außer Konkurrenz. Umso fader wirkt dagegen zurzeit der Wettbewerb.

Ja, es wird anstrengender. Nicht nur, weil sechs Festivaltage inzwischen Spuren in den Gesichtern der Kritiker hinterlassen haben. Sie müssen sich am Potsdamer Platz gegen Minusgrade behaupten. Und im Wettbewerb der Berlinale wurden nach einem starken Start inzwischen die Mühen der Ebene erreicht (siehe Tagebuch von Montag). Umso mehr erhöht sich der Druck auf die Filme, die noch kommen. Man will aber nicht unfair sein, nur weil man morgens, nach vier, fünf Stunden Schlaf nur noch mit einem Ächzen das Haus verlässt.

Desbezüglich ist mein neues Vorbild ist Spike Lee. Klar, der US-Regisseur nervt oft mit aufgeplusterter Selbstgerechtigkeit. Nachdem man seinen umwerfenden neuen Film "Chi-Raq" gesehen hat, der leider nur außer Konkurrenz gezeigt wird, da er in den USA bereits angelaufen ist, möchte man Lee jedoch einfach nur danken, dass er ein so wagemutiger, beherzter und fantasievoller Filmemacher ist. Und das geht nicht, ohne unbequem zu sein.

Mit "Chi-Raq" hat sich Spike Lee schon wieder unbeliebt gemacht: Mit Chicago, in dessen (fiktionalisierter) Southside der Film spielt, weil Bürgermeister und Stadtrat befürchten, der Tourismus könne Schaden nehmen. Chi-Raq heißt die US-Großstadt im Film provokant, weil dort genauso viele junge Schwarze ermordet wurden wie im gleichen Zeitraum in den Kriegen in Afghanistan und Irak. Auch mit dem Oscar-Establishment hat Lee Beef, weil er wegen der fehlenden Nominierung für schwarze Künstler seine Teilnahme an der Gala verweigert. Und mit dem Studio-System sowieso, weil er "Chi-Raq" von Amazon produzieren ließ. Der Online-Supermarkt, der ins Filmgeschäft drängt, war vermutlich so glücklich über einen Hochkaräter wie Lee, dass sie ihm alle Freiheiten ließen. Ein Glücksfall.

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Berlinale: Frauenpower und Männerschicksal
Denn "Chi-Raq" ist ein wildes Experiment, eine Art "West Side Story" für die Hip-Hop-Generation, die flammend (und zuweilen ein bisschen zu didaktisch) für Liebe, Humanismus und Gerechtigkeit plädiert und gleichzeitig so fett, dynamisch und groovy wie ein Rap-Track wirkt. Als Folie für seine utopistische Geschichte aus dem Getto dient ihm die altgriechische Komödie "Lysistrata", in der bekanntlich die Frauen von Athen und Sparta, angeführt von der Titelheldin, die Akropolis erobern und ihren Männern den Sex verwehren, damit sie endlich mit dem Krieg aufhören.

Wenn Rap zu Lyrik wird

Die Lysistrata von "Chi-Raq" ist eine superscharfe foxy lady (Teyonah Parris), die geradewegs aus einem Blaxploitation-Film der Siebziger entsprungen zu sein scheint. Ihr Geliebter ist der Rapper und Gang-Leader Chi-Raq (Nick Cannon), der sich zermürbende Straßenbattles mit seinem älteren und einäugigen Gegenspieler Cyclops (Wesley Snipes) liefert. Als dabei durch einen Querschläger das kleine Mädchen Patti stirbt, beschließt Lysistrata, zu handeln und trommelt die Girls aus beiden Lagern unter dem Schlachtruf "No peace, no pussy!" zusammen: Kein Frieden? Dann aber auch kein Sex! Unterstützung erhält sie vom Priester Mike Corridan (John Cusack), dessen Charakter auf Michael Pfleger, dem echten Gemeinde-Pfarrer aus Chicagos Southside basiert.

Corrigan, der mit seiner Gospel-Predigt zu Pattis Begräbnis eine zentrale Botschaft des Films übermittelt, nämlich, dass der "self-inflicted genocide" von Schwarzen an Schwarzen, ein Ende haben muss, ist ein Weißer. Das mag irritieren, aber in die Falle, in der ohnehin aufgewühlten Stimmung angesichts der vielen Opfer von Polizei-Brutalität die Front zwischen Weiß und Schwarz noch zu erhärten, tappt Lee nicht. Der Regisseur, ein Veteran des Black Cinema und engagierter Bürgerrechtler, weiß, das eine Verbesserung der Verhältnisse, wenn überhaupt, nur im Miteinander lösbar sind. Anklagen gegen Rassismus und Repression seitens der Staatsmacht werden in "Chi-Raq" effektvoll platziert, im Vordergrund bleibt aber der Impetus, dass die schwarze Gemeinschaft sich selbst heilen und solidarisieren muss.

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Eröffnung der Berlinale: Und jetzt bitte alle recht freundlich
Damit diese Botschaft der Liebe auch beim Zielpublikum ankommt, inszeniert Lee seinen Film wie ein flirrend buntes HipHop-Video: Durchtrainierte, leichtbekleidete Männer- und Frauenleiber winden und gerieren sich lasziv zu Beats und Soulmusik, die Dialoge werden, ihrer klassischen Vorlage gerecht, gereimt, so dass sich ein faszinierendes Hybrid aus Dichtung und Rap ergibt. Es wird gesungen und getanzt, es wird von Bootys und Vaginas gerappt, dass die Erotik nur so knistert.

Wie dusselig und uncool wirken da, angesichts so viel kluger Frauen-Power und sexy Lebensenergie die Gangster-Mythen und Gewalt-Rituale, mit denen sich die schwarze Community in den stilisierten Erzählungen des Rap-Genres zu ermächtigen glaubt, in Wahrheit aber nur lähmt. Lees Film formuliert auf überraschende Art einen Ausweg aus dieser Abwärtsspirale der Selbstzerstörung. Und das so fiebrig, unterhaltsam und humorvoll, dass man glatt dran glauben möchte.

Nur wer dient, wird Bürger

Aber mit Glaube und Hoffnung ist es ja so eine Sache. Daran, dass Amerika das gelobte Land ist, wenn man es nur irgendwie schafft, US-Bürger zu werden, daran glaubt der junge Mexikaner Nero (Johnny Ortiz) im Wettbewerbsfilm "Soy Nero" des aus Iran stammenden Regisseurs Rafi Pitts ("Zeit des Zorns"). Mit List und Chuzpe schafft es Nero in der Neujahrsnacht, als die Beamten vom Feuerwerk abgelenkt sind, den Grenzzaun nach Kalifornien zu überwinden und hofft auf ein Leben in Saus und Braus bei seinem Halbbruder Jésus in Los Angeles.

Doch der vermeintliche Heilsbringer, der vorgibt, in einer Riesenvilla in Beverly Hills zu leben, komplett mit hübscher Chica und ausgestopften Tieren im Korridor, entpuppt sich dann doch nur als Hausbursche eines reichen Rockmusikers, der nichts zu bieten hat als einen gefälschten Ausweis. Frustriert wählt Nero den harten Weg und meldet sich freiwillig zur Army, denn er weiß: Wer den Dienst an der Waffe überlebt, bekommt eine Green Card und wird legal. Dumm halt nur, wenn man vorher im Kriegseinsatz umkommt. Dann ist man zwar Amerikaner, aber tot.

Leider dehnt Pitts die zweite, in den Wüsteneien der US-Konflikte im Nahen Osten spielende Hälfte seines Films zu langatmig aus, ohne je zu der kraftvollen Erzählung vom Anfang zurückzufinden. Dennoch ist "Soy Nero" eine sehenswerte Würdigung der absurden Demütigungen, die Latino-Einwanderer auf sich nehmen und erdulden müssen, wenn sie ihr Glück in den USA finden wollen.

Für manche besteht Glück einfach nur darin, anderer Leute Texte zu redigieren und bedeutende Literatur aus ihnen zu machen. Von einem derart bescheidenen Mann handelt "Genius", die Verfilmung der gleichnamigen Biografie des New Yorker Lektors Maxwell Perkins, der in den Zwanziger- und Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts für den Verlag Scribner's unter anderem schillernde Schreiberlinge wie F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway und Thomas Wolfe betreute.

Colin Firth ("The King's Speech") spielt Perkins mit der ihm eigenen Ruhe und Zurückhaltung, an der sich Jude Law als wortsprudelnder Südstaaten-Rowdy Wolfe herrlich abarbeiten darf. Der britische Theater-Regisseur Michael Grandage gibt mit diesem solide und warmherzig inszenierten Literaten- und Historiendrama sein Kinodebüt. Das Drehbuch stammt vom kompetenten "Skyfall"-Autor John Logan, der Soundtrack sülzt elegisch vor sich hin, und auch Nicole Kidman spielt eine kleine Rolle. Kurzum: Ein erbaulicher Wohlfühlfilm für die gebildete Mittelschicht und Freunde des eher konventionellen Arthouse-Kinos. Das bringt dem Festival ein paar Stars auf den roten Teppich, den Wettbewerb aber nicht groß weiter.

Mit einem orangefarbenen Chevrolet in der Wüste und einem umwerfend gut aussehenden Kommissar (Amir Jadidi, links) am Steuer beginnt der furiose Genre-Cut-up von "Ejheda Vared Mishavad!"(Wettbewerb) des Iraners Mani Haghighi. Es soll der 22. Januar 1965 sein, der iranische Premierminister ist soeben erschossen worden, einer der vielen politischen Gefangenen, die in die tiefsten Weiten Irans verbannt wurden, hat sich in einem verlassenen Schiff aufgehängt. Kaum hat der Kommissar die seltsame Behausung zu untersuchen begonnen, erschüttert ein Erdbeben das Schiff. Oder ist doch die Prophezeiung des Bauern eingetroffen, dass sich der Schlund der Erde öffnet, wenn ein Mensch begraben wird? Im Sprung zwischen den Ebenen und den Zeiten setzt sich langsam ein psychedelisches Puzzle der iranischen Vor-Revolutionsperiode zusammen. Paranoia liegt in der Luft, und auch der schöne Kommissar atmet sie tief ein - bis er, wie die Zuschauer auch, von Haghighis strahlend buntem Bilderstrudel in den Abgrund gerissen wird. Hannah Pilarczyk

Wir hatten schon vorab vermutet, dass Anja Plaschg in "Die Geträumten" (Forum) toll sein würde. Doch das ist nur ein Viertel der Wahrheit. Ohne ihren männlichen Gegenpart Laurence Rupp, das dramaturgisch überaus exakte Drehbuch von Ruth Beckermann und Ina Hartwig und nicht zuletzt Beckermanns kluge Inszenierung wäre dieses Genre-sprengende Kunstwerk nicht möglich. In einem Hörfunkstudio lesen Plaschg und Rupp im Wechsel die Liebesbriefe von Ingeborg Bachmann und Paul Celan vor. Unterbrochen sind die Lesungen von Szenen aus den Pausen, in denen sich Rupp und Plaschg platonisch annähern. Sie werden zu Resonanzkörpern für die Texte, als fernes Echo wiederholt sich zwischen ihnen das komplizierte Geflecht von künstlerischer und persönlicher Beziehung, das auch Celans und Bachmanns Beziehung so einzigartig machte. Hannah Pilarczyk

Roman Polanski hat es mit "Rosemary's Baby" 1968 vorgemacht: Eine schwangere Frau wähnt sich von einem Satanskult verfolgt, und es bleibt bis kurz vor dem Abspann unklar, ob Rosemary sich das alles einbildet oder nicht. David Farrs Filmdebüt "The Ones Below" (Panorma) nimmt den Ball von Polanski auf, schon die Titelmusik ist eine direkte Reminiszenz an das große Vorbild. Der subtile Psychothriller erzählt von einer jungen Mutter (großartig gespielt von Clémence Poésy), die den Verdacht hegt, ihre Nachbarn würden sich an ihrem neugeborenen Sohn vergreifen wollen. Dauergeschrei und Schlafentzug tun ihr übriges, Kates Wahrnehmung – und eine andere haben wir über weite Strecken des Films nicht – wird unzuverlässig. Bis kurz vor Schluss liegt die Entscheidung, ob man ihre zunehmende Angst als berechtigte Sorge oder als Paranoia sieht, beim Zuschauer. Die Auflösung aber ist dann schmerzvoll eindeutig. Benjamin Moldenhauer

Ja, man muss Lav Diaz' achtstündigen Film "Hela Sa Hiwagang Hapis" (Wettbewerb) wirklich von Anfang bis Ende ansehen, um diesem kunstvoll verschachtelten, zwischen Krimi, Phantasterei, Mythologie und echter Historie changierenden Film auf die Spur zu kommen - eine Suche nach der philippinischen Seele, wie eine der Hauptfiguren in ihrem Schlussmonolog offenbart. Nach und nach ergibt sich so ein Kunstfilm-Puzzle, bei dem man mal der einem Roman von José Rizal entnommenen Handlung um die Studenten Isagani und Basilio sowie dem verräterischen Geschäftsmann Simuon und dem schurkischen Capitan General des spanischen Regimes folgt, die meiste Zeit aber mit einer Gruppe Frauen durch den Urwald streift, auf der Suche nach Bonifacios Leichnam, dem Revolutionsführer. Diaz bezeichnet seine Filme übrigens gerne als Zen-Übung. Andreas Borcholte

Der 19-jährige Brad (Ben Schnetzer, links) wird von zwei Männern zusammengeschlagen und ausgeraubt. Physisch wieder hergestellt, aber psychisch lädiert, besucht er wenig später nicht nur dasselbe College wie sein älterer Bruder (Nick Jonas), sondern auch dieselbe Studentenverbindung. Wer hier mitmachen will, muss leiden: Der junge Regisseur Andrew Neel verwendet viel Zeit darauf, das Aufnahmeritual zu schildern. Die Kandidaten werden gedemütigt und malträtiert, Neel zitiert die Folterbilder aus Guantanamo und Pasolinis "Die 120 Tage von Sodom". Im Zentrum des von James Franco produzierten Films steht Brads Versuch, die Traumatisierung durch den Raubüberfall mittels eines bewusst gesuchten Gewaltrituals wieder aus seinem Körper herauszubekommen: Männlich sein heißt, das alles auszuhalten. "Goat" (Panorama) hat eine massive Wucht und macht klar, dass so ein Versuch nur scheitern kann. Benjamin Moldenhauer

Für eine effektive Dystopie muss man nur konsequent zu Ende denken, was in der Gegenwart als Möglichkeit enthalten ist. In der finsteren Zukunft der australisch-neuseeländischen Serie "Cleverman" ist die Gettoisierung abgeschlossen und die Gesellschaft in "Humans" und "Subhumans" unterteilt. Letztere, auch "Hairies" genannt, sind am massiven Haarwuchs zu erkennen und werden gezwungen in einer abgeriegelten Zone zu leben. Die Serie nimmt den Ball von "True Blood" auf: Etablierte verfolgen Außenseiter, und zwischen den Welten wandern die Grenzgänger. Hier aber ist die Welt ins Totalitäre gekippt, die "Subhumans" werden deportiert und gefoltert. Das Gesellschaftsbild, das entsteht, ist komplex, und es bleibt abzuwarten, ob "Cleverman" sich in seinen zahlreichen Verästelungen nicht doch noch verliert. Der Auftakt jedenfalls ist furios. Benjamin Moldenhauer

Kein einziges schönes Bild gestehen der chinesische Regisseur Yang Chao und sein Kameramann Mark Lee Ping-Bing in "Chang Jiang Tu" dem Jangtse-Fluss zu. Ausgestellte Pixeligkeit nimmt der Landschaft den Pathos, Rost und Verfall von Häfen und Schiffen werden betont. Und trotzdem ist die mehrwöchige Fahrt, die der junge Kapitän (Qin Hao) bis zur Quelle des Jangtse unternimmt, eindrücklich und ergreifend wie nur weniges im Wettbewerb. Über die Bilder legen sich Liebesgedichte, die als Text eingeblendet werden, gleichzeitig dringen von unten Politik und Geschichte Chinas an die Oberfläche – etwa als das Schiff die gigantische Drei-Schluchten-Talsperre durchquert, für deren Bau über eine Million Menschen zwangsumgesiedelt wurde. So entstehen Bilder, die flüchtig und für die Ewigkeit zugleich sind. Hannah Pilarczyk

Filme über Armut scheitern oft an ihrem anmaßenden Blick von außen. Maximilian Feldmann, Absolvent der Ludwigsburger Filmakademie, und Luise Schröder machen es besser. Ihr Diplomfilm ist ein rührend warmherziger, nicht aber verklärender 51-Minüter aus Europas größter Roma-Siedlung am Rande der mazedonischen Hauptstadt Skopje. Der Trick dabei: Die Filmemacher lassen die zehnjährige "Valentina" erzählen, ein hellwaches Mädchen mit schlitzohrigem Witz. Sie selbst stellt ihre zwölfköpfige Familie vor, erzählt von drei Schwestern, die ins Heim gesteckt wurden, vom Alltag in der kargen Einzimmerhütte, auf Müllhalden, wo man nach Verwertbarem sucht, und beim Betteln auf der Straße. In Schwarzweiß-Bilder gebannt, entsteht so ein erstaunlich lebensfrohes Bild einer nicht sehr fernen, doch fremden Welt. Kaspar Heinrich

Irgendetwas stimmt nicht mit diesem Deutschen namens "Liebmann" (Perspektive deutsches Kino). Gerade erst hat er (Godehard Giese) seinen Urlaub in einem französischen Dorf begonnen, doch er kommt nicht recht zur Ruhe, ist fahrig und angespannt. Die Essenseinladung der Nachbarn nimmt er nur widerwillig an, persönlichen Fragen weicht er aus. Zu schlafen scheint er gar nicht, hört stattdessen nächtelang Radio und betrinkt sich. Die Frage, was dieser Mann wohl verbergen will, stellt sich mit steigender Dringlichkeit. Hat er etwas mit den Toten zu tun, die seit einiger Zeit in einem nahe gelegenen Waldstück gefunden werden? Und warum legen sich immer wieder Farbfilter auf die Bilder? In ihrem verhalten erzählten Langfilmdebüt spielt Jules Herrmann geschickt mit dem Kopfkino des Zuschauers und hält so die Neugier bis zur finalen Auflösung wach. Kaspar Heinrich

Griechische Komödie als HipHop-Musical: Spike Lees "Chi-Raq" (Wettbewerb, außer Konkurrenz) ist eine Art "West Side Story" für die Rap-Generation, die beherzt für Liebe, Humanismus und Gerechtigkeit plädiert und gleichzeitig so fett, dynamisch und groovy wie ein Club-Track wirkt. Als Folie dient die Geschichte der Lysistrata. Bei Lee ist diese antike Powerfrau eine foxy lady (Teyonah Parris), die ihrem Lover, dem Rapper und Gang-Leader Chi-Raq (Nick Cannon), Sex verweigert und ihre Sisters in Chicagos Southside auffordert, es ihr gleich zu tun: "No peace, no pussy!" Auch Anklagen gegen Rassismus und Polizeibrutalität werden effektvoll platziert, im Vordergrund steht aber der Impetus, dass die schwarze Gemeinschaft sich solidarisieren muss, um die Abwärtsspirale der Gewalt zu durchbrechen. Es wird gesungen und lasziv getanzt, dass es nur so knistert - und die gereimten Dialoge ergeben ein faszinierendes Hybrid aus klassischer Dichtung und Rap. So fiebrig, unterhaltsam und humorvoll, dass man glatt an Lees Utopie glauben möchte. Andreas Borcholte

Der älteste Regisseur im Wettbewerb legt den besten Film über junge Leute vor: In "Quand on a 17 ans" verbinden sich die dynamische Inszenierungsart des 72-jährigen André Téchiné mit dem großartigen Gespür seiner Co-Autorin Céline Sciamma ("Girldhood") für das, was in den Köpfen und in den Körpern junger Menschen vorgeht, zu einer mitreißenden Erzählung. Vor schroffer südfranzösischer Berglandschaft, die die sinnlich-physischen Qualitäten der Geschichte verstärkt, begegnen sich die Mitschüler Tom (Corentin Fila, im Bild) und Damien. Freunde, Verliebte, Rivalen um die Gunst von Damiens Mutter (Sandrine Kiberlain)? Bei Téchiné und Sciamma darf jede Figur mal das eine, mal das andere und mal einfach alles auf einmal sein. Ein Film, der vor Leben birst. Hannah Pilarczyk

"Ich bin bereit für die Mutterschaft!", erklärt die Mittdreißigerin Maggie ihren Freunden und Freundinnen in New York. Einen Mann braucht sie dafür nicht, es reicht ein Samenspender, der in ihrem Freundeskreis auch schnell gefunden ist. Doch als sie gerade zur Tat schreitet, steht ein Mann in ihrer Tür, der angetan ist, ihre negative Auffassung von langfristigen Bindungen zu erschüttern. Ethan Hawke hat dafür das Potenzial, keine Frage, aber wer Greta Gerwigs Figuren aus ihren Filmen mit Noah Baumbach (zuletzt "Mistress America") gesehen hat, weiß nicht so recht, ob er ihr die Idee der Mutterschaft abnehmen soll. Das verleiht"Maggies Plan" (Panorama) seine Spannung und Komik, mehr als die Tatsache, dass Hawkes Ehefrau von Julianne Moore mit skandinavischem Akzent hart an der Grenze zur Karikatur gespielt wird. Frank Arnold

Bilder von einer Rettungsaktion vor Lampedusa gibt es in Gianfranco Rosis Wettbewerbsfilm "Fuocoammare", Bilder von Toten gibt es auch. Sie sind eindringlich, sie sind unmittelbar. Doch sie kommen viel später, als man es von einem Dokumentarfilm über die italienische Insel erwartete, die über die letzten Jahre hinweg zum Anlaufpunkt von rund 400.000 Flüchtlingen wurde. Samuele, ein zwölfjähriger italienischer Junge, steht stattdessen im Mittelpunkt, und mit ihm entfaltet sich das Drama der Flüchtlingskrise darin auf so kluge Weise neu, dass sich Rosi mit "Fuocoammare" umstandslos in den Favoritenstatus für den Goldenen Bären 2016 katapultiert. Rosis brillante Bilder, die weder bei Nacht noch unter Wasser an Klarheit einbüßen, machen deutlich, dass dieser Film nicht nur inhaltlich, sondern auch ästhetisch zwingend ist. Hannah Pilarczyk

"Wer ist Oda Jaune?" fragt Kamilla Pfeffers Dokumentarfilm (Perspektive deutsches Kino), und er begnügt sich nicht mit der Antwort: "die Witwe von Jörg Immendorff". Dessen Name fällt spät, denn längst hat sich die 1979 in Sofia geborene Jaune selbst in der Kunstwelt etabliert, als Schöpferin verrätselter, mitunter verstörender Gemälde voller Symbolkraft. Die Faszination des Films liegt im krassen Gegensatz zwischen der drastischen Körperlichkeit dieser Werke und dem ätherischen Wesen der Malerin. In Interviewsequenzen haucht sie ihre Sätze, strahlt dazu ein kindliches Lächeln in die Kamera. Dass viel Angst in ihrem Werk steckt, vermutet derweil ihr Galerist. Zu Wort kommen auch bekennende Jaune-Fans wie Lars Eidinger oder Thomas Ostermeier sowie Jonathan Meese. Für ihn ist Oda Jaune so gar nicht leise, sondern vielmehr laut - "in der Kunst." Kaspar Heinrich

Es war die große Liebe, die Mario Röllig zur versuchten Republikflucht veranlasste – die Liebe zu einem Mann aus dem Westen. Doch der Versuch endete 1987 an einem ungarischen Grenzzaun. Zwei Jahre später aus der DDR-Haft von der Bundesrepublik freigekauft, erlebte er in Berlin (West) eine herbe Enttäuschung, denn der Angebetete präsentierte sich hier als treusorgender Ehemann und Vater einer Familie, die von seinem Doppelleben nichts wusste. 25 Jahre später kann Röllig davon mit einem Lächeln erzählen. Er ist inzwischen Mitglied der CDU, wo er wegen seiner sexuellen Orientierung entsprechende Kämpfe auszufechten hat. Als Vortragender vor Schulklassen oder in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen hält er die Erinnerung an DDR-Unrecht lebendig, das führt ihn einmal sogar zu einem Auftritt in den USA, wo er sich mit seinem wenig diskussionsfreudigen Parteikollegen Kurt Biedenkopf konfrontiert sieht – eine der stärksten Szenen in Jochen Hicks Porträtfilm "Der Ost-Komplex"(Panorama), der ganz von seinem einzigartigen Protagonisten lebt. Frank Arnold

Die Filmgeschichte kennt Dutzende korrupte Cops, aber die zwei hier spielen in der allerersten Liga: Bob (Michael Peña) und Terry (Alexander Skarsgård) saufen ab Dienstbeginn, beleidigen Kollegen, überfahren Verdächtige, schieben Informanten Koks unter und ziehen es sich dann gleich vor Ort durch die Nase. "War on Everyone" (Panorama) setzt auf hohe Reizdichte und erzählt von Anfang an in Hochgeschwindigkeit. Der sehr, sehr aggressive Humor funktioniert so gut, weil der Film voller Elan über der Meta-Ebene kurvt: Regisseur John Michael McDonagh zitiert sich einmal quer die Geschichte der Buddy Movies. Gegen Ende verdüstert es sich, aber die erschütternde Wucht von „Calvary“, McDonaghs vorangegangenen Film, bleibt aus. Trotzdem aller Voraussicht nach einer der der unterhaltsamsten Filme der 66. Berlinale. Benjamin Moldenhauer

Eine junge Frau im Prag der Siebziger Jahre kommt der Welt mehr und mehr abhanden. Die erdrückend gefühlskalte Mutter verschreibt Medikamente, in der Jugendpsychiatrie kommt es zu gewalttätigen Übergriffen. Nach ihrer Entlassung zieht sich Olga Hepranová (großartig: Michalina Olszanska) in eine einsame Hütte zurück. Bald geht es mit zunehmender Geschwindigkeit Richtung Abgrund. "Ich bin eine Psychopathin, aber eine erleuchtete", sagt Olga. "Es kommt die Zeit, da werdet ihr für euer Gelächter und für meine Tränen büßen müssen." Die Regisseure Petr Kazda und Tomás Weinreb haben den realen Fall, der ihrem Spielfilmdebüt zugrundeliegt, detailliert recherchiert. "Já, Olga Hepnarová" (Panorama) kommt seiner Figur in präzise komponierten Schwarzweißeinstellungen unheimlich nahe und vermeidet zugleich jede eindeutige Diagnose. Zurück bleibt eine unerwartet heftige Beklemmung. Benjamin Moldenhauer

Gleich mehrfach lockt "Midnight Special" (Wettbewerb) den Zuschauer auf die falsche Fährte: Zunächst wähnt man sich in einem klassischen Roadmovie, denn der kleine Alton Meyer (Jaeden Lieberher) wurde entführt, die Bevölkerung von Texas wird in den TV-Nachrichten aufgefordert, nach dem Jungen Ausschau zu halten. Schnell wird jedoch klar, dass der Kidnapper der leibliche Vater ist und der Kleine übersinnliche Fähigkeiten besitzt. Mutant, Megawaffe oder Messias? Was ist dieser Alton, der aus seinen Augen helles Licht gleißen lassen kann? Und wer will hier eigentlich das Richtige? Autor und Regisseur Jeff Nichols kann packende Action ebenso sicher inszenieren wie die überraschenden Sci-Fi-Schauwerte im letzten Akt und das gefühlvoll-intime Zusammenspiel seiner durchweg großartigen Darsteller. Andreas Borcholte

Mike ist einer dieser Menschen, die man an den Schultern greifen und seine Trägheit aus ihm herausschütteln möchte. Ambitionen kennt er nicht, ihm reicht die Arbeit als Pizzabote, lädt man ihn zu einer Party ein, so steht er da stumm und reglos in der Ecke, zwischendurch trottet er mit hängenden Schultern durch die winterlichen Straßen von New York. Wird alles anders, als er für einen ehemaligen Schulfreund zeitweise dessen Wohnung und Job als Stadtführer in Philadelphia übernimmt? Soll man lachen oder weinen, wenn er sich mit einem Schlafplatz auf dem nackten Küchenfußboden begnügt? Die tragikomischen Ereignisse nehmen ihren (langsamen) Lauf. "Short Stay" (Forum) ist nach fünf Kürzestfilmen der erste (kurze) Langfilm des US-Indie-Filmemachers Ted Fendt. Er lädt den Zuschauer ein, in seiner minimalistischen Erzählweise den Reichtum der Details, der Sprechweisen und Gesten, oder auch die Körnigkeit des 16mm-Filmmaterials zu entdecken. Frank Arnold

Seine Vergangenheit ist ausgelöscht, als dem 30-jährigen Angestellten Tom eines Tages in der Londoner City ein Metallteil auf den Kopf fällt. Nach einer langen Genesungszeit plötzlich um 8,5 Millionen Pfund Abfindung reicher, nutzt er das Geld, um sein früheres Leben zu rekonstruieren. Dafür heuert er eine Reihe von Menschen an, die ihm Rituale des Alltags vorspielen, was oft zu absurden Situationen führt, zumal wenn Tom - wie ein exzentrischer Filmregisseur - dabei äußerste Präzision einfordert. Andererseits gibt es auch eine konkrete Bedrohung durch zwei Männer, die offenbar mehr wissen über Toms Vergangenheit und vor Mord nicht zurückschrecken. "Remainder" (Panorama), das Langfilmdebüt des Videokünstlers Omer Fast, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Tom McCarthy (dt: "8 1/2 Millionen") ist ein ungewöhnlicher Psychothriller mit Zügen des Paranoiakinos. Der Regisseur ist bei der diesjährigen Berlinale außerdem mit dem gerade erst fertig gestellten "Continuity" in der Sektion Forum Expanded vertreten. Frank Arnold

Im tunesischen Wettbewerbsfilm "Hedi" erzählt Mohamed Ben Attia vom antriebslosen Handelsvertreters Hedi (Majd Mastoura), der kurz vor seiner Hochzeit auf Dienstreise in einem Badeort die lebenslustige Animateurin Rim (Rym Ben Messaoud) kennen - und feststellt, dass das Leben ja noch ganz andere Dimensionen haben kann: Freiheit! Abenteuer! Hedi muss sich nur noch zwischen Tradition und Moderne entscheiden. Wo genau das Glück und die richtige Zukunft liegt, das ist gar nicht so leicht zu erkennen. Und das gilt natürlich auch für Tunesien und die anderen Länder nach den Aufwallungen des Arabischen Frühlings. Die von der Berlinale stets betonte politische Dimension lässt sich wie eine Folie über diese unaufdringliche, aber konzentriert inszenierte Geschichte legen - man kann "Hedi" aber auch einfach als berührendes Männermelodram eines vielversprechenden neuen Regietalents genießen. Andreas Borcholte

"Wer ist Oda Jaune?" fragt Kamilla Pfeffers Dokumentarfilm, und er begnügt sich nicht mit der Antwort: "die Witwe von Jörg Immendorff". Dessen Name fällt spät, denn längst hat sich die 1979 in Sofia geborene Jaune selbst in der Kunstwelt etabliert, als Schöpferin verrätselter, mitunter verstörender Gemälde voller Symbolkraft. Die Faszination des Films liegt im krassen Gegensatz zwischen der drastischen Körperlichkeit dieser Werke und dem ätherischen Wesen der Malerin. In Interviewsequenzen haucht sie ihre Sätze, strahlt dazu ein kindliches Lächeln in die Kamera. Dass viel Angst in ihrem Werk steckt, vermutet derweil ihr Galerist. Zu Wort kommen auch bekennende Jaune-Fans wie Lars Eidinger oder Thomas Ostermeier sowie Jonathan Meese. Für ihn ist Oda Jaune so gar nicht leise, vielmehr laut. "In der Kunst." Kaspar Heinrich

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Neu im Kino: Tops und Flops
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1. Ghetto
sysop39 16.02.2016
GHetto, Herr Borcholte, GHetto! Sonst immer ein großer Freund Ihrer Kolumne!
2.
comtom 16.02.2016
Warum hat man das Gefühl das der Artikel und die Fotos alleine dazu dient gegen Rassismus und Oscar vor zu gehen.
3. Gangsta-Rap
khalidhistory 17.02.2016
¨Wie dusselig und uncool wirken da, angesichts so viel kluger Frauen-Power und sexy Lebensenergie die Gangster-Mythen und Gewalt-Rituale, mit denen sich die schwarze Community in den stilisierten Erzählungen des Rap-Genres zu ermächtigen glaubt, in Wahrheit aber nur lähmt.¨ Der Autor vergisst dabei wohl 1. dass Spike Lee selbst doch schon immer eher radikal, eher nationalistisch war als diese milde MLK-Figur, die er in diesem Film zu sein scheint. Ohne ¨fight the power¨ und Spike Lee selbst wäre Gangsta-Rap doch ganz anders gewesen. Die ¨dusseligen¨ Rapper spielen Lee-Filmzitate in ihre Skits und berufen sich auf ihn. 2. Der Autor vergisst wohl ebenfalls... Kendrick Lamar. Nuff said.
4.
Celegorm 17.02.2016
Zitat von comtomWarum hat man das Gefühl das der Artikel und die Fotos alleine dazu dient gegen Rassismus und Oscar vor zu gehen.
Vielleicht weil der Artikel von zwei Filmen handelt, die die (rassistischen) Schattenseiten der USA ausleuchten? Die Frage ist eher: Wieso scheint Sie das zu stören?
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