Berliner Elementarteilchen: Tragische Sexklamotte

Von Martin Wolf

Pornografische Protokolle? Sarkastischer Weltekel? Keine Sorge. Oskar Roehlers Verfilmung von Michel Houellebecqs Skandalroman "Elementarteilchen" begnügt sich mit Kosmetik.

Filmfestspiele bilden - nicht nur, was Filme angeht. Auch über Kosmetik kann der interessierte Laie hier eine Menge lernen. Denn zu den Hauptsponsoren des Festivals gehört ein französischer Kosmetikkonzern (der andere wichtige Sponsor, Volkswagen, bringt ein wenig Wolfsburger Lotterleben ins brave Berlin), und dieser Konzern - nennen wir ihn L'Oréal - verteilt seine Produkte auf dem Festivalgelände an verschönerungsbedürftige Berlinale-Besucher, also an alle.

So gelangte auch der Tagebuch-Schreiber an ein Fläschchen "Men-Expert Faltenstop", das laut Packungsaufdruck "Anti-Mimik-Falten"-mäßig wirkt. Ob's funktioniert? Der Selbstversuch mit diesem Botox für Anfänger hat jedenfalls begonnen, unter verschärften Testbedingungen (wenig Schlaf, viel schlechte Luft). Wenn Ihnen also in den nächsten Tagen in Berlin jemand begegnen sollte, bei dem sich Mimik-mäßig rein gar nichts rührt: Das bin ich!

Vier Stunden Gelatine gespachtelt

Darf man über Kosmetik schreiben, wenn man doch eigentlich über Festivalfilme berichten soll? Man muss. Womit wir bei "Elementarteilchen" wären, der lange erwarteten Verfilmung von Michel Houellebecqs Skandalroman durch Oskar Roehler, die am Samstagabend im Berlinale-Palast uraufgeführt wurde. Denn das beeindruckendste an "Elementarteilchen" ist die Maske von Nina Hoss.

Nina Hoss, so viel dürfte bekannt sein, ist eine gute Schauspielerin, 30 Jahre alt und sehr schön. In einer Szene von "Elementarteilchen" jedoch muss sie eine Greisin spielen, das Gesicht voller Falten, Runzeln und geplatzter Äderchen. Um dieses Programm des Verfalls möglichst echt aussehen zu lassen, wurde ein Spezialmaskenbildner angeheuert, der der Schauspielerin in vier Stunden langer Arbeit eine Packung Gelatine so kunstvoll ins Gesicht spachtelte und bemalte, dass es nun auf der Leinwand uralt aussieht. Am Drehort erkannten sie selbst Mitglieder der Filmcrew nicht wieder.

Eine andere Metamorphose ist weniger gut gelungen: die von "Elementarteilchen", dem Buch, in "Elementarteilchen", den Film. Houellebecqs Roman, 1998 erschienen, handelte von zwei Brüdern, die am Leben im Allgemeinen und den Frauen im Besonderen verzweifeln. Vor allem aber war "Elementarteilchen" eine Mischung aus pornografischen Protokollen, schlecht gelauntem Nihilismus und ein paar verwegenen Thesen übers Klonen. Literaturbetrieb und viele Leser reagierten begeistert auf das vermeintliche Tabubruchstück: Das Buch wurde in Europa ein Besteller, sein Autor zum Star.

Herzige Männergeschichte

Nur: "Gesellschaftskritik ist nicht verfilmbar", sagt Produzent Bernd Eichinger auf der Pressekonferenz zu "Elementarteilchen", verfilmbar seien Melodramen. Regisseur Roehler ergänzt, man habe "die Moral von Houellebecq nicht übernehmen" wollen. Statt sarkastischem Weltekel präsentiert Roehler dem Publikum also die herzige Geschichte zweier Männer, denen das Schicksal übel mitspielt: Bruno (von Moritz Bleibtreu gespielt als unruhiger Berserker) ist Lehrer und sexsüchtig. Als eine Schülerin seine handgreiflichen Avancen zurückweist, flieht er erst in eine psychiatrische Klinik, später in ein Nudistencamp. Sein Halbbruder Michael (stoisch: Christian Ulmen) arbeitet als Molekularbiologe und hat noch nie in seinem Leben mit einer Frau geschlafen - bis er seine Jugendliebe Annabelle (Franka Potente) wiedertrifft, eine treue Seele mit Dackelblick und großem Bücherregal. Die unvermeidliche Sexszene der beiden inszeniert Roehler ebenso keusch wie konventionell: Er zeigt eine Hand, die sich am Bettlaken festkrallt.

Außerdem treten auf: Mutter Jane (Nina Hoss), die Bruno und Michael als Kinder im Stich ließ und ihnen damit die Macke fürs Leben verpasste; Brunos Wodka-saufender Vater (Uwe Ochsenknecht), eine unterkühlte Psychologin (Corinna Harfouch) sowie eine Frau namens Christiane (Martina Gedeck), die nichts mehr vom Leben erwartet, bis sie in einem Whirlpool Bruno begegnet. Die beiden fallen sofort übereinander her.

Houellebecq, der Zyniker, zog sein Klischee-Personal lustvoll in den Abgrund; Regisseur Roehler, eigentlich ein Romantiker, hat dagegen Mitleid mit diesen Figuren. An diesem Widerspruch arbeitet sich der Film hingebungsvoll ab; das Ergebnis dürfte ein eigenes Genre bilden: die tragische Sexklamotte. Dem Zuschauer bleibt die Erkenntnis, dass man "Elementarteilchen" nicht verfilmen kann.

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