Bestseller-Verfilmung "Tannöd" Der Schatten des Bösen

Sechs Menschen werden getötet, ein Dorf schweigt. Die Verfilmung von Andrea Maria Schenkels Bestseller "Tannöd" fahndet weniger nach dem Mörder als nach der Gesamtschuld der heuchelnden Gemeinde - ein überzeugendes Sittengemälde gelingt dem Film allerdings nicht.

Constantin Film

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Die Schweizer Regisseurin Bettina Oberli hat ein Händchen für Atmosphäre, das beweist sie in den ersten Minuten von "Tannöd" meisterlich. Zwei Schwestern irren im Dämmerlicht durch einen Wald wie aus einem bösen Märchen, in ihren Gesichtern eine Mischung aus Angst und Gram. Ein Landstreicher erschreckt sie fast zu Tode, doch sie finden einen Hof, um nach dem Weg zu fragen, zum Tannödhof, wo eine der beiden eine Stelle als Magd anzutreten hat, beim gefürchteten Bauern Danner. Dort angekommen, hocken sie bald schweigend in einer finsteren Küche, umringt von einer Familie, in der Hass regiert. Die ältere Schwester ( Monica Bleibtreu in ihrer letzten Rolle) verlässt den Hof, die jüngere rennt ihr nach. Sie fleht darum, nicht bleiben zu müssen, erfolglos. Sie wird die Nacht nicht überleben. So wie die ganze fünfköpfige Familie Danner an diesem Abend sterben wird.

Ein Entree wie für einen formidablen Horrorfilm, schaurig und auf morbide Weise schön, wie es selten ist im deutschsprachigen Kino. Doch damit ist es in Oberlis Verfilmung von Andrea Maria Schenkels Bestseller dann auch schnell vorbei.

Junge Krankenschwester in der Provinz

Eine junge Krankenschwester ( Julia Jentsch) reist zwei Jahre später in diese bayerische Dorfprovinz der fünfziger Jahre, um ihre Mutter zu begraben, die als Magd auf dem Hof gleich neben dem Tannöd gearbeitet hatte. Schnell merkt sie, dass die Dorfbewohner die grausamen und unaufgeklärten Morde gern vergessen würden, die als allgegenwärtiger Schatten des Bösen auf dem Alltag liegen. Doch je tiefer die junge Frau in die Gemeinschaft der so braven Bürger vordringt, desto mehr stellt sie fest, wie sehr ein jeder den alten boshaften Danner gehasst und verachtet hat - wie sehr sie es billigen, dass "ihn der Teufel geholt hat".

"Tannöd" wird damit vom Horrorfilm zum Sittengemälde, aber als solches mag der Film nicht richtig funktionieren. Im Gegensatz zu Schenkels Roman - der mit einer Patchworkstruktur aus vielen verschiedenen Perspektiven dem wahren Fall in Bayern aus dem Jahr 1922 nachgeht - erfindet sich der Film mit Jentschs Krankenschwester eine zentrale Protagonistin, um die Sicht auf die Dorfbewohner zu bündeln. Doch die Heldin ist zur totalen Passivität verdammt, sie bleibt eine langweilige und träge Figur, für die man sich nur schwer interessieren kann. Die Dörfler vom gruseligen Pastor bis zur sorgenden Ehefrau sind dagegen eher Abziehbilder von verlogenen Biedermännern als wirkliche Menschen, die vor der eigenen Schuld davonlaufen.

Dorfbewohner als hasserfüllte Monster

Bei einem Dorffest verwandeln sie sich mit zunehmendem Alkoholkonsum in zähnefletschende, offen hasserfüllte Monster, damit auch jeder merkt, mit was für einer Bande von Heuchlern er es hier zu tun hat. Wie man mit subtilen Mitteln das Bild einer Gesellschaft zeichnet, die es sich in der eigenen Brutalität bequem gemacht und damit einen fatalen Moralkodex geschaffen hat, kann man im Moment in Michael Hanekes Goldene-Palme-Gewinner "Das weiße Band" besichtigen - der plakativere Weg in Oberlis "Tannöd" wirkt weit weniger überzeugend.

Spannender wird "Tannöd", wenn der Film zum Tag des Mordes zurückblendet und damit Brigitte Hobmeier ins Bild gerät. Als Danner-Tochter, die gleichzeitig Geliebte des Vaters ist, legt sie einen mitreißenden Auftritt wütender Verzweiflung hin.

Sie ist ein echter Mensch. Davon hätte man sich in "Tannöd" mehr gewünscht.



insgesamt 5 Beiträge
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UlliK 19.11.2009
1. Phoenix
Einen empfehlenswerten Hintergrund (http://phoenix.de/content/phoenix/die_sendungen/273973) zu dieser Verfilmung liefert die angegebene Sendung, die gestern Abend (18.11.09) auf Phoenix gelaufen ist. Wer die Möglichkeit hat, sollte sie sich heute (19.11., 14:00) anschauen.
specchio, 19.11.2009
2. Sinnlos
Der sympatischen Autorin Schenkel gönnt man den Erfolg gerne. Gute Leute machen aus jedem Stoff einen guten Film, aber dass Tannöd verfilmt werden würde, damit hätte ich nicht gerechnet. Ich glaube auch nicht, dass das Buch ohne Heidenreichs kräftigen Tritt so große Beachtung gefunden hätte. Obwohl ich beim Lesen fasziniert war, nicht von der Geschichte und den primitiven Tölpeln, sondern von der subtil gezeigten Weltanschauung Schenkels: alles ist sinnlos, es gibt nichts, keine Erlösung, kein Heil, kein Glück, nur ein abgegriffenes Gebetbuch und das Ende, das auch noch völlig sinnlos ist.
mm01 19.11.2009
3. Plagiat?
Wer ein, in meinen Augen, gut recherchiertes Buch über diesen Mordfall lesen möchte, sollte sich lieber an Peter Leuschers "Hinterkaifeck" orientieren. Der Roman "Tannöd" ist bei Weitem nicht so spannend und ziemlich flach. Einige Passagen scheinen von Schenkel aus Leuschners Buch übernommen worden zu sein. Allerdings wurden Plagiatsvorwürfe Leuschners gegen die Autorin Schenkel gerichtlich nicht bestätigt.
becciT 20.11.2009
4. verfilmung
zu dem film lässt sich positiv nur sagen: großartige monika bleibtreu. sie wirkt als einzige wirklich authentisch in diesem film. und mir persönlich gefällt auch ihre rolle, in der sie so grantig ist, gut. für die restliche besetzung hätte ich mir jedoch ein paar einführungskurse in den bayrischen dialekt gewünscht. manche klangen so gequält in ihrer sprache, wie ich es bisher nur in der maggi (oder knorr? egal) "käsespätzle" werbung gehört habe, als die figuren schwäbisch reden wollten/sollten aber kläglich scheiterten. um noch auf die atmosphäre, wie im artikel erwähnt, zu kommen: diese viel zu häufige verwendung des absolut standardmäßigen "gruselwaldes" (wo es auch noch dunkel ist und windet...uuuuhh), machte das ganze schon wieder lächerlich banal.
barbot 23.11.2009
5. sehr gut
Eine absolut sehenswerte und intelligente Verfilmung! Sie findet eine eigene Sprache und versucht nicht den Roman einseitig abzufilmen. Wegen dem Dialekt: Come on, wärs in perfekter Schriftsprache, wärs bestimmt auch nicht Recht. Die Qualitäten des Films überwiegen um Längen.
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