Qualitätsoffensive Gegen Kommerz im Kinderkino 

Kinder möchten sich im Kino genauso mit ihrem Leben auseinandersetzen wie Erwachsene - Fortsetzungsware wie "Die wilden Kerle" bietet oft aber nur überreizte Unterhaltung. Eine Initiative will das ändern.

Tobis

Michi schreit. Er strampelt. Klammert sich an der Tür fest. Auf keinen Fall will er zurück ins Kinderheim, auf keinen Fall! Dort wird er gemobbt, versteht das denn niemand? Die Jungs, die dort auf ihn warten, werden ihn fertig machen! Weil sein Vater kleinwüchsig ist, ein Zwerg, ein Behinderter! Aber zwei Polizisten halten Michi fest umklammert und schleifen ihn aus dem Zimmer.

Bei dieser Sequenz aus "Auf Augenhöhe" müssen auch erwachsene Zuschauer schlucken. Ganz schön starker Tobak. Und das soll ein Kinderfilm sein? Sogar ein "besonderer Kinderfilm" laut der Initiative, die ihn ermöglicht hat?

Und ja: "Auf Augenhöhe" ist ein Kinderfilm, auch ein besonderer. Und ohne gezielte Förderung wäre er nicht entstanden. Was ein Licht wirft auf die Produktionsbedingungen von Kinderfilmen in Deutschland. Kinderfilme sind ein finanzielles Risiko: Teuer in der Herstellung, weil die Kinderdarsteller nur wenige Stunden am Tag arbeiten dürfen und die Dreharbeiten deshalb länger dauern; riskant in der Auswertung, weil das potentielle Publikum überschaubar ist.

Michi und Tom begegnen sich im Kinderheim
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Michi und Tom begegnen sich im Kinderheim

Deshalb gibt es kaum deutsche Kinderfilme, die auf originären Ideen und Drehbüchern basieren. Fast alle sind Auswertungen etablierter Marken, am liebsten in Reihenform: Zu den Kinderfilmen 2016 gehören bisher "Bibi und Tina 3", "Die wilden Kerle - Die Legende lebt" (Teil 6) und der dritte Film um die Freizeit-Detektive Rico und Oscar. Dazu kommen der zweite "Mullewapp"-Film und "Conny & Co" nach der Kinderbuchfigur mit Til-Schweiger-Tochter Emma. Die Dreharbeiten zu Teil zwei hatten bereits begonnen, bevor der erste Film überhaupt im Kino anlief. Demnächst im Angebot: Die Kinderbuch-Verfilmungen "Burg Schreckenstein" und "Hanni und Nanni 4".

Das muss nicht bedeuten, dass diese Filme schlecht sind. Die Rico-und-Oscar-Trilogie nach den Romanen von Andreas Steinhöfel etwa begeistert mit einer überbordenden Energie, die sich auch in eine eigenwillige Filmsprache übersetzt. Größtenteils aber handelt es sich um Produkte einer erweiterten Verwertungskette, die auf leichte, aufgekratzte Unterhaltung setzen und wenig gemein haben mit der Lebenswelt von Kindern.

Seit 2012 versucht die Initiative "Der besondere Kinderfilm", diesem an rein kommerziellen Interessen orientierten Output etwas entgegenzusetzen. Ihr gehören öffentlich-rechtliche Sender, das Bundesministerium für Kultur und Medien, Filmförderanstalten der Länder und verschiedene Filmverbände an. Es dauerte bis 2015, dann brachte der Zusammenschluss mit "Winnetous Sohn" seinen ersten Spielfilm für Kinder zwischen acht und zwölf Jahren in die Kinos - und legte gleich einen Fehlstart hin.

"Winnetous Sohn" war 2015 der erste Spielfilm der Initiative "Der besondere Kinderfilm"
DPA/ Weltkino

"Winnetous Sohn" war 2015 der erste Spielfilm der Initiative "Der besondere Kinderfilm"

So könnte man zumindest meinen, wenn man die Presse zur Premiere liest. Speziell in einer Besprechung wurde "Winnetous Sohn" regelrecht vernichtet. Wobei sich die Kritik des Rezensenten weniger am Film selbst festmachte als vielmehr am Definitionsversuch der Initiative, was einen "besonderen Kinderfilm" ausmachen soll.

Der unglücklich formulierte Text ist noch immer auf der Webseite des Zusammenschlusses nachzulesen, und ja: er klingt fürchterlich. Kreativität und künstlerischer Ausdruck erscheinen hier als Nebensache, stattdessen wird ein starres, normatives Regelwerk vorgegeben: "Die Filme müssen ein befreiendes, lebensbejahendes Ende haben, eine positive Perspektive für die Protagonisten aufzeigen und den Zuschauer mit einem Mehrwert (Botschaft) entlassen." Vor allem schwierige Themen müssten positiv aufgefangen und umgesetzt werden: "Wo ist die Chance? Wo ist die Hoffnung?" Klingt so, als habe hier jemand mächtig Angst vor der eigenen Courage.

"Ente gut!" zeigt einen ruppigen Realismus, den sich mancher Freitagabend-Fernsehfilm nicht zutraut
obs/ MDR/ Kevin Lee Film

"Ente gut!" zeigt einen ruppigen Realismus, den sich mancher Freitagabend-Fernsehfilm nicht zutraut

Allerdings: Weder "Winnetous Sohn" noch die beiden anderen bisher geförderten Kinderfilme "Ente gut" und eben jetzt "Auf Augenhöhe" sehen so aus, wie der Text klingt. Ganz im Gegenteil: Alle drei sind überaus gelungen, gerade weil sie ihr junges Publikum ungewohnt ernst nehmen und es mit dramatischer Tiefe fordern.

"Winnetous Sohn" ist da noch am sanftesten: Die Geschichte um einen adipösen Jungen, der unter der Trennung seiner Eltern leidet und sich sehnlichst wünscht, bei Karl-May-Festspielen für den verletzten Kinderdarsteller einspringen zu dürfen, setzt tatsächlich hauptsächlich auf Humor. Allerdings auf einen fein versponnenen, der die Einzigartigkeit seiner Außenseiter-Helden unterstreicht und viel Platz für eine störrische Melancholie lässt.

Von anderem Kaliber sind "Ente gut" und "Auf Augenhöhe", die sich im Gegensatz zu "Winnetous Sohn" allerdings auch eher an zehn- als an achtjährige Zuschauer richten. Während der erste "besondere Kinderfilm" ironisch mit den Konventionen des Karl-May-Films spielt, wirken die beiden Nachfolger fast schon wie Doku-Dramen, deren ruppigen Realismus sich mancher Primetime-Fernsehfilm nicht zutraut. Etwa, wenn in "Ente gut" zwei Mädchen, deren Mutter aus Vietnam stammt, in ständiger Angst vor deren Abschiebung leben - und plötzlich ganz allein dastehen, weil Mama in Vietnam die Oma versorgen muss.

Am wichtigsten ist dem Kinonachwuchs eine gute Geschichte

Oder eben wenn die Hauptfigur Michi in "Auf Augenhöhe" schreit und strampelt. Der Zehnjährige, gespielt von Luis Vorbach, lebt seit dem Tod seiner Mutter in einem Kinderheim. Seinen Vater kennt er nicht. Das ändert sich, als er durch Zufall einen Brief seiner Mutter an einen Tom findet - seinen Papa! Michi fährt auf eigene Faust zu Toms Wohnung in München. In seiner Vorstellung ist Papa mindestens Pilot, so hat er es den anderen Kindern im Heim schon erzählt. Ein großer, starker Mann zum Anlehnen. Michi traut seinen Augen nicht, als er Tom (Jordan Prentice) dann wirklich zum ersten Mal sieht: Der ist kleiner als er selbst, ein Kleinwüchsiger!

"Auf Augenhöhe" zeigt die zornige, politisch völlig inkorrekte Ablehnung, die Michi seinen behinderten Vater spüren lässt, sehr konkret und ausführlich. Kein Kinderkitsch, bei dem sich Probleme durch ein ernstes Gespräch und ein paar Tränen in Luft auflösen. Der Film zeigt den langen Weg, den Michi zurücklegen muss, bis er seinen Vater für sich selbst und vor allem vor seinen Freunden so akzeptieren kann, wie er ist.

Dass sie diesen langen Weg überzeugend zeigen, macht die besondere Qualität der "besonderen Kinderfilme" aus. Sowohl in "Ente gut" als auch "Auf Augenhöhe" kommt der Punkt spät, an dem sich dramaturgisch die Chance, die Hoffnung zeigt, wie es die Selbstdefinition der Initiative verlangt. Und wie es sich Kinder laut einer Studie auch wünschen. Die Hochschule für Film und Fernsehen Babelsberg fragte im Jahr 2010 über 200 Kinder, was für sie einen guten Film ausmache. Antwort: Er soll Spaß machen und unterhalten. Am wichtigsten ist dem Kinonachwuchs aber eine gute Geschichte.

Und die bieten die besonderen Kinderfilme. Weil die Drehbücher nah dran sind an der Lebenswelt von Kindern, und weil sich die Entwicklung hin zu einem Happy End glaubhaft aus den Geschichten heraus entwickelt und nicht Erzählkonventionen folgt oder gar der Angst beugt, die jungen Zuschauer zu überfordern. Sie nehmen ihr Publikum ernst, sie gaukeln nichts vor. Sie begeben sich auf Augenhöhe.

Kinderfilme müssen also nicht bunt und harmlos sein, nicht laut, ständig lustig und überdreht. Kinder möchten sich im Kino genauso mit ihrem Leben auseinandersetzen wie Erwachsene auch. Allerdings bedeutet das nicht, dass besondere Kinderfilme immer Problemfilme sein müssen. Insofern bleibt das Selbstverständnis der Initiative trotz der guten ersten Jahrgänge ausbaufähig. Dass Film an erster Stelle Kunst ist und kein Medium zur Vermittlung pädagogischer Inhalte, kommt in ihrer Selbstdefinition viel zu wenig zum Ausdruck.

Aus der spricht eine Regelwut und ein biederes Filmverständnis, das in vielen deutschen Fördergremien Projekten Steine in den Weg legt, die inhaltlich und formal etwas Neues wagen. Dass auch Kinderfilme ganz anders aussehen können, zeigt das Beispiel von Axel Ranischs "Reuber", der 2014 ganz ohne Förderung entstand. Das Thema ist klassisch: Der junge Protagonist hat Angst vor der Trennung seiner Eltern. Aber Ranisch mixt einen ungehobelten Realismus mit surrealen Märchen-Elementen und klassischer Musik. Ein Trip, rauschhaft und wild. Ein Film, der Kindern den Formenreichtum des Kinos sinnlich vor Augen führt. Ebenfalls ein besonderer Kinderfilm, auch ohne den Stempel eines Gremiums.

Im Video: Der Trailer zu "Auf Augenhöhe"

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insgesamt 6 Beiträge
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allessuper 16.09.2016
1. Es ist absolut sinnvoll heutzutage
Kinderfilme ganz ohne Förderung zu drehen, um Qualität und Handschrift zu bieten. ARD und ZDF bieten kaum noch etwas wirklich Neues. Kein Wunder, die Redaktionen sind dort seit Jahren erstarrt, vom Verwaltungsapparat aufgefressen und so langweilig und einfallslos wie ein Haufen alter Jungfer. Selbst denen scheint langweilig zu sein, denn da wird so viel Geld für den weltweiten Besuch von Messen verschwendet während einige deutsche Redakteurinnen vor Ort durch Abwesenheit glänzen, weil sie shoppen gehen. In der Branche gibt es einige bekannte Fälle. Da wäre es besser, die alten, originellen Serien aus der Mottenkiste zu entstauben und sie mit etwas Farbgebung aufzufrischen.
Freifrau von Hase 16.09.2016
2.
Früher war sicherlich nicht alles besser, das Kinderfernsehen aber schon. Vor allem die tschechischen Produktionen scheinen mir bis heute unerreicht. Bei vielen aktuelleren Produktionen habe ich hingegen das Gefühl, dass die entweder a) zu albern und zu überdreht oder b) zu sehr "mit Botschaft" rüberkommen.
großwolke 16.09.2016
3.
"Kinder möchten sich im Kino genauso mit ihrem Leben auseinandersetzen wie Erwachsene auch." Ernsthaft? Ist das so? Mal abgesehen davon, dass die meisten Erwachsenen, mit denen ich in der Regel ins Kino gehe, primär unterhalten werden wollen, glaube ich kaum, dass ein durchschnittliches Kind Gedanken denkt wie den, sich durch einen Kinobesuch charakterlich bereichern zu wollen. Aber vielleicht kenne ich ja auch einfach nur die falschen Kinder...
arktan 16.09.2016
4.
Es ist den Beteiligten hoch anzurechnen, dass es die Initiative überhaupt gibt. Allerdings hat Kinderfernsehen bei den ÖR keinen hohen Stellenwert. Macht dann jemand einen besonderen Film, mit den kargen Mitteln die es dafür gibt, hassen ihn all jene, die in der Ausschreibung nicht berücksichtigt wurden. Da es durchaus Leute mit Einfluss sind, gilt der Film eben als Flop. Einige Gefälligkeitskritiken, ein desinteressierter Verleiher und schon ist er durchgefallen. Dabei spielt die Meinung der begeisterten Kinder bei der Premiere keine Rolle. Einer der Hauptdarsteller aus Winnetous Sohn spielt auch in Tschick eine Hauptrolle und alle werden jubeln, was der Junge für eine Endeckung sei...
Beinlausi 16.09.2016
5. Die tschechischen (oder vielmehr tscheschoslowakischen...)
Märchenfilme von damals... Trotz aller Rückblicke reicht die emotionale Schönfärberei nicht, um irgendwas daran noch wirklich interessant zu finden. Aber im Rückspiegel sind Dinge ja nicht nur manchmal sehr nah, sondern auch sehr schön...hat aber nichts mit Sehnsucht nach der Kindheit zu tun...
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