Spike Lee und die Berlinale Den Oscars eins ausgewischt

Der Berlinale ist ein kleiner PR-Coup gelungen: Sie zeigt Spike Lees neuen Film "Chi-Raq" und präsentiert sich damit als politisch korrektes Festival. Der Film war in den USA von den Kritikern gefeiert, von der Oscar-Jury aber ignoriert worden.

Mit seinem neuen Film "Chi-Raq" auf der Berlinale: Spike Lee
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Mit seinem neuen Film "Chi-Raq" auf der Berlinale: Spike Lee


Zu den Oscars wird er nicht erscheinen. Weil zum zweiten Mal in Folge keine schwarzen Darstellerinnen und Darsteller nominiert wurden, hat Spike Lee zum Boykott der Academy Awards Ende Februar aufgerufen. Wo aber Lee und sein neuer Film auf jeden Fall zu sehen sein werden: auf der Berlinale 2016. Wie die Leitung der Filmfestspiele am Mittwochmittag bekannt gab, läuft "Chi-Raq" im Wettbewerb der Berlinale, allerdings außer Konkurrenz.

In den USA war der Musikfilm, der über den Mythos der "Lysistrata" die Bandengewalt in Chicago thematisiert, im Dezember erst in den Kinos, dann auf dem Streamingdienst Amazon Prime Video veröffentlicht worden. Von Kritikern als ein Highlight in der Karriere Lees gefeiert, wurden dem Film und besonders Hauptdarstellerin Teyonah Parris Oscar-Chancen nachgesagt. Letztlich fand "Chi-Raq" aber keine Beachtung bei den Nominierungen für die Academy Awards.

Zudem gab es vonseiten Amazons auch keine Pläne, den Film in Deutschland verfügbar zu machen - weshalb die Aufnahme in den Wettbewerb nun ein gutes PR-Geschäft sowohl für Lee als auch für die Berlinale ist. Wie schon im vergangenen Jahr, als Ava DuVernays von den Oscars ebenfalls größtenteils ignoriertes Biopic "Selma" über Martin Luther King Jr. als Special gezeigt wurde, nutzt Berlinale-Chef Dieter Kosslick die Gelegenheit, das Festival als Ort zu inszenieren, bei dem schwarze Filmemacherinnen und Filmemacher sehr willkommen sind.

Fast vergessen: die Frauen

Neben "Chi-Raq" gab die Berlinale noch sieben weitere Filme bekannt, mit denen der Wettbewerb um die Goldenen und Silbernen Bären nun komplett ist (eine vollständige Liste finden Sie am Ende dieser Meldung). Dazu gehört der neue Film von Anne Zohra Berrached, deren Debütfilm "Zwei Mütter" bei der Berlinale 2013 für Aufsehen sorgte.

Berrached ist neben der Französin Mia Hansen-Løve die einzige Frau im 22 Filme umfassenden Wettbewerb. Nachdem sich die Berlinale in den vergangenen Jahren als das Festival präsentierte, das im Gegensatz zu Cannes gegenüber Regisseurinnen besonders aufgeschlossen ist, scheint man dieses Inklusionsziel nun teilweise wieder aus den Augen verloren zu haben.

Die neuen Filme im Wettbewerb:

24 Wochen von Anne Zohra Berrached (Deutschland)

Chang Jiang Tu (Crosscurrent) von Yang Chao (Volksrepublik China)

Chi-Raq von Spike Lee USA - Außer Konkurrenz

Des nouvelles de la planète Mars (News from planet Mars) von Dominik Moll (Frankreich / Belgien) - Außer Konkurrenz

Inhebbek Hedi (Hedi) von Mohamed Ben Attia (Tunesien / Belgien / Frankreich)

Mahana (The Patriarch) von Lee Tamahori (Neuseeland) - Außer Konkurrenz

Saint Amour von Benoît Delépine, Gustave Kervern (Frankreich / Belgien) - Außer Konkurrenz

Soy Nero von Rafi Pitts (Deutschland / Frankreich / Mexiko)


Bisher gemeldete Filme im Wettbewerb:

Alone in Berlin ( Jeder stirbt für sich allein ) von Vincent Perez (Deutschland / Frankreich / Großbritannien)

Boris sans Béatrice (Boris without Béatrice) von Denis Côté (Kanada)

Cartas da guerra (Letters from War) von Ivo M. Ferreira (Portugal)

Ejhdeha Vared Mishavad! (A Dragon Arrives!) von Mani Haghighi (Iran)

Fuocoammare (Fire at Sea) von Gianfranco Rosi (Italien / Frankreich) - Dokumentarfilm

Genius von Michael Grandage (Großbritannien / USA) - Debütfilm

Hail, Caesar! von Joel und Ethan Coen (USA / Großbritannien) - Außer Konkurrenz

Hele Sa Hiwagang Hapis (A Lullaby to the Sorrowful Mystery) von Lav Diaz (Philippinen / Singapur)

Kollektivet (The Commune) von Thomas Vinterberg (Dänemark / Schweden / Niederlande)

L'avenir (Things to Come) von Mia Hansen-Løve (Frankreich / Deutschland)

Midnight Special von Jeff Nichols (USA)

Quand on a 17 ans (Being 17) von André Téchiné (Frankreich)

Smrt u Sarajevu / Mort à Sarajevo (Death in Sarajevo) von Danis Tanovi (Frankreich / Bosnien und Herzegowina)

Zero Days von Alex Gibney (USA) - Dokumentarfilm

Zjednoczone Stany Miosci (United States of Love) von Tomasz Wasilewski (Polen / Schweden)

hpi



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