Berlinale "Touch Me Not" gewinnt Goldenen Bären

Der rumänische Experimentalfilm "Touch Me Not" von Adina Pintilie hat bei der 68. Berlinale den Goldenen Bären gewonnen. Die Regisseurin erforscht in ihrem Werk die Spielarten und Grenzen menschlicher Sexualität.

Regisseurin Adina Pintilie (3.v.l.)
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Regisseurin Adina Pintilie (3.v.l.)


Der radikale rumänische Experimentalfilm "Touch Me Not" hat bei der 68. Berlinale den Goldenen Bären gewonnen. Regisseurin Adina Pintilie erforscht in ihrem semidokumentarischen Film die Spielarten und Grenzen menschlicher Sexualität.

Während des Festivals hatte das auch mit deutschem Geld realisierte Werk die Kritiker gespalten. Als Präsident der Jury hatte sich Regisseur Tom Tykwer ("Lola rennt") "wilde und sperrige" Filme gewünscht. Es ist das zweite Mal, dass ein rumänischer Film die höchste Auszeichnung des Festivals gewinnt. Die deutschen Favoriten gingen leer aus, obwohl ihnen zum Teil große Chancen eingeräumt worden waren.

SPIEGEL-ONLINE-Kritiker Andreas Borcholte schrieb über "Touch Me Not": "Ums Aushalten und das Ertasten von Zumutungsgrenzen geht es, wenn ein durch spinale Muskelatrophie schwer behinderter Mann über seine Lust und Sexualität berichtet und man ihn gemeinsam mit seiner Frau auch beim Akt in einem BDSM-Club sieht." Mehr über diesen Film und andere Berlinale-Highlights lesen Sie hier.

Großer Preis der Jury

Den Großen Preis der Jury holte am Samstagabend die polnische Regisseurin Malgorzata Szumowska mit ihrer Gesellschaftsparabel "Gesicht" ("Twarz"). Satirisch und anrührend erzählt sie von einem jungen Mann, der nach einer entstellenden Gesichtstransplantation nicht nur in seinem Umfeld, sondern auch in der eigenen Familie abgelehnt wird.

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Berlinale 2018: Die besten Filme des Festivals

Beide Filme gehörten bei den Kritikern nicht zu den heißen Favoriten. "Wir haben herausgefunden, dass wir nicht nur das würdigen wollen, was Kino kann, sondern auch das, wo es noch hingehen kann", sagte Jury-Präsident Tykwer.

Alfred-Bauer-Preis

Die Jury-Entscheidung bewies aber erneut, dass Frauen bei dem Festival eine ungewöhnlich starke Rolle spielten. Das gilt auch für den paraguayischen Film "Die Erbinnen" ("Las herederas") von Marcelo Martinessi, der den Alfred-Bauer-Preis erhielt. Die Auszeichnung gilt einem Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet. Ana Brun bekam für ihre Rolle in dem tragikomischen Drama um ein alterndes lesbisches Paar den Silbernen Bären als beste Darstellerin.

Bester Schauspieler

Zum besten Schauspieler kürte die Jury den Franzosen Anthony Bajon, der in Cédric Kahns "Das Gebet" einen 22-jährigen Drogenabhängigen spielt. Intensiv und glaubwürdig zeichnet er den zermürbenden Kampf gegen die Drogensucht nach, der ihm mit Hilfe des Glaubens gelingen soll.

Als großer Anwärter auf den Darstellerpreis war auch der 32-jährige Berliner Franz Rogowski gehandelt worden. Der diesjährige Shootingstar der Berlinale überzeugte sowohl in Christian Petzolds Flüchtlingsdrama "Transit" wie auch in Thomas Stubers poetischem Liebesfilm "In den Gängen".

Weder er noch die grandiose Marie Bäumer als Romy Schneider ("3 Tage in Quiberon") konnten einen der begehrten Darstellerpreise ergattern. Auch in anderen Kategorien wurde der deutsche Film nicht bedacht, obwohl er mit 4 von 19 Kandidaten besonders gut vertreten war.

Beste Regie

Den Silbernen Bären für die beste Regie sprach die Jury dem US-Kultfilmer Wes Anderson zu. Mit seiner märchenhaften Hundeparabel "Isle of Dogs" hatte erstmals ein Animationsfilm die Berlinale eröffnet. Seine Stop-Motion-Tricktechnik kam auch beim Publikum gut an.

Bestes Drehbuch

Der mexikanische Regisseur Alonso Ruizpalacios holte für seinen vergnüglichen Verbrecherfilm "Museo" gemeinsam mit seinem Kollegen Manuel Alcalá den Silbernen Bären für das beste Drehbuch. Elena Okopnaya bekam die Auszeichnung für ihre herausragende künstlerische Leistung bei Kostüm und Design in dem stimmungsvollen Schriftstellerdrama "Dovlatov" von Alexey German Jr.

Insgesamt waren bei dem elftägigen Festival 385 Filme aus 78 Ländern zu sehen. Am Sonntag geht die Berlinale mit einem Publikumstag zu Ende. Im vergangenen Jahr hatte der ungarische Liebesfilm "Körper und Seele" von Ildikó Enyedi den Goldenen Bären gewonnen.

mik/dpa/AFP



insgesamt 9 Beiträge
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Newspeak 24.02.2018
1. ...
Klingt nach der üblichen Selbstbeweihräucherung im Kulturbetrieb. Klar radikal...Sex...starke Frauen...irgendwas arthousemässiges...morgen schon vergessen und gesellschaftlich kaum relevant. Anderenfalls hätte man doch ein bisschen mehr Inhaltliches über den Gewinnerfilm schreiben können, statt nur wer ihn mag und wer nicht.
winterwoods 24.02.2018
2. Ach kommt schon...
Da ich zu den 60% gehört hätte, die den Saal noch während des Filmes verließen, erspare ich mir hier jeden weiteren Kommentar, hoffe aber inständig, dass irgendwann wieder einmal echte Kultur und Kunst in die deutsche Filmszene Einzug hält, anstatt nur das unreife, pseudo-rebellische Niederreisen moralischer und kultureller Sandburgen. Hier wolle "Intimität erforscht" werden. Natürlich öffentlich, und im Kino, durch Exhibitionismus und Voyeurismus. Das ist doch lächerlich.
rainer82 24.02.2018
3. Erfreulich ist,
Dass gerade jene Filme preisgekrönt wurden, die gesellschaftlich relevante Themen aufgreifen, die uns auf den Nägeln brennen. So aktuell und nahe am Menschen unserer Zeit kann Kino sein.
im_ernst_56 25.02.2018
4. Berlinale, who cares
Die Auszeichnung mit dem Goldenen Bären ist schon lange kein Grund mehr, sich einen Film anzusehen.
JocMet1967 25.02.2018
5. Na ja... 3 Flips auf YouTube...
... haben gereicht, ich brauche echt kein Mainstream, aber auf der anderen Seite, wenn ich sowas sehe, ich kann mir auch anderweitig meinen Abend versauen. Nein danke.
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