Filmprovokateur Seidl: Ein dickes Kind macht glücklich

Von Jörg Schöning

Eine maßlose Sex-Touristin, eine masochistische Katholikin: Bisher hat Ulrich Seidl mit der "Paradies"-Trilogie in Abgründe geblickt. Auf der Berlinale läuft nun der Abschlussfilm "Hoffnung" - und verstört, weil er so heiter geraten ist. Obwohl ein dickes Mädchen an ihrer ersten Liebe scheitert.

Wann hat es das jemals gegeben? Zuschauer, die am Ende eines Ulrich-Seidl-Films zur Abspannmusik mitklatschen! So geschehen bei der ersten Pressevorführung von "Paradies: Hoffnung", mit dem der österreichische Filmemacher seine Trilogie über drei Frauen und ihre Suche nach dem Glück beschließt. Noch ehe das in Berlin versammelte Weltkino also sein Elend über Kritiker und Kinobesucher ergießt, hat der Berlinale-Wettbewerb einen lichten Moment. Und den verdankt er ausgerechnet einem Regisseur, der berühmt ist für seine grimmige Sicht auf die Menschen und ihre Lebensverhältnisse.

In "Paradies: Liebe" hat Seidl schonungslos die Erlebnisse einer Sextouristin in Kenia dargestellt; in "Paradies: Glaube" - der am 21. März ins Kino kommt - provokant von den Selbstgeißelungen einer bekehrungswütigen Katholikin erzählt. "Paradies: Hoffnung" handelt nun von einer übergewichtigen 13-Jährigen (Melanie Lenz), die ihre Sommerferien in einem Diät-Camp verbringt und sich dort in einen 40 Jahre älteren Kinderarzt (Joseph Lorenz) verliebt. Nach den bitteren Analysen der vorangegangenen Filme überrascht Seidl hier durch einen geradezu zärtlichen Blick. Dabei schien sein Film zunächst wieder Schlimmes anzukündigen.

"Rein in die Folterkammer!", raunzte da der Diättrainer (Michael Thomas) seine schutzbefohlene Schar dicker Kinder an, ehe er sie mit einer imaginären Peitsche zum Rundlauf in der Turnhalle antrieb. Wie ein Dompteur wirkte er. Und mehr noch: wie ein Regisseur, der - wie Seidl selbst in seinen berühmten "Seidl-Tableaus" - seine Protagonisten nach Gutdünken zu absolutem Stillstand, dann wieder zu exaltierten Ausbrüchen zwingt.

Als eine "Folterkammer", sagt Ulrich Seidl im Interview, möchte er das Kino, wie er es betreibt, aber doch nicht bezeichnet wissen. "Weil es am Ende aller meiner Filme, trotz aller Irritationen, trotz aller Schrecklichkeiten, denen man sich als Zuschauer vielleicht aussetzen muss, trotz aller Verstörungen letztlich immer darum geht, das eigene Bewusstsein zu hinterfragen oder zu einem anderen Bewusstsein zu kommen. Letztendlich ist dies ein positiver Prozess."

Und deshalb, dessen ist sich Seidl sicher, "funktionieren diese Filme auch beim Zuschauer. Weil sie erhellend sind. Auch wenn man vorher ein bisschen gefoltert wird - indem man Wahrheiten gesagt und gezeigt bekommt, die man nicht so gerne sehen möchte. Wir alle wollen diese Dinge nicht gern sehen. Wir alle wollen nicht gern in den Spiegel schauen. Und wenn man dazu gezwungen wird, ist es unangenehm."

Seinen neuen Film freilich findet er selbst "nicht so irritierend. Es mag daran liegen, dass es hierbei um Kinder geht, um Hoffnung und um Unschuld." Tatsächlich verbreiten in "Paradies: Hoffnung" die rund 20 jugendlichen Darsteller, für die der Regisseur während der Dreharbeiten tatsächlich ein "Diät-Camp" veranstaltet hat, von vornherein eine so autarke Atmosphäre, dass die Folterinstrumente der Erwachsenenwelt nicht wirklich greifen.

Dick, albern, aber unbedingt liebenswert

Sie hätten durchaus ihren Spaß gehabt während des Drehs, weiß Seidl zu berichten, "und dauernd versucht, alle Regeln zu unterlaufen". Tatsächlich teilt sich ihr Spaß bei den Kissenschlachten, pubertären Pfänderspielen und erotischen Hochstapeleien dem Zuschauer umstandslos mit. Sie mögen noch so dick und albern sein, man schließt sie sofort ins Herz. Damit gelingt Seidl etwas, was er programmatisch schon länger verfolgt: "Gerade in dem Ungeschönten liegt für mich so etwas wie Schönheit."

Gegen alles Glatte sträubt sich der 60-Jährige. Noch immer dreht er seine Filme auf Super16mm-Material und nicht, wie inzwischen gang und gäbe, digital. "Ich finde, dass Film noch immer etwas anderes ist. Dass es mehr Leben hat. Und eine andere Struktur. Das sieht man auch am Endergebnis: Wir sind inzwischen so sehr an Hochglanz gewöhnt, dem will ich mich nicht anschließen." Der ästhetische Gewinn, der aus den grobkörnigen Filmaufnahmen entsteht, wird in den vergrößerten Bildkadern, die die Galerie C/O Berlin noch bis Mitte März ausstellt, geradezu augenfällig.

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Berlinale: Das ist die Jury
Anders als in den ersten beiden Höllenvisionen der "Paradies"-Trilogie zeigt Seidl - dessen Bilderwelten man üblicherweise ansieht, dass er sich in seiner Jugend von Goya und Hieronymus Bosch inspirieren ließ - diesmal paradiesische Bilder, die unmittelbar einleuchten. So etwa ein halbnacktes Paar in einer sommerlichen Waldlandschaft, womit Seidl auch persönliche Erinnerungen verbindet. "Ich selber bin der Natur sehr nahe. Ich bin im Waldviertel, im Norden von Österreich, aufgewachsen und als Kind sehr viel bei meiner Großmutter auf dem Land gewesen."

Als "innerer Katholik", als den man Seidl widerspruchslos bezeichnen darf, weiß er nur zu gut, dass das Paradies vor allem die Voraussetzung für den Sündenfall schafft. Dass dieser hier in letzter Konsequenz ausbleibt, bedeutet einen Zugewinn an Freiheit, weil die Regelhaftigkeit der Seidl-Filme, an deren Boshaftigkeit man beinahe schon gewöhnt war, so unterlaufen wird.

Zwar "scheitert das Mädchen an ihrer ersten Liebe", so Seidl, "denn es kommt ja nicht zur Erfüllung. Am Ende glaubt sie, dass sie dem gängigen Schönheitsideal nicht entspricht und deshalb von diesem Mann nicht geliebt wird." Ganz gewiss hat das etwas Tragisches. Und dennoch ist es natürlich ein Segen. Nicht nur für das junge Mädchen, sondern auch für die Kinozuschauer. Wir sind noch mal davongekommen - dieses Gefühl stellt sich am Ende ein. "Clap your fat" heißt übrigens das fröhliche Kinderlied, zu dem das Publikum mitklatschte.

Für "Paradies: Glaube" hat Seidl im vergangenen Jahr beim Filmfestival in Venedig den Spezialpreis der Jury erhalten. Der jüngste Film seiner Trilogie, der heiterste, der hellste, ja, der humanste, darf sich Hoffnung auf mehr machen.

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