Highlights im Berlinale Wettbewerb Ist das noch Geschichte oder schon Gegenwart?

Regisseur Christian Petzold erzählt in "Transit" von Flüchtlingen in der NS-Zeit, in "Dovlatov" beschreibt Alexej German Jr. russische Künstler mit Arbeitsverbot in der Breschnew-Ära. Die Filme sind erschreckend aktuell.

Paula Beer und Franz Rogowski in "Transit"
Schramm Film / Marco Krüger

Paula Beer und Franz Rogowski in "Transit"

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Etwa 2000 Kilometer entfernt von Casablanca liegt Marseille. Zwei Städte, die durch ihre große Häfen und damit durch das Ankommen und den Abschied, das Nicht-lang-bleiben-wollen geprägt sind. Symbolisch näher rücken die beiden Städte nun durch Christian Petzolds Film "Transit", der als erster deutscher Film im Wettbewerb der 68. Berlinale gestartet ist. Die tragische Liebesgeschichte von den zwei Geflüchteten Rick und Elsa, die die marokkanische Küstenstadt vor 76 Jahren durch den gleichnamigen Kinofilm weltbekannt machte, verdoppelt und verdreifacht sich bei ihm als Echo in den Gassen von Marseille.

Nach Marseille hat es den Deutschen Georg (Franz Rogowski) eher zufällig verschlagen, wobei es zu diesem Zeitpunkt eigentlich keine Zufälle mehr gibt, sondern nur noch Schicksal: Die Nazis haben Paris eingenommen und kämpfen sich zum Mittelmeer vor. Selbst wer es bis Marseille geschafft hat, sollte schauen, dass er noch einen der Dampfer nach Amerika erwischt. Die Pläne für Lager und für Säuberungsaktionen, das ahnen die Menschen auf den Straßen und in den Cafés, sind längst gemacht.

Für Georg ergibt sich die Chance auf Ausreise wiederum unversehens, eine Verwechslung hat ihm eine falsche Identität samt Pass, Visum und Transitscheinen beschert - und eine Ehefrau namens Marie, die nichts vom Tod ihres Mannes weiß. Auf Marie (gespielt von Paula Beer) wird Georg im Verlauf der drei Wochen, die er auf sein Schiff warten muss, immer wieder treffen und sich schließlich in sie verlieben. Vielleicht treibt ja die Geschichte die Liebenden ausnahmsweise zusammen und nicht auseinander wie einst Rick und Elsa.

Auf unsicherem Boden

Georg wird aber auch auf andere Geflüchtete treffen, deren Geschichten er erst nicht hören will, und ihnen dann doch zugestehen muss, dass sie ein Recht darauf haben, ihre Schicksale zu erzählen. Der Nachhall, den diese Erzählungen auf der Grundlage von Anna Seghers Buch gleichnamigen Buch Transit bis in die Gegenwart haben, ist gewollt, und er wird verstärkt durch einen einfachen Trick: Petzold hat im Marseille der Jetzt-Zeit gedreht, ohne historische Kulissen oder Kostüme. Allein die Umstände und die altdeutsche Schrift auf den Briefen verweisen auf die Vergangenheit. Der Rest ist so akut jetzt, wie es für einen Film nur sein kann.

Dieses Vexierspiel mit den Zeiten, das mal die Gegenwart, mal die Vergangenheit in einer Szene aufscheinen lässt, funktioniert verblüffend gut. So wie sich Petzold und sein Team nicht um die historische Ausstattung kümmern mussten, kann man sich auch als Zuschauer auf die Figuren fokussieren. Dass sich Spiel- und Drehzeit nicht decken, sorgt aber auch für Unschärfen oder besser: Überblendungen, die Fragen aufwerfen. Denn wie sinnvoll ist es, in den schwer bewaffneten Soldaten, die durch Marseille stapfen, mal deutsche Besatzer, mal französische Ausnahmezustands-Bataillone zu erkennen?

Eine definitive Antwort bei einem Film zu erwarten, der das Nichtfestgelegte im Titel trägt, wäre zugleich vermessen. Bei "Transit" befindet man sich auf einer schrägen Ebene, die keinen Halt bietet - und das bedeutet im deutschen Kino, das lieber drei Mal fest aufstampft, als den Boden unter den Füßen zu verlieren, außerordentlich viel.

Milan Maric (rechts) als Sergej Dovlatov
SAGa

Milan Maric (rechts) als Sergej Dovlatov

Transit ist nicht der einzige, herausragende Film im diesjährigen Wettbewerb der Berlinale. Mit einem Geschichtsbild, das es nicht nötig hat, die gröbsten Kategorien und die stärksten Kontraste zu bemühen, findet "Transit" in im russischen Film "Dovlatov" beste Gesellschaft - und wird von diesem aber an emotionaler Wucht übertroffen. Obwohl Alexej German Jr. es in seinem Porträt des sowjetischen Schriftstellers und Dichters Sergej Dovlatov nicht auf Betroffenheit oder gar Sentimentalität anlegt.

German Jr. zeigt einen Alltag der Möglichkeiten, der Schlupflöcher und der Notlösungen. Von den gesellschaftlichen Aufbrüchen unter Chruschtschow ist wenig geblieben, in der UdSSR der Siebziger sind Schriftsteller darauf angewiesen, im parteinahen Schriftstellerverband Mitglied zu sein, sonst werden sie nicht gedruckt. Aber manchmal geht dann eben doch noch was, und nach solchen Momenten sucht Dovlatov (Milan Maric). Er wird mit seinen Manuskripten und, wenn es sein muss, auch mit einer Flasche französischem Cognac bei denen vorstellig, die etwas drehen könnten.

Wer die Geschichte kennt, weiß, dass für Dovlatov zu Lebzeiten nie etwas gedreht wurde. Während der Zeit der Sowjetunion, genauer: der Breschnew-Ära, wurde nichts von ihm veröffentlicht, erst nach seinem frühen Tod 1990 mit 48 Jahren stieg er zu einem der meistgelesenen Schriftsteller Russlands auf. Diese Tragik kostet German allerdings nicht aus, denn wie Dovlatov geht es ihm um das Detail, die kleine Tragik, die das Leben von Menschen und nicht von Helden ausmacht. Er werde doch nicht den großen Gesellschaftsroman schreiben, gesteht Dovlatov seinem Freund Joseph Brodsky, dem späteren Literaturnobelpreisträger. Er könne nur durchs Schlüsselloch gucken und beschreiben, was er sehe.

Das Schicksal einer Generation

Wie um die Gültigkeit von Dovlatovs literarischem Ansatz zu bestätigen, erzählt auch Germans Film nur innerhalb eines winzigen Ausschnitts, nämlich von einer Woche in Dovlatovs Leben. Die Szenen - bei Feierlichkeiten zum Jahrestag der Oktoberrevolution, beim Propagandadreh auf einer Schiffswerft sind dabei klug gewählt, vor allem sind sie aber wunderbar gefilmt und belebt mit Figuren der russischen Kulturszene.

Denn Dovlatov ist von Menschen umgeben, die wie er um ihre Werke ringen, die nicht veröffentlicht werden und nicht ausstellen dürfen. Sie reichern den Film zu einem Gruppenporträt an, aus dem Dovlatov durch seine bullige Statur und seine beständige Ironie heraussticht. Doch German weiß, dass die größte Tragik in Dovlatovs Leben nicht darin bestand, dass er ein Einzelschicksal erlebte - sondern dass sein Schicksal das einer ganzen Generation an Künstlern war, die nicht gelesen, gesehen, gehört werden durften.

"Ich glaube, wir sind die letzten, die die russische Literatur retten können", sagt Dovlatov an einer Stelle. Mit seinem herausragenden Film tut Alexej German Jr. das Seinige, um Dovlatovs Diktum doch noch wahr werden zu lassen.

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