Bestseller-Verfilmung "Dorfpunks": Ein Punk im Kornfeld

Von Eric Pfeil

Puh, das hätte auch schief gehen können! Die Kino-Verfilmung von Rocko Schamonis Bestseller "Dorfpunks" ist tatsächlich gelungen. Das liegt auch an den grandiosen Jungdarstellern - die Außenseiter spielen voller Energie und Poesie.

Das Kaff als Chance. Mancher, der das Privileg genossen hat, in der tiefen Provinz sein Hineinwachsen in ein diffus gefühltes Anderssein zu erleben, der weiß rückblickend um das Glück dieser Erfahrung: Nichts fiel vom Himmel, echte, greifbare Vorbilder gab es keine, fast alle Ideale waren selbstgebastelte Konstrukte, die Informationen kamen aus dritter Hand.

Aber die Träume und Phantasien waren weiter als die Kuhwiesen und Äcker.

Rocko Schamoni, 42, Musiker, Autor, vor allem aber melancholischer Kasper, ist ein guter Auskunftsgeber in Angelegenheiten des Jungseins. Weil er eben kein Berufsjugendlicher ist, aber Jugend als ewigen Stachel, als Schmerz und Verpflichtung zu Aufbruch und Depression gleichermaßen begreift. Das kann nerven, aber einer muss es ja machen, und er macht es großartig. Kaum einer kann so gut von Punk in Deutschland erzählen wie Schamoni. Vor allem, weil er in den frühen Achtzigern, als das Konzept der dreckigen Drei-Akkord-Hits und von Bier zusammengehaltenen Haaren in seinem Heimatort Lütjenburg an der Ostsee ankam, viel zu spät damit dran war. Zu spät und am falschen Ort: gleich eine doppelte Chance.

Vor knapp fünf Jahren erschien "Dorfpunks", Schamonis autobiografischer Roman über seine Jugend auf dem Land. Schamoni nannte sich damals Roddy Dangerblood - ein Name, der auf denkbar poetische Weise Stolz und Lächerlichkeit vermählte und so von Punk-Verständnis und Fehlverständnis in gleichem Maße kündet.

Von seinen liberalen Eltern unverstanden, zieht er mit einer Clique gleichgesinnter Kumpels durch die Gegend, lässt sich ab und zu von Dorfdeppen und Bundeswehrsoldaten die Nase blutig hauen, gründet seine erste Band, hat äußerst ungelenken Sex - und lernt alles über das Leben, was man wissen muss.

Jetzt kommt "Dorfpunks", der Film, in die Kinos.

Es hätte schief gehen können. Seit dem Durchstarten eines neuen, in gleichem Maße von Pop und Satire beeinflussten Autorentums, wie es neben Rocko Schamoni vor allem sein Freund und Studio-Braun-Kollege Heinz Strunk, aber auch Oliver Maria Schmitt verkörpern, zeigt sich: Man kann sogar hierzulande wahnsinnig gut aus der Hüfte schreiben, solange der Schmerz echt und eine Haltung erkennbar ist.

Die Kino-Fassung von Strunks genialischem "Fleisch ist mein Gemüse" zeigte aber auch, dass das hiesige Kino der Souveränität des deprimiert-lustigen Ausdrucks dieser Bücher noch immer hinterherläuft. Umso schöner ist es zu sehen, was der Regisseur Lars Jessen aus Schamonis Buch gemacht hat.

Am Anfang liegt Roddy in der schlammigen Einfahrt zum adretten Bauernhaus seiner Eltern. Da schwappt eine mächtige anrollende Welle über ihn. Eine Metapher für Freiheit, oder für Enge? Ist das noch oder schon oder jetzt erst Punk? Die äußerst unraffiniert scheppernde Kläff-Musik von Slime ist zu hören. Dazu: Landidylle, Kornfelder im Sommer, Weite und Enge gleichzeitig.

Mit seiner Clique trifft sich Roddy im Schatten einer Baumgruppe auf dem Acker. Das Gespräch der Jungen rankt sich alkoholbräsig um ein Missverständnis: "Wusstest du das?" "Was?" "Dass Howard Coverdale jetzt bei Whitesnake singt?". Danach geht’s in die City zum Pöbeln – man muss mal wieder die "Fressen zeigen, sonst denken die Spießer, sie hätten gewonnen". Nur eine Minute später setzt es eine ordentliche Packung Haue durch ein paar eher rückwärts gewandte Jugendliche in ländlicher Tracht. Der Vorspann beginnt, wir hören die Fehlfarben mit "Gott sei dank nicht in England". Alles stimmt, denn hier stimmt kaum etwas.

Jessens Film gelingt vor allem deshalb, weil er sich zwar vom Buch entfernt, die thematischen Akzente jedoch nicht verschiebt. Wie schon das Buch handelt auch der Film weniger von Punks, als vielmehr vom Dorf, von Auf- und Ausbruch, von Widersprüchen und Schwierigkeiten bei der Suche nach etwas, das womöglich Freiheit sein könnte.

Jessen, Jahrgang 69, stammt aus derselben Generation wie Schamoni. Er war zwar kein Punk, die deutschen Achtziger haben ihn jedoch schon in seinem letzten Kinofilm "Der Tag, als Bobby Ewing starb" fasziniert. "Dorfpunks" ist noch besser: Die Energie und Poesie des linkischen Aufbegehrens; das Außenseitertum im Außenseiterverbund; die bittere Erkenntnis, dass die vermeintlichen Geistesverwandten doch nur Teilzeitkumpel sind; die Unmöglichkeit von Freiheit in einer kollektiv nach Freiheit strebenden Bewegung; die Notwendigkeit des Weiterziehens, wenn man sich treu bleiben will - für all das findet Jessen schöne, meist erstaunlich ruhige Bilder.

Hinzu kommen die überwiegend grandiosen jungen Darsteller, die mehrheitlich zum Drehzeitpunkt noch über keine nennenswerten Filmerfahrungen verfügten. Vor allem Hauptdarsteller Cecil von Renner – immer ein Lächeln auf den Lippen, schnoddrig und mit hübschen Augen – und Ole Fischer als sein tumber Freund Fliegevogel müssen selbst abgebrühten Alt-Punks die Tränen der Rührung in die Augen treten lassen.

Und obwohl dies hier definitiv kein Punk-Film sein will, ist es umso schöner, dass alle Details so sehr stimmen – die Kleidung mit ihren kleinen Fehlern, das ungelenke Tanzen und die Diskussionen darüber, ob man als Punk nicht doch ein paar Prefab-Sprout-Songs ganz gut finden kann.

Jessens "Dorfpunks" ist ein schöner kleiner Film über eine absolut nicht verschwendete Jugend. Eine Jugend, in der nichts, rein gar nichts zum Abschluss kommt oder sich auflöst, in der aber alles auf den Weg gebracht wird, was einen zum ewig Suchenden werden lässt. Und eine Moral gibt es auch: Wirklich ausbrechen, so scheint "Dorfpunks" zu sagen, kann nur der, der sowieso draußen ist.

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"Dorfpunks"-Verfilmung: Scheppernde Kläff-Musik