Berlinale-Tagebuch Unser Lehrer Doktor George

Über Kunstgeschichte und deutsche Dichter gibt es viel zu wissen, malen wir's aus: Dominik Graf und George Clooney suchen mit "Die geliebten Schwestern" und "Monuments Men" am ersten Berlinale-Wochenende zweimal das große Historiendrama. Ergebnis ist oft nur gediegenes Telekolleg Geschichte.

SPIEGEL TV

Was gesehen? "Die geliebten Schwestern" von Dominik Graf (Deutschland, Wettbewerb); "Monuments Men" von George Clooney (USA, außer Konkurrenz)

Wie war's? Lang und wirklich wunderhübsch anzusehen. 170 Minuten braucht der deutsche Regisseur Dominik Graf, um eine zwischen 1788 und 1801 währende Liebes-Dreiecks-Geschichte zwischen dem Dichter Friedrich Schiller und den beiden Schwestern Charlotte und Caroline von Lengefeld zu erzählen. Immerhin zwei Stunden lang kurvt der in amerikanischer Army-Uniform blendend aussehende George Clooney im Militärjeep mit einer Liga von kunstbegeisterten Gentlemen durch das zwischen bösen Nazis und alliierten Soldaten noch schwer umkämpfte Europa der Jahre 1944 und 1945. Beide Male staunt man über schöne Kostüme, prachtvolle Ausstattung und einen Regisseursblick, der die Hauptdarsteller mit großer Zuneigung betrachtet (was im Fall von George Clooney eine Spur zu sehr für den Hauptdarsteller George Clooney gilt), in beiden Filmen ist der Kinozuschauer Ziel einer gelehrten Unterweisung.

Fangen wir mit Clooneys heiß erwarteter Geschichtslektion "Monuments Men" an. Am Anfang und am Ende des Films sieht man den Schauspieler Clooney in der Rolle des Kunsthistorikers Frank Stokes einen Diavortrag vor dem US-Präsidenten mit berühmten Altarbildern oder Gemälden von Rembrandt und anderen Malerfürsten halten. Die Nazis hatten die Kunst aus Gent, Paris und vielen anderen besetzten Städten geklaut. Zwischen den Diaschauen berichtet der Regisseur Clooney sehr didaktisch von der heroischen Arbeit jener amerikanische Sondereinheit, die im Auftrag der westlichen Alliierten riesige Kunstschätze vor der Zerstörung durch die Nationalsozialisten und vor den Russen rettete.

Die Rekrutierung der beherzten Kunstretter (darunter Bill Murray und Matt Damon) funktioniert wie die der Gentlemen-Gangstertruppe in "Ocean's Eleven", der Trip durchs kriegsgebeutelte Europa ist halb "Indiana Jones" und halb "Der englische Patient". Nur eigene Kraft entwickelt der Film leider viel zu selten, obwohl Cate Blanchett eine stolze Pariser Résistance-Frau spielen darf und unter den Helden auch tapfer gestorben wird. Wo so viele Menschen zur Befreiung Europas von Hitler hingeschlachtet werden im Krieg, lohnt es sich, noch ein paar Menschenleben mehr für Kunstwerke zu riskieren?, fragt unser Lehrer Doktor George gleich mehrmals in diesem sehr sympathischen, sehr klugen, aber leider auch sehr biederen Film. Und bejaht, weil große Kunst, so erfahren wir, die "Grundlage der modernen Gesellschaft" ausmacht. Hmm.

Der deutsche Regisseur Dominik Graf, der für seinen furchtlosen und oft knallharten Eigensinn bekannt ist und sich um Genregrenzen wenig schert, schwelgt in "Die geliebten Schwestern" in der atmosphärischen Herbeirufung einer berühmten Epoche, der Weimarer Klassik. Wie könnte es eigentlich gewesen sein zu Goethes, Schillers, Charlotte von Steins und Charlotte von Kalbs Zeiten? Das ist die Kernfrage seines Films. Graf zeigt, wie das rotbäckig-zauberhafte Mädchen Charlotte (Henriette Confurius), Tochter einer verarmten adligen Witwe aus Rudolstadt, in den Salon der Freifrau von Stein nach Weimar kommt. Dort lernt sie statt eines zur Ehe bereiten reichen Mannes nur den armen, aber als Dichter schon berüchtigten Schlucker Friedrich Schiller (Florian Stetter) kennen. Schiller verbringt alsbald einen Sommer in Rudolstadt, wo er ein kleines Kind vorm Ertrinken rettet, selbst schwer krank wird und mit Charlotte und ihrer unglücklich verheirateten Schwester Caroline (Hannah Herzsprung) eine sensationell unerhörte Liebesgeschichte zu dritt anfängt. Charlotte heiratet er, mit Caroline hat er den aufregenderen Sex.

"Die geliebten Schwestern" ist eine erstaunlich konzentrierte, oft sogar elegante Exkursion in eine Zeit, in der man Zeitschriften und Bücher noch in übelriechenden Tübinger Druckstuben produzierte und außerehelichen Sex offenbar bisweilen in voller Bekleidung absolvierte. Nicht die hölzernen Auftritte mancher weiblicher Nebendarstellerinnen, nicht manche schwülstigen Dialogsätze und nicht die epische Filmlänge machen Grafs Werk aber zu einer zuletzt doch strapaziösen Prüfung, sondern die Abwesenheit aller großen Emotionen: Die himmelstürmende, außergewöhnliche, skandalöse Leidenschaft, von der hier angeblich berichtet wird, ist für den Kinozuschauer leider in keiner Sekunde zu spüren.

Beste Szene? Matt Damon steht in "Monuments Men" gefühlte fünf Minuten lang mit einem Fuß auf einer scharfen deutschen Landmine und wird von seinen Kameraden in dieser Zeit ausgiebig dafür gehänselt, wie er nur in so eine enorm idiotische Lage kommen konnte.

Schlimmste Szene? Bill Murray hört in "Monuments Men" unter der Zeltdusche über den Feldlager-Lautsprecher ein Weihnachtslied, dass ihm seine Lieben zu Hause in Amerika aufgenommen haben - und muss ins Duschwasser heulen.

Star des Tages Erstaunlicherweise nicht der auch in "Monuments Men" grundsympathische Zausel Bill Murray, sondern der Kino-Newcomer Florian Stetter als Schiller: ein charmanter, lässiger, bei allem Selbstbewusstsein nie von sich und seiner Bedeutung übermäßig ergriffener Dichter. Also ein heiter strahlendes Gegenbild zu sämtlichen zeitgenössischen deutschen Großdichtern der Gegenwart, von Günter Grass bis Christian Kracht.

Was gelernt? Schiller hatte bestimmt Recht, als er im "Don Carlos" dichtete: "Große Seelen dulden still." Im Kino ist es trotzdem verhängnisvoll, wenn der Regisseur die Ereignisse aus dem Off kommentieren muss. Dominik Graf tut das tatsächlich selbst.

Hier finden Sie unsere Kritik zum 2. Wettbewerbstag.

Der Berlinale-Wettbewerb im Überblick

The Grand Budapest Hotel
Ein einsames Hotel, irgendwo in den Bergen. Was sich anhört wie die erste Szene in Stanley Kubricks Horrorkultfilm "Shining", wird in den Händen des amerikanischen Weirdo-Regisseurs Wes Anderson zur Fabel über Gesellschaft, Familie und Liebe im Europa der zwanziger Jahre: Als ein Hotelconcierge nach einer Affäre mit einer steinreichen Greisin zu deren Alleinerben erklärt wird, überschlagen sich die Ereignisse. Besetzt u.a. mit einer Tilda Swinton, die mal nicht ihre androgyne Schönheit ausspielt, sondern als steinalte Millionärin vor lauter Hängebacken kaum zu erkennen ist. Anderson eröffnet dieses Jahr die Berlinale, 2002 war er bereits mit "The Royal Tenenbaums" und 2005 mit "Die Tiefseetaucher" im Wettbewerb vertreten, gewonnen hat er noch nicht.

Kraftidioten
Vielleicht drehen Filmemacher aus dem hohen Norden so viele Komödien mit Brutalo-Touch, weil Blut auf weißem Schnee besonders gut aussieht. Der norwegische Regisseur Hans Petter Moland bildet mit seinem Wettbewerbsbeitrag keine Ausnahme: Als Schneepflugfahrer Nils vom Tod seines Sohns erfährt, beginnt er eigene Nachforschungen. Und taucht in die norwegische Unterwelt ab. Regisseur Hans Petter Moland war schon vor vier Jahren mit der Tragikomödie "Ein Mann von Welt" im Berlinale-Wettbewerb. Stellan Skarsgård spielte damals einen schweigsamen Ex-Häftling. Jetzt gibt er den schweigsamen Schneepflugfahrer. Auch dabei: Bruno Ganz als serbischer Mafiaboss.

Zwischen Welten
Vor zehn Jahren gewann Fatih Akin mit "Gegen die Wand" den Goldenen Bären. Seitdem konnte sich kein deutscher Film mehr im Wettbewerb durchsetzen. Dieses Jahr starten mit vier Filmen immerhin so viele deutsche Produktionen im Wettbewerb wie seit 18 Jahren nicht mehr. Einer von ihnen ist Feo Aladags Drama über den Einsatz von Isaf-Soldaten in Afghanistan: Obwohl sein Bruder beim Dienst in Afghanistan ums Leben kam, meldet sich der deutsche Soldat Jesper wieder zum Einsatz, um in dem Land ein abgelegenes Dorf vor den Taliban zu schützen. In den Hauptrollen: Ronald Zehrfeld und der noch unbekannte Mohamad Mohsen.

Die geliebten Schwestern
Seit acht Jahren hat Dominik Graf bei keinem abendfüllenden Kinofilm Regie geführt, erschuf mit der Mini-Serie "Im Angesicht des Verbrechens" dafür aber das Interessanteste, was der deutsche TV-Krimi in den letzten Jahren zu bieten hatte. Doch auf Genres oder gar aufs Medium festlegen lässt sich der Mann nicht. So geht es in seinem Berlinale-Wettbewerbsbeitrag um ein polyamouröses Beziehungsgeflecht zur Zeit der Weimarer Klassik: Der Dichter Friedrich Schiller liebt zwei Schwestern. Die unglücklich verheiratete Caroline und ihre Schwester Charlotte teilen sich den Autor. Als Caroline schwanger wird, zerbricht das fragile Gleichgewicht der Dreierbeziehung.

Jack
Jack schmeißt den Haushalt, weckt morgens den kleinen Bruder, macht das Essen. Denn einen Vater hat der Zehnjährige nicht, und die Mutter ist kaum da. Als sie eines Tages ganz verschwindet, macht sich Jack zusammen mit seinem jüngeren Bruder auf die Suche nach ihr. Filmemacher Edward Berger ist ein Neuling im Berlinale-Wettbewerb. Fernsehfans kennen ihn als Regisseur der ZDF-Erfolgskomödie "Mutter muss weg" mit Bastian Pastewka in der Hauptrolle.

Kreuzweg
Maria lebt zwischen zwei Welten: In der Schule ist die 14-Jährige ein ganz normaler Teenager, der entdeckt, dass Jungs mehr als nur Freunde sein können. Zu Hause muss sie den Lehren der erzkonservativen Priesterbruderschaft folgen. Wie viel kann ein Mensch ertragen, bis er am gelebten Gegensatz zerbricht? Regisseur Dietrich Brüggemann ist 2014 zum ersten Mal mit einem Film im Wettbewerb vertreten – seine Tragikkomödie "Renn, wenn Du kannst" lief aber schon vor vier Jahren in der Sektion "Perspektive deutsches Kino".

Macondo
Knapp 45 Minuten entfernt von Wiens Zentrum liegt die Flüchtlingssiedlung Macondo. 3000 Asylsuchende sind hier untergebracht. Diese real existierende Lebenswelt beschäftigt die Regisseurin Sudabeh Mortezai in ihrem ersten langen Spielfilm: Der muslimische Junge Ramasan ist gemeinsam mit Mutter und Schwestern aus Tschetschenien hergekommen, der Vater des Elfjährigen ist im Kampf gegen die Russen gefallen – so lautet zumindest die Version, die Ramasan kennt. Als plötzlich ein Freund des Vaters aus alten Tagen auftaucht, wird Ramasans Weltbild auf eine harte Probe gestellt.

Tui Na
Starker Auftritt für den chinesischen Film im Wettbewerb: Insgesamt drei Filme schickt das Land ins Rennen um den Goldenen Bären. Einer von den chinesischen Hoffnungsträgern: Der Regisseur Lou Ye mit seinem Porträt des blinden Manns Ma, der zusammen mit anderen Blinden in einer Massagepraxis arbeitet. Yes Filme liefen schon auf den Festivals von Cannes und Venedig. Auf der Berlinale ist der Regisseur, der für Tui Na mit sehenden und blinden Schauspielern zusammenarbeitete, aber zum ersten Mal Gast.

Boyhood
Richard Linklater ist ein alter Bekannter auf der Berlinale: Mit seiner zarten Liebesgeschichte "Before Sunrise" gewann er 1995 einen Silbernen Bären für die beste Regie. Für seinen diesjährigen Wettbewerbsfilm versammelte der amerikanische Regisseur sein Schauspielerensemble seit 2002 jedes Jahr für einige Tage Dreharbeit. So konnte er den Hauptcharakter, den er von den schulischen Anfängen bis zum Eintritt ins College begleitet, immer mit demselben Schauspieler besetzen. Neben Ellar Coltrane mit dabei: Ethan Hawke als freakiger Vater und Patricia Arquette als alleinerziehende Mutter.

Aimer, boire et chanter
Vor 16 Jahren wurde Altmeister Alain Resnais auf der Berlinale für sein Lebenswerk mit dem Silbernen Bären geehrt – eine irgendwie verfrühte Auszeichnung, denn der mittlerweile 91-jährige Franzose ist nach wie vor filmisch umtriebig. In seinem diesjährigen Wettbewerbsfilm beschäftigen ihn einmal mehr die Leidenschaften, die hinter der Fassade bürgerlichen Lebens lauern: Mitten in den Proben zu einem Theaterstück erfährt Kathryn, dass ihr alter Freund George todkrank ist. Nicht nur für Kathryn, die mal mit George liiert war, sondern auch für ihre Freundinnen gerät die Alltagswelt aus den Fugen. Getrieben von Begehren und Sehnsüchten entbrennt unter ihnen ein Streit darüber, wer George auf eine letzte Reise begleiten darf.

La voie de l'ennemi
Eine Kleinstadt mitten in der texanischen Wüste: In diesem Niemandsland wird ein Häftling aus dem Gefängnis entlassen. William Garnett will ein neues Leben beginnen. Jedoch wissen die anderen Einwohner um seine kriminelle Vergangenheit. Bald sitzen Garnett ein auf Vergeltung sinnender Sheriff und ein ehemaliger Kumpan aus der Unterwelt im Nacken. In den Hauptrollen des Films von Rachid Bouchareb: Forest Whitaker als Häftling William Garnett und Harvey Keitel als sein Gegenspieler. Bouchareb war bereits dreimal für einen Goldenen Bären nominiert – ob er ihn 2014 mit diesem starken Schauspielerensemble im Rücken mit nach Hause nehmen darf?

'71
Belfast, 1971: Der Nordirland-Konflikt wird immer mehr zum Bürgerkrieg. Mitten in den unübersichtlichen Machtkämpfen auf den Straßen Belfasts wird der junge Rekrut Gary beim Streifegehen von seiner Einheit getrennt. Zwischen paramilitärischen Einheiten, radikalen Streetgangs und Undercoveragenten muss er seinen Weg zurück zum Stützpunkt finden – und erlebt eine Nacht voller Angst und Ungewissheit. Schon 2007 nahm Regisseur Yann Demange am "Berlinale Talent Campus" teil. Dieses Jahr läuft mit "'71" sein erster Spielfilm im Wettbewerb. In der Hauptrolle: Der britische Nachwuchsstar Jack O'Connell, bekannt aus der britischen Teenager-Serie "Skins".

La tercera orilla
Nicolás' Vater führt ein Doppelleben: Der angesehene Arzt in einer Kleinstadt im Nordosten Argentiniens hat zwei Familien – ein Geheimnis, von dem alle wissen, über das aber keiner spricht. Als er Nicolás nahelegt, in seine Fußstapfen als Arzt und Ranchbesitzer zu treten, erwacht in dem Jugendlichen Widerstand gegen den autoritären Machismo des Vaters. Vor zwei Jahren zeigte die argentinische Regisseurin Celina Murga auf der Berlinale in der experimentierfreudigen Nebensektion "Forum" den feinen Dokumentarfilm "Escuela Normal" über die Wahlkampfvorbereitungen der Kandidaten einer Schülervertretung. Jetzt hat sie zum ersten Mal Chancen auf einen Goldenen Bären

Bai Ri Yan Huo
Den Ruf eines cineastischen Krimi-Lands hatte China in Filmkreisen bislang eher nicht – noch nicht. Dieses Jahr schickt Regisseur Diao Yinan ("Night Train") einen klassischen Detektivfilm ins Rennen um den Goldenen Bären: 1999 werden in einer Kleinstadt im Norden Chinas eine Reihe von Leichen gefunden. Bei der Festnahme des mutmaßlichen Mörders kommt es zu einem blutigen Zwischenfall, zwei Polizisten sterben. Als fünf Jahre später wieder mysteriöse Morde geschehen, nimmt ihr ehemaliger Kollege auf eigene Faust die Ermittlungen auf.

Historia del miedo
Ein Polizeihubschrauber kreist über einer Gated Community am Rande einer Großstadt. Etwas muss vorgefallen sein - die Ordnungshüter sind schon zur Stelle. In seinem Spielfilmdebüt arbeitet sich der argentinische Regisseur Benjamin Naishtat an den Ängsten der argentinischen Wohlstandsklasse ab, für die schon ein Loch im Zaun eine lebensgefährliche Bedrohung darstellt. Mit seiner "Geschichte der Angst" schaffte es der erst 27-jährige Naishtat in das Rennen um dem Goldenen Bären.

Praia do futuro
Identitätssuchen sind das Spezialgebiet des brasilianischen Regisseurs Karim Aïnouz: Sein Spielfilmdebüt, das 2002 in Cannes gezeigt wurde, beschäftigte sich mit dem Leben eines Brasilianers, der Transvestit, Vater, Verbrecher und Koch zugleich war. Im Berlinale-Wettbewerb präsentiert Aïnouz jetzt die Sinnsuche des brasilianischen Rettungsschwimmers Donato. Als eines Tages zwei Männer in eine gefährliche Strömung geraten, kann er nur einen von ihnen retten: Den deutschen Touristen Konrad. Die beiden verlieben sich, Donato folgt Konrad in dessen Heimat Berlin – um dort im Strudel der Stadt auf der Suche nach sich selbst mehr Fragen als Antworten zu finden.

To Mikro Psari
Nachts arbeitet Stratos in einer Brotfabrik, tagsüber bringt er gegen Bezahlung Menschen um, weil er das Geld braucht. Für Stratos gebietet es die Ehre, dass er die Gefängnisbefreiung seines Kumpels finanziert, weil der ihm mal das Leben rettete. In seinem vierten Spielfilm nutzt Yannis Economides die Kinofigur des Auftragsmörders für einen Blick in eine desolate Welt. Der Regisseur nimmt zum ersten Mal an der Berlinale teil.

Wu Ren Qu
"Das ist eine Geschichte über Tiere", kündigt der Held des Films an, ein aus der Großstadt stammender Rechtsanwalt. Ob damit tatsächlich nur die Falken gemeint sind, die im nächsten Bild zu sehen sind? Denn als der Anwalt für einen Prozess in das felsenreiche Niemandsland in Xinjiang reisen muss, wird er zum Getriebenen von Menschen ohne Moral. "Wu Ren Qu" wurde schon vor vier Jahren fertiggestellt, doch die chinesische Filmbehörde stellte immer wieder neue Schnittauflagen an den staatskritischen Regisseur Ning Hao. Auf der Berlinale läuft eine Version, für die einige Szenen nachgedreht wurden.

Chiisai Ouchi
Ein junger Mann entdeckt durch Zufall das Tagebuch einer verstorbenen Verwandten: Die alte Frau beschreibt darin ihr Leben als Angestellte bei einer reichen Familie aus Tokio. Als Hausmädchen bekommt die junge Frau mit, wie die Hausherrin eine heimliche Liebesaffäre mit einem jungen Kunstschulabsolventen beginnt – und muss eines Tages eine schwere Gewissensentscheidung treffen. Regisseur Yoji Yamada, Schüler des japanischen Meisterregisseurs Ozu Yasujiro, feierte mit dem Film "Tokyo Kazoku" schon im vergangenen Jahr eine internationale Premiere bei der Berlinale.

Aloft
2009 gewann die peruanische Regisseurin Claudia Llosa den Goldenen Bären mit "La teta asustada". Jetzt startet Llosa mit dem Drama "Aloft" im Wettbewerb: Zusammen mit einer jungen Dokumentarfilmerin reist Iván durch eine unbekannte Winterlandschaft. Der Grund der Reise: Iván ist auf der Suche nach seiner Mutter Nana. Llosas Film über die Vereinbarkeit von Verantwortung und Neuanfang ist mit Cilian Murphy und Jennifer Connelly in den Hauptrollen hochkarätig besetzt.

Nymphomaniac Volume I
Nach 20 Jahren kehrt Regisseur Lars von Trier, berühmt und berüchtigt für Provokation und Radikalität, zurück zur Berlinale. 1984 präsentierte er in der Panorama-Sektion seine Abschlussarbeit von der Dänischen Filmhochschule. Jetzt zeigt er im Wettbewerb außer Konkurrenz den ersten Teil seines neuen Epos "Nymphomaniac": Die selbstdiagnostizierte Nymphomanin Joe (Charlotte Gainsbourg) erzählt einem alten Junggesellen (Stellan Skarsgård) ihre lustvolle, schmerzhafte Lebensgeschichte. Die Berlinale-Besucher sehen die ungekürzte – sexuell explizitere - Fassung des Films.

La belle et la bête
Die Berlinale hat unter den internationalen Filmfestivals den Ruf, den Wettbewerb vor allem mit Gesellschaftsdramen mit hohem sozialkritischen Anspruch zu bestücken. Christophe Gans' Fantasy-Verfilmung des französischen Märchenklassikers "Die Schöne und das Biest" fällt da irgendwie aus der Reihe. Der bekannte Plot: Um ihren Vater vorm Todesurteil zu retten, begibt sich seine Tochter in den Palast eines mysteriösen Gutsbesitzers. Besetzt ist Gans' opulenter Fantasyfilm mit dem Nachwuchsstar Léa Seydoux und Vincent Kassel, Hollywoods Franzosen für alle Fälle – eine Chance auf den Sieg hat der Film aber nicht, weil er außer Konkurrenz läuft

Monuments Men
Im Zweiten Weltkrieg wurde eine amerikanische Sondereinheit von den Alliierten beauftragt, wertvolle Schätze und Kunstwerke vor den Nationalsozialisten zu retten. Nach dem realen Vorbild dieser Kunstschutzoffiziere inszeniert George Clooney die Truppe in seinem vierten Spielfilm als launigen Männerbund. Der Cast bietet mit Matt Damon, Cate Blanchett und selbstverständlich Clooney selbst, handverlesenes Hollywood. Nun hat der spektakuläre Raubkunstfall um den Kunstsammler Cornelius Gurlitt Clooneys neuestem Werk vermutlich schon den Boden für volle Kinokassen bereitet. Aber auf den Goldenen Bären kann der Hollywood-Star nicht hoffen. Sein Film läuft im Wettbewerb außer Konkurrenz.

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
iandiwolf 09.02.2014
1. kurze Zwischenfrage,
waren die "Monuments Men" anderweitig beschäftigt als man Baghdad ausräumte oder war das, wie so vieles, nur ein Mangel an Expertise?
UCL 09.02.2014
2. Rose Vallant die interessantere Charaktere ?
Statt Monument's Men sähe ich Rose Vallant (http://forum.spiegel.de/showthread.php?p=14789437#post14789437) als zentralen Charakter einer Verfilmumg um Raubkunst lieber, zuerst, als jene Clooney' Buddies. Aber es ist nun mal Hollywood, zunächst. Nehmen wir es. Denn im Kontext der 'Schwabinger Kunstfunde' (Gurlitt) und der -- glücklicherweise wieder entfachten -- Diskussion um Raubkunst, Restitution usw, bin ich froh, daß dieses Thema breit in die Öffentlichkeit getragen wird. Da passt's scho', so richtig populär mit den Monument's Men, 'grad so, als sei's geplant gewesen. Sollte sodann im Zuge des Hypes hoffentlich auch für die Seriösen nun etwas leichter werden, rasch Mittel aufzutreiben für gute Dokumentationen zum Thema -- meinetwegen auch dann im Stil sog. Doku-Dramen von H. Breloer.
mokumba 09.02.2014
3. Beides abgesdroschen und LAAAAANGWEILIG!
Wer geht 170 min. in das Kino, um Schillers Liebesleben zu sehen? Auch von den Alliierten "Selbstbeweihräucherungsmüll" hat man hier zu Lande genug gesehen. Jungs.... wir haben es kapiert: Wir dumme schroffe Nazis, ihr ritterhafte Helden in glänzenden Rüstungen (Panzern und Bombern).
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.