Erinnerung an Bernardo Bertolucci Regisseur der Obsessionen

Sex statt Straßenkampf: Die Filme von Bernardo Bertolucci waren getrieben von psychoanalytischer Reflexion, die immer bei ihm selbst anfing. Erinnerung an ein Treffen mit dem Regisseur, für den Kino voyeuristische Kunst war.

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Seine Sicht auf die Dinge habe sich verändert, seit er im Rollstuhl sitze, sagte Bernardo Bertolucci. Jetzt sei er wieder auf Augenhöhe mit den Kindern. "Ich muss mich nicht verstellen, um herauszufinden, wie sie die Welt sehen." Während er dies aussprach, grinste er spitzbübisch. Dann rollte er fast beschwingt über die weiten Flure seiner Londoner Wohnung. Er wollte zeigen, wie agil er noch war.

Das war im Herbst 2013. Bertoluccis neuer Film "Ich und du" kam in die deutschen Kinos. Der Regisseur, damals 73, gab in London ein Interview und lud zu sich nach Hause ein. Rund zehn Jahre zuvor hatte er sich einer Rückenoperation unterziehen müssen. Sie missglückte, fortan musste der Regisseur ein Leben im Rollstuhl führen. Eigentlich habe er gedacht, mit dem Filmemachen aufhören und in Zukunft Gedichte schreiben zu müssen, erzählte er.

Dann sei er auf Niccolò Ammanitis Roman "Ich und du" gestoßen, in dem sich ein 14-Jähriger heimlich im Keller eines Mehrfamilienhauses einquartiert. Ein Kammerspiel, überschaubar, intim. "Da habe ich mir gedacht, das sollte ich versuchen, das kann ich hinkriegen, dafür muss ich nicht durch die Gegend springen. Und vielleicht kann ich einen Teenager auch besser verstehen, wenn ich nicht auf ihn runterschaue."

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Bertolucci wirkte vergnügt, während er fast zwei Stunden über sein Leben und seine Filme redete. Er wurde wehmütig, als er erzählte, wie er dem Regisseur Jean Renoir auf den Kopf geküsst und dieser in dem Moment wie sein Großvater gerochen habe. Er lachte laut, als er davon berichtete, wie er Gérard Depardieu und Robert de Niro bei seinem Film "1900" (1976) dazu gebracht hatte, zusammen splitternackt vor die Kamera zu treten. Ab und zu während des Gespräches kam Bertoluccis Frau herein, die britische Regisseurin und Drehbuchautorin Clare Peploe. Sie fragte, wie es ihm gehe, und brachte ihm Zigaretten.

"Meine Filme haben sehr stark mit mir zu tun", sagte er. "Als ich 'Der letzte Tango in Paris' drehte, ging es mir darum, Grenzen zu überschreiten, egal wie." Und im Grunde wolle er das ja immer noch. Vor einiger Zeit habe er einen neuen Begriff geprägt: Klaustrophilie. Enge müsse überhaupt nicht beklemmend sein. Vielleicht seien wahre Grenzüberschreitungen ohnehin nur in geschlossenen Räumen möglich.

Orientiert an Sigmund Freud

Auch "Der letzte Tango in Paris" (1972) war ein Kammerspiel. Bertolucci erzählte darin von einem Amerikaner Ende dreißig ( Marlon Brando) und einer etwa halb so alten Französin (Maria Schneider), die in einem leerstehenden Appartement eine Affäre beginnen. Die Sex-Szenen des Films sorgten für einen Skandal, in Italien wurden Brando und Bertolucci wegen "Obszönität" zu Gefängnisstrafen auf Bewährung verurteilt.

In einer Szene zeigt Bertolucci, wie Brando den Hintern von Schneider mit Butter einreibt, und deutet an, dass er sie anal penetriert. Schneider warf dem Regisseur später vor, sie missbraucht zu haben. Sie war über die Szene nicht im Vorhinein informiert gewesen. "Ich hatte nie die Gelegenheit, sie um Vergebung zu bitten", sagte er in London über die 2011 verstorbene Schauspielerin, klang dabei aber eher pflichtschuldig als reumütig (Lesen Sie hier einen Text dazu, warum repressive und progressive Haltung in "Der letzte Tango..." so nah beieinander liegen.)

Für Bertolucci war das Kino eine voyeuristische Kunst. Einen Film zu sehen sei so, als würde man den eigenen Eltern beim Sex zusehen, lautete sein Dogma. Ein guter Film zeige die Figuren andauernd in Situationen, in denen niemand, "weder Sie noch ich", gerne von anderen Menschen beobachtet werden würde. Die schärfsten Linsen, die ihm zur Verfügung stünden, so Bertolucci, stammten von Sigmund Freud.

Das Werk des Regisseurs ist extrem stark von der Psychoanalyse geprägt. Fast manisch erzählte er von inzestuösen Beziehungen, von Söhnen, die ihre Mütter lieben und ihre Väter töten. Über ein Vierteljahrhundert lang ging Bertolucci zur Analyse. Beim "Letzten Tango" wollte er seinen Analytiker sogar mit in den Vorspann aufnehmen, das Drehbuch sei "in weiten Teilen auf der Couch" entstanden.

Ursprünglich war er Linker, Sohn einer Lehrerin und eines Schriftstellers, in Parma geboren. Er wuchs unter Bauern auf, wollte aber viel lieber zur Arbeiterschaft gehören als zum Großbürgertum. Stolz erzählte er in London, wie er einem amerikanischen Filmstudio mehrere Millionen Dollar abschwatzte, um mit "1900" ein filmisches Denkmal für den Kommunismus zu erschaffen.

Doch vermutlich kreiste er immer zu sehr um seine eigenen Obsessionen, um ein Regisseur sozialer Utopien zu sein. Seine Figuren ziehen sich von der Straße lieber ins Bett zurück, und man kann sie oft gut verstehen. Bertolucci fragt, was wir aus unserem Leben machen würden, wenn wir uns allen Autoritäten entziehen könnten. Er zeigt, was passiert, wenn sich Menschen alle Freiheiten nehmen.

Das gehe selbst im Keller, selbst im Rollstuhl, beteuerte er und wirkte ziemlich überzeugend. "Ich bin nicht nach Lourdes gefahren", sagte er zum Abschied. "Doch Sie sehen einen fröhlichen Mann vor sich. Einen Film zu drehen ist für mich einfach das reine Glück, da wird es unwichtig, dass ich im Rollstuhl sitze."



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Phi-Kappa 27.11.2018
1.
"Die Filme von Bernardo Bertolucci waren getrieben von psychoanalytischer Reflektion, ..." Es heißt "Reflexion"!
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