Berlinale-Tagebuch Wenn die Angst einem den Atem nimmt

Zur Flüchtlingskrise ist schon alles gesagt und gezeigt? Mit seinem Dokumentarfilm "Fuocoammare" über das Leben auf Lampedusa beweist Gianfranco Rosi das Gegenteil und empfiehlt sich für den Goldenen Bären.

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Der Blick von Nr. 41 ist schwer auszuhalten. Der Mann, der wohl aus der Elfenbeinküste stammt, schaut direkt in die Kamera von Gianfranco Rosi, der damit die Aufnahmen der italienischen Seenothilfe nachstellt. Von Flüchtling Nr. 41 wird ein Foto samt der ihm zugeteilten Nummer gemacht, dann geht es weiter in ein Auffanglager auf Lampedusa. Und dann?

Große Hoffnungen scheint sich der Mann nicht zu machen, doch eine Alternative zur Flucht scheint es für ihn nicht gegeben zu haben. Glaubst du, ich wollte auf einem Boot mit so vielen Menschen, von denen nun mindestens 15 tot unter Deck liegen, übers Mittelmeer reisen? Das fragt der Blick von Nr. 41.

Bilder von einer Rettungsaktion vor Lampedusa gibt es in Rosis Wettbewerbsfilm "Fuocoammare", Bilder von Toten gibt es auch. Sie sind eindringlich, sie sind unmittelbar. Doch sie kommen viel später, als man es von einem Dokumentarfilm über die italienische Insel erwartete, die über die letzten Jahre hinweg zum Anlaufpunkt von rund 400.000 Flüchtlingen wurde.

Samuele, ein zwölfjähriger italienischer Junge, steht stattdessen im Mittelpunkt, und mit ihm entfaltet sich das Drama der Flüchtlingskrise darin auf so kluge Weise neu, dass sich Rosi mit "Fuocoammare" umstandslos in den Favoritenstatus für den Goldenen Bären 2016 katapultiert.

Samuele wächst auf Lampedusa auf, doch abgesehen von seiner Berufswahl - er möchte Fischer werden wie sein Vater und sein Großvater auch - scheint sein Leben kaum von den Ereignissen auf der Insel geprägt zu sein. Er schlägt sich mit den Englisch-Hausaufgaben herum, und die neue Brille, die sein schwaches linkes Auge ausgleichen soll, nervt auch. Am meisten Spaß macht es ihm noch, mit der selbstgebauten Steinschleuder auf Kakteen zu schießen.

Kann ein Leben wirklich derart unberührt bleiben von der Flüchtlingskrise? Rosi erweckt diesen Eindruck, indem er weite Teile der Wirklichkeit ausblendet: Weder zeigt er das Leben in den Auffanglagern noch die vielen freiwilligen Helfer, die sich seit Jahren auf Lampedusa engagieren. So lässt er zwei künstliche abgetrennte Sphären entstehen, die gleichzeitig dem Film seine abstrakten Qualitäten verleiht. Denn die Frage, ob ein Leben derart unberührt bleiben kann von der Flüchtlingskrise - sie muss man sich als Zuschauerin auf einem glamourösen Filmfestival zuallererst selbst stellen.

In der Festivalblase

Das Thema Flüchtlinge taucht auf der Berlinale an vielen Stellen auf - ohne dass es eine eindeutige Haltung zur eigenen Blasenhaftigkeit angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen zu geben scheint.

Am Freitagabend bei der Eröffnung der Generationen-Reihe widmete Maryanne Redpath, die Leiterin der Sektion, ihre Reihe den Geflüchteten - obwohl weder das Thema ein Schwerpunkt bei den ausgewählten Filmen ist, noch sich unter den Gästen Flüchtlinge befanden. Da erscheinen die Spendenboxen, die über das Festivalgelände am Potsdamer Platz verteilt sind, doch der sinnvollere Ansatz, wenn man als Festival einen Beitrag leisten will.

Ein bisschen wohlfeil wirkte deshalb auch die Programmierung von "Fuocoammare" - wer wollte schon einer Lampedusa-Doku die Daseinsberechtigung im Wettbewerb absprechen? Rosis brillante Bilder, die weder bei Nacht noch unter Wasser an Klarheit einbüßen, machen jedoch deutlich, dass dieser Film nicht nur inhaltlich, sondern auch ästhetisch zwingend ist. Unvergesslich die Aufnahmen, in denen eine Gruppe von Geflüchteten im Gegenlicht zu Schemen wird, während ihre Körper in knisternde, goldglitzernde Rettungsfolie gehüllt sind.

Die komplexesten Szenen gehören jedoch Samuele. Er sorgt für die Lacher, die den Film immer wieder auflockern, aber auch für Erschrecken. Je mehr man ihn in seinem Alltag erlebt, desto weniger unbescholten erscheint einem der Junge nämlich. In die Kakteen, die er mit der Zwille unter Beschuss nimmt, schnitzt er vorher Gesichter, manchmal nimmt er kleine Vögel ins Visier. Und immer wieder ahmt er ohne erkennbaren Anlass nach, wie er mit einem Sturmgewehr in die Luft schießt.

Komik und Beklemmung fallen schließlich in eins, als Samuele zum Arzt geht. Herrlich theatralisch führt er aus, was ihn gerade plagt, dramatische Handgesten inklusive: Ab und zu habe er Probleme beim Atmen. Der Arzt untersucht ihn kurz, dann diagnostiziert er, woher die Beschwerden rühren. Angst würde Samuele die Luft zum Atmen nehmen. Genauer kann man Europas emotionale Verfasstheit zurzeit kaum beschreiben.

Gegenwart unerwünscht

"Wer über die Rente reden will, fliegt raus!" So bescheidet es der Pariser Philosophielehrer Heinz (André Macon). Seine Schüler wollen über die Sozialreformen der Sarkozy-Regierung diskutieren, doch der Intellektuelle Heinz wehrt sich vehement dagegen, dass die Gegenwart in seine Unterrichtsstunden eindringt.

Ganz ähnlich scheint auch "L'Avenir" ("Was kommt"), der Wettbewerbsbeitrag der französischen Regisseurin Mia Hansen-Løve, gelagert zu sein. Im Anschluss an "Fuocoammare" programmiert, wirkt das bedächtige Porträt der wohlsituierten Philosophielehrerin Nathalie (Isabelle Huppert), die mit Heinz verheiratet ist, ebenfalls den drängenden Problemen der Gegenwart abgewandt zu sein. Doch letztlich trifft das weder auf das Leben von Heinz und Nathalie noch auf den Film zu.

Denn wenig später trennt sich Heinz von Nathalie, und sie, die so lang mit Adorno, Levinas und Schopenhauer in einer Blase gelebt hat, muss zulassen, dass ihr Leben plötzlich von den Umständen und nicht von der Philosophie bestimmt ist. Und es wird nicht bei dem einen Umbruch bleiben, Nathalies Mutter wird zusehends kränker, und die Essayreihe, die sie herausgibt, wird von ihrem langjährigen Verlag immer mehr infrage gestellt.

Wie wird sie das alles verkraften? Aufmerksam, aber auch aus respektvoller Distanz folgt "L'Avenir" Nathalie über mehrere Jahre hinweg. Gekonnt nimmt Huppert die Nuancen von Hansen-Løves Drehbuch auf und verleiht Nathalie Facette um Facette. Wann sie weint, wann sie lacht, lässt sich kaum erahnen, so enigmatisch, aber auch so im Wandel begriffen ist ihre Nathalie.

Eine komplexe Frauenfigur ist Hansen-Løve damit zweifellos gelungen. Aber ist Nathalie auch eine gute Filmfigur? Mehr noch als in ihrem auch nicht gerade bildstarken Vorgängerfilm "Eden" über die französische House-Szene fehlen Hansen-Løve die zwingenden Bildideen. In "L'Avenir" wird noch mehr geredet, als man es von einem Film über eine Philosophielehrerin eh erwarten würde. Dass sich die Eindrücke, die man von Nathalie immer wieder aufs Neue gewinnt, überschreiben, ist natürlich gewollt. Aber dass keines der Bilder von ihr hängen bleibt, macht die Schwächen von "L'Avenir" nur zu deutlich.

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