Beziehungsdrama "Zarte Parasiten" Tausche Zärtlichkeiten gegen Zimmer

Gefühle on demand: In "Zarte Parasiten" nistet sich ein Pärchen bei einsamen Menschen ein. Der kleine Film zeigt nicht nur eine der schönsten Sex-Szenen des deutschen Kinos, sondern erzählt moralfrei eine kluge Geschichte über emotionale Transferleistungen - die Liebe als Ware.

Filmlichter

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Einmal noch die Liebe erleben, das ist der letzte Wunsch der bettlägerigen alten Dame. Manu (Maja Schöne) und Jakob (Robert Stadlober) sind gekommen, um ihn zu erfüllen. Sie ziehen sich aus, um auf dem Bettvorleger der Frau miteinander zu schlafen. Die jungen nackten Körper gleiten ineinander, die Greisin lächelt, im Hintergrund laufen uralte Chansons.

Der Drei-Personen-Akt am Anfang von "Zarte Parasiten", eine der schönsten Sex-Szenen des an schönen Sex-Szenen nicht gerade reichen deutschen Kinos, führt direkt hinein in ein ziemlich schwierig zu beschreibendes Abhängigkeitsverhältnis. Denn was für eine Funktion erfüllen Manu und Jakob eigentlich für die alte Dame, bei der sie sich eingenistet haben und die sie im wahrsten Sinne mit ganzem Körpereinsatz umsorgen - Illusionismusarbeiter, Sehnsuchtsvollstrecker, Geselligkeitsdienstleister?

Es ist die große Kunst dieses kleinen Films von Christian Becker und Oliver Schwabe ("Egoshooter"), dass die beiden Regisseure ganz konkret von emotionalen und körperlichen Tauschgeschäften erzählen, ohne dass dem Zuschauer einmal das P-Wort in den Sinn kommt: Nein, Prostitution geht anders.

Die beiden sonderbaren Helden von "Zarte Parasiten" täuschen ja nichts vor. Vielmehr vollziehen sie ein Handelsgeschäft wie es ähnlich eine Mitwohnzentrale für die eigenen Kunden einfädelt: Sie haben den Raum, wir haben die Möglichkeit, ihn mit Liebe zu füllen.

Wobei Manu und Jakob eigentlich gar keinen festen Wohnsitz brauchen. Im Wald haben sie sich ein Lager aufgeschlagen, in der Stadt schlüpfen sie bei einsamen Menschen lediglich deshalb unter, um materiellen Notwendigkeiten nachzugehen. Wie die Sehnsucht der anderen und die eigene Liebe über Strecken als reelles Transfergeschäft funktionieren kann, davon wurde selten so klar erzählt wie in diesem Film.

Gefühle sind Risikoinvestitionen

Doch was passiert, wenn der Deal zu platzen droht, weil sich die emotionalen Koordinaten während des Handels fatal verschieben? Denn während Manu hauptsächlich die Nähe-bedürftige Alte versorgt, versucht Jakob einen neuen Tauschpartner an Land zu ziehen: Der passionierte Segelflieger Martin (Sylvester Groth) hat erst vor kurzem seinen Sohn verloren, und Jakob versucht nun die Stelle des Toten einzunehmen.

Bald schmirgeln der Alte und der Junge gemeinsam an dem Rumpf und den Flügeln einer Oldtimer-Maschine herum, abends isst man Salat und trinkt Rotwein am schönen Holztisch der Familie, und schließlich darf Jakob auch noch ins Zimmer des verlorenen Sprosses einziehen. Im Spind hängen noch dessen alten Polo-Hemden. Aber erfüllt der junge Mann wirklich nur das Bedürfnis des anderen nach einem Sohn - oder erfüllt er nicht vielmehr sich selbst das eigene nach einem Vater?

Wie gefährlich: Der kalkulierte Handel könnte auf einmal an den eigenen unkalkulierbaren Wünschen und Bedürfnissen scheitern. Gefühle, da kann man noch so einen professionalisierten Blick wie Jakob auf sie haben, sind eben immer Risikoinvestitionen.

Unaufgeregt, angenehm moralfrei und gleichzeitig niemals ihre Figuren desavouierend erzählt das Regie-Duo Becker und Schwabe von diesen Unwägbarkeiten innerhalb der menschlichen Verhaltensökonomie. Einziges Manko: Manchmal folgt einem vielsagenden Blick noch einmal ein Satz, der das gleiche sagt. Völlig überflüssig.

Denn das Verschwenderische der Tautologie und der wiederholenden Beschreibung läuft der Tiefenschärfe zuwider, mit der in dieser günstig gedrehten, jedoch sorgsam ausformulierten Indie-Produktion die emotionalen Transfers in Szene gesetzt werden: Die wahre Liebe, hier meint sie auch immer die Ware Liebe.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Nikolai C.C. 08.09.2010
1. Tausche Aufmerksamkeit gegen Publikation
Scheint ein interessanter Film zu sein, danke für den Hinweis. Das ganze Leben ist ja eigentlich ein Tauschgeschäft: Arbeit/Zeit gegen Geld/Anerkennung, alt heiratet jung, wie gerade ein französischer Minister seine 30 Jahre jüngere Partnerin. Die Frage ist halt immer, was man/frau sich dafür verspricht. Sicherheit, Wohlstand, Öffentlichkeit, Befriedigung emotionaler und körperlicher Bedürfnisse, Vater-, Mutter-, oder Kindersatz, wie im Film auch. Wir tauschen Aufmerksamkeit/Zeit gegen die Publikation einiger persönlicher Erinnerungen von Menschen über 65 Jahren http://bit.ly/3dwCgR. Im Sinne der Oral History, um Traditionen, Erfahrungen, auch z.B. aussterbende Berufe, Entwicklungen, etc. festzuhalten, um der Jugend einen, zum Teil, humorvollen, aber auch ernsten Einblick in Vergangenes zu ermöglichen. Einen Generationendialog, wie im Film auch, möchten wir auch anregen, in dem Junge ihre Großeltern filmen. Tauschen also Arbeit/Einsatz/Zeit/Aufwand/Herz/Hartnäckigkeit gegen Sponsorenprojekte und Spenden. Ein steiniger, aber auch, schöner Weg.
Physicker 08.09.2010
2. Moralfreiheit
Diese Art von Moralfreiheit ist auch schon eine moralische Position. Im übrigen ist jede Psychotherapie ein Tauschgeschäft Beziehung gegen Geld.
felix_bach 08.09.2010
3. .
Zitat von sysopGefühle on Demand: In "Zarte Parasiten" nistet sich ein Pärchen bei einsamen Menschen ein. Der kleine Film zeigt nicht nur eine der schönsten Sex-Szenen des deutschen Kinos, sondern erzählt moralfrei eine kluge Geschichte über emotionale Transferleistungen - die Liebe als Ware. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,716147,00.html
Entschuldigung, ich bin nicht sehr intelehktuel, klingt nach einem Film fuer Leute mit Schlafproblemen....
langenscheidt 08.09.2010
4. Überflüssige Fragen
Wenn Menschen in Beziehungen zueinander treten machen sie es aus Wünschen und Sehnsüchten heraus. Klappen die Beziehungen sind es positive Erfahrungen, klappen sie nicht, sind es negative Erfahrungen. Letztendlich sind sämtliche praktische Lebenserfahrungen mehr Selbsterkenntnis und Reife als ohne Erfahrungen theoretisierend kopflastiges Geschwurbel. Von denen haben wir Deutsche viel zu viel. Sie wissen alles besser, kennen alles und haben zu jedem Ereignis immer genügend Senf zu verteilen.
fatherted98 08.09.2010
5. nix neues...
Ich vermute mal das 80-90% aller Ehen auf der Welt, eine Art von Vernunftsbeziehung sind. Das hat mit Wünschen und Sehnsüchten mal gar nichts zu tun. Auch im ach so freien Deutschland wird die Ehe als Versorgungsinstanz gesehen. Ist die Frau schwanger wird immer noch meist geheiratet...ob Gefühl oder nicht. Somit beschreibt der Film wohl nix neues sondern eigentlich die Regel..etwas offensichtlich...aber eben die Regel und nicht die Aussnahme der "Liebesbeziehung" auf gegenseitiger Gefühlsbasis.
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