Beziehungsdrama "Jerichow" Frosten im Osten

Eine vertrackte Dreiecksgeschichte, ein teuflischer Plan, eine ausweglose Tragödie: In dem Film "Jerichow" zeigt Christian Petzold die verheerenden Auswirkungen ökonomischer Perspektivlosigkeit auf menschliche Beziehungen. Ein eisiger Thriller, auch über den gescheiterten Aufbau Ost.

Von Jenny Hoch


In der Bibel wird Jericho als grüne Oase beschrieben. Die prosperierende Stadt am Westufer des Jordans galt Pilgern als letzte und sichere Raststation vor der beschwerlichen Reise nach Jerusalem.

Auf Deutschlandkarten findet man das 2000-Seelen-Nest Jerichow irgendwo im Osten des Landes. Die unendliche Weite der flachen Landschaft verheißt hier nicht Freiheit, sondern Trostlosigkeit, der gottverlassene Ort keine nährende Zuflucht, sondern blanke wirtschaftliche Not in einer Zeit und einer Gegend, in der es kaum noch Lohnarbeit gibt, nur noch Schnellimbisse, Baumärkte und Discounter.

Es ist natürlich kein Zufall, dass der Regisseur Christian Petzold, der sich mit vielgelobten Filmen wie "Die innere Sicherheit" oder "Yella" den Ruf eines feinnervigen Analytikers der Schattenseiten der Berliner Republik erarbeitet hat, seinen neuen Film "Jerichow" genannt hat. Anders als im biblischen Jericho treffen in dieser beklemmenden Dreiecksgeschichte aber keine erschöpften Pilger aufeinander, die immerhin noch ein konkretes Ziel vor Augen haben, sondern ehemals Sinnsuchende, die ihren Glauben und ihre Hoffnung auf ein besseres Leben längst aufgegeben haben. Sie stehen nun, innerlich und äußerlich erstarrt, vor einem Leben ohne Perspektiven.

Eine dieser gescheiterten Existenzen ist Thomas (Benno Fürmann), ein ehemaliger Zeitsoldat in Afghanistan, der unehrenhaft aus der Armee entlassen wurde. Jetzt versucht er sich in Jerichow in einem baufälligen, von seiner verstorbenen Mutter geerbten Häuschen eine bescheidene Existenz aufzubauen. Nach demütigenden Besuchen beim Arbeitsamt findet er einen Knochenjob als Helfer bei der Gurkenernte. Sein Einsiedlerleben scheint sich zum Besseren zu wenden, als er durch einen Zufall den türkischen Unternehmer Ali (Hilmi Sözer) kennenlernt, der sich in der ostdeutschen Provinz eine kleine, aber ertragreiche Imbissbudenkette aufgebaut hat und der ihm eine Stelle als Fahrer anbietet.

Wie oft in Petzolds Filmen spielen viele Szenen im Auto, das für die für diesen Regisseur charakteristische kammerspielartige Verdichtung sorgt: Tag für Tag beliefern Ali und Thomas die Fast-Food-Stände und kassieren deren Pächter notfalls mit Gewalt ab. Während der langen Fahrten kommen sich die beiden Männer im schützenden Raum der Fahrgastzelle langsam näher. Der sonst extrem misstrauische Ali scheint dem wortkargen Thomas, den Benno Führmann mit zusammengepressten Lippen, leerem Blick und der physischen Präsenz eines traumatisierten Kriegers spielt, zu vertrauen.

Seiner blonden und befremdlich spröden Ehefrau Laura (Nina Hoss) traut er dagegen keinen Meter über den Weg: Ist sie einmal nicht per Handy erreichbar, verfolgt Ali sie meilenweit mit dem Auto, um zu kontrollieren, wohin sie fährt und mit wem sie zu tun hat. Als er sie im Büro eines Getränkehändlers aufspürt, flippt er aus und verdrischt sie brutal.

Thomas versucht sich zunächst aus diesen Ehezankereien herauszuhalten, doch fühlt er sich zu der wortkargen Laura mehr und mehr hingezogen. Nina Hoss spielt sie nicht als ätherische Schönheit, sondern als vom Schicksal gezeichnete Frau, die ihre enormen Schulden an ihren vermögenden Ehemann ketten. "Man kann sich nicht lieben, wenn man kein Geld hat", wird sie später zu Thomas sagen - ein Schlüsselsatz für "Jerichow", in dem es kaum eine Szene gibt, in dem Geld keine Rolle spielt.

Flucht aus der Tristesse

Die Tragödie nimmt ihren Lauf, als Ali beide zu einem Picknick am Ostseestrand mitnimmt und aus einer Schnapslaune heraus auffordert, miteinander zu tanzen, so "wie man das in Deutschland macht". Unter seiner Beobachtung nähern sich die beiden gehemmt und hölzern einander an, um später, nachdem sie Ali stockbesoffen ins Bett gebracht haben, wie ausgehungerte Tiere im Hausflur übereinander herzufallen.

"Jerichow" orientiert sich - von der verhängnisvollen Dreiecksbeziehung bis zum späteren Mordkomplott des verbotenen Paares gegen den Ehemann - lose an James M. Cains Erfolgsfilm "Wenn der Postmann zweimal klingelt" von 1981, doch hat Petzold sein Beziehungsdrama an entscheidenden Stellen modernisiert.

Präzise, schnörkellos und dramaturgisch perfekt austariert ist "Jerichow" vor allem ein düsterer Beziehungsthriller. Doch erzählt Petzold den aktuellen gesellschaftlichen Hintergrund, also das Scheitern des Aufbau Ost, die Schattenseiten eines globalisierten Kapitalismus und dessen verheerende Auswirkungen auf das Leben und Lieben der Menschen immer mit. Seine Meisterschaft erweist sich vor allem in der Unaufdringlichkeit, mit der er diese politischen Großlagen mit der spezifischen Emotionalität seiner Figuren verknüpft.

Wenn Ali am Ostseestrand betrunken und selbstvergessen zu einem wunderschönen und melancholischen Lied der türkischen Gesangsdiva Sezen Aksu tanzt oder in seinem Luxus-Jeep laut türkische Schlager hört, entflieht er für Sekunden der tristen ostdeutschen Realität. Ohne jemals ins Folkloristische oder gar Exotistische abzurutschen, weist ihm Petzold, der selbst mit einer Türkin verheiratet ist, damit die Rolle des "Anderen" zu. Des Fremden, der sich in einer kalten und kapitalgetriebenen Welt auf seine Weise zu behaupten versucht, ohne sich dabei zu verlieren.

Denn anders als Thomas und Laura, die alle Enttäuschungen und Demütigungen in sich hineingefressen haben und sich emotionslos und passiv an einen vermögenden Ernährer gehängt haben, agiert Ali seine Gefühle aus, im Guten wie im Schlechten. Egal, ob er feiert, arbeitet, um sich schlägt oder die Liebe seiner Frau erkauft, er tut es konsequent und versucht, sich die Sehnsucht im Herzen zu bewahren.

Es gehört zu den vielen Elementen des Films, die "Jerichow" so großartig machen und in die Nähe der griechischen Tragödie rücken, dass auch er am Schluss sein Scheitern erkennen muss. In diesem existentiellen Moment reagiert Ali, wie man es von ihm gewohnt ist: mit äußerster Konsequenz.



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