Beziehungsdrama "Ana, mon amour" Von der Angst gepackt

Nach seinem Berlinale-Triumph "Mutter und Sohn" zeigt Calin Peter Netzer mit "Ana, mon amour" das Mosaik einer leidenschaftlichen Beziehung, die von Eifersucht und Angstattacken zersetzt wird.

Real Fiction

Von Ekkehard Knörer


"Ana, mon amour" ist ein Film, der Szenen einer Ehe erzählt. Ana und Toma sind ein Paar in prekärer Balance. Erst studieren sie in Bukarest Literaturwissenschaft, später etablieren sie sich im rumänischen Kulturbetrieb, sie arbeitet bei einem Verlag, er als Literaturkritiker bei einer Zeitung.

Ana ist psychisch fragil, von Angstattacken geplagt, angedeutet wird eine Missbrauchsgeschichte. Toma stützt sie, liebt sie, rettet sie, verzweifelt an ihr, erlebt Höhen und Tiefen mit ihr. Die Beziehungen beider zu ihren Eltern sind schwierig, ein Aufenthalt Anas und Tomas bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater endet katastrophal. Und Tomas Vater verachtet den Sohn, schlägt ihm ins Gesicht.

Ana und Toma werden Eltern, Ana fürchtet, das Kind könnte, wie sie selbst, zu früh geboren werden - ein Riskio, das sie mit der Amniozentese, die sie gegen ärztlichen Rat vornehmen lässt, selbst noch verstärkt. Sie ist von Ängsten umstellt, die die Tendenz zur self-fulfilling prophecy haben. Aber alles geht gut, ein Sohn wird geboren, Tudor ist sein Name. Ana flirtet mit dem christlichen Glauben, sie schluckt Tabletten, womöglich ein Suizidversuch, Toma rettet sie, rüttelt sie, schleppt sie unter die Dusche, braust ihr die Scheiße vom Hintern.

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"Ana, mon amour": Rette mich, wer kann

In ungeformt wirkenden einzelnen Szenen sucht der Film nach Prägnanz. Natürlich ist der Effekt des Ungeformten bewusst eingesetzte Form: Konsequenter Einsatz einer Unruhe verbreitenden Handkamera, ständig Schnitte, mitten in Dialoge und die Szene hinein. In einer Sequenz philosophiert und monologisiert ein Freund rechthaberisch und misogyn vor sich hin, stößt seine Frau vor den Kopf, minutenlang: eine Pein, der nicht nur Ana und Toma, sondern auch die Zuschauer ausgesetzt werden.

Immer wieder geht es um Eifersucht und Verdruss, Gespräche drehen sich im Kreis, laufen ins Leere. Ein Glück höchstens, dass es an der Energie und der Zielsicherheit zur gegenseitigen Zerfleischung meist fehlt. Wirkliches Glück dann höchstens beim Sex, in großer Explizitheit gezeigt, verschämt ist der Film nicht, alles andere als das. Eher folgt er einem selbst verordneten Imperativ, bloß nichts ungezeigt, bloß nichts unausgesprochen zu lassen.

Tomas Blick, der auf Ana fällt

Mit ähnlichem Handkamera-Pseudo-Dokumentarismus hat sich Regisseur Calin Peter Netzer schon in dem Vorgängerfilm, seinem Berlinale-Gewinner "Mutter und Sohn", vom Verismus des neueren rumänischen Kinos abzusetzen versucht, bei dem die eher spracharmen langen Einstellungen mit wenigen Schnitten dominieren. Auch die Milieus, die Oberschicht in "Mutter und Sohn", die Intellektuellenszene Bukarests in "Ana, mon amour", sind eher ungewöhnlich für dieses Kino. Die andere Frage ist allerdings, ob Netzer eine eigene filmische Handschrift besitzt.

Eine sehr gezielte Auswahl, wenn nicht Manipulation findet natürlich dem Scheindokumentarismus zum Trotz statt. Der Titel, "Ana, mon amour", zeigt an: Was wir sehen, ist Tomas Blick, der auf Ana fällt. Wir sehen nicht, oder nur indirekt, Anas Blick auf Toma. In der Erzählung selbst wird dieser zentralperspektivische Blick einerseits weniger klar, denn die jeweils lang ausgespielten Fragmente fügen sich keiner Chronologie, die Geschichte springt in der Zeit vorwärts und rückwärts. Vor allem an der kommenden und gehenden Fülle von Tomas Haar wird das Vergehen, das Wiederkehren und das Wiedervergehen der Jahre erkennbar.

Einen Anker senkt Netzer andererseits aber doch in die künstlich herbeimontierte Ebbe und Flut seiner erzählten Zeit. Alles, was wir außerhalb der Analysesituation sehen, ist erinnert, wiederholt, zur Durcharbeitung rekapituliert. Toma liegt auf der Couch, schildert dem Analytiker, wie alles war. Das Subjekt lotet die eigenen Tiefen und Untiefen, aber vor allem die der Beziehung zu Ana, mon amour, aus. Die Bildproduktion verbündet sich dabei ganz umstandslos mit der Redekur, genauer gesagt: Was Sprache sein muss auf der Couch, wird im Film ganz schnell zum Bild mit der diesem eigenen scheinbaren Objektivität. Toma spricht, und wir sehen.


"Ana, mon amour"
Rumänien, Deutschland, Frankreich 2017
Regie: Calin Peter Netzer
Drehbuch: Calin Peter Netzer, Cezar Paul-Badescu, Iulia Lumanare, basierend auf Cezar Paul-Badescu
Darsteller: Diana Cavallioti, Mircea Postelnicu, Carmen Tanase, Vasile Muraru, Adrian Titieni, Tania Popa
Produktion: Parada Film, Augenschein Filmproduktion, Sophie Dulac Productions
Verleih: Real Fiction
Länge: 125 Minuten
Start: 24. August 2017


Dass das so einfach nicht ist, weiß der Film allerdings, und er hilft auch der Zuschauerin am Schluss auf die Sprünge. Wir sehen in Bildern, die sich von denen davor nicht unterscheiden, einen Vorfall, der nicht real gewesen sein wird, sondern ein Traum, über den Analysand und Analytiker, wie sich das bei der Analyse gehört, recht ausführlich reden. Zuvor wird der Traum wie Reales serviert. Der Film stellt dem Zuschauer eine Falle, in die er nur hineintappen kann. Die Verunsicherung reicht über diese eine Szene hinaus. Was, wenn auch anderes nicht der Wahrheit entspricht? Was der Sinn dieser grundsätzlichen Verunsicherung sein könnte, ist allerdings unklar.

Es wäre auch ein Gegenfilm aus umgedrehter Perspektive vorstellbar, wie es der deutsche Autor Stephan Thome ("Grenzgang") in Romanform gemacht hat oder wie es die Serie "The Affair" so ähnlich macht: Toma, mon amour. Wie das aussähe, wie Toma dabei aussähe und wie Ana, wenn also Ana auf der Couch läge und wir ihrer Erinnerungsflut folgten - das bleibt eine Spekulation, der Netzer ganz klare Grenzen setzt. Zwar erfahren wir, dass auch sie eine Analyse gemacht hat. Die Perspektive des Films ist und bleibt aber die von Toma. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass das Bild der Beziehung trotz der Fülle genauestens konturierter Details in einer seltsamen Unschärfe bleibt. Ja, der Umschwung, der der Geschichte ihren inneren Spannungsbogen verleiht, wird sehr spät erst und wie aus heiterem Himmel eingeführt.

Und gerade diese gravierende Veränderung der Beziehung bleibt fast unerklärt. Weil der Film aber sonst von sich aus so viel zeigt, ausspricht, erklärt, bleibt man, noch dazu am Ende in die Falle der Traumerzählung geführt, eher ratlos zurück. Und es ist eine unproduktive Ratlosigkeit, die nicht nur die Geschichte, sondern stärker noch die gewählte Form, sie zu erzählen, betrifft.

Filmtrailer ansehen: "Ana, mon amour"

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