Beziehungsfilm "Affären à la Carte" Generation Neurose

Ein gemütliches Abendessen unter Freunden - das bedeutet Spaß und Sticheleien. Die französische Komödie "Affären à la Carte" untersucht, was hinter der oberflächlichen guten Laune beim gemeinsamen Diner steckt.

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Danièle Thompsons Film "Le code a changé" mit dem deutschen Titel "Affären à la Carte" zu strafen, kommt Rufschädigung gleich. Die direkte Übersetzung "Der Code hat sich geändert" wäre wohl auch nicht die eleganteste aller Möglichkeiten gewesen, aber musste man deswegen unbedingt die klischeehafteste Alternative wählen? Das hat kein Film verdient.

Nicht dass "Affären à la Carte" frei von Klischees wäre - wir haben es mit der typischen gehobenen Mittelschicht in Paris zu tun. Die Scheidungsanwältin Marie-Laurence, genannt M-L (Karin Viard), lädt zum sommerlichen Abendessen in ihre schicke Stadtwohnung. Für alle Beteiligten bedeutet das vor allem Stress.

Ihr Mann Piotr (Dany Boon), der sich seine Arbeitslosigkeit mit einer kreativen Pause schönredet, muss kochen, und die Gäste sind alle zu sehr mit ihren Problemen beschäftigt, als dass sie gute Laune vortäuschen möchten.

Die Gynäkologin Mélanie (Marina Foïs) würde an diesem Abend viel lieber ihren Mann Alain (Patrick Bruel) verlassen, den seine Arbeit als Onkologe zusehends in Depressionen stürzt. M-Ls Schwester Juliette (Marina Hands) reist mit einem etwa doppelt so alten neuen Freund an, weigert sich aber, auch nur ein Wort mit ihrem Vater zu sprechen, der sich spontan auch angekündigt hat.

Der Innenarchitekt Jean-Louis (Laurent Stocker) hat M-Ls neue Küche eingebaut und sich gleichzeitig in die Hausherrin verliebt, und der arrogante Staranwalt Lucas (Christopher Thompson) ärgert sich über seine zutiefst unglückliche Frau Sarah (Emmanuelle Seigner). Reichlich Stoff für böse Sticheleien und das Hervorbrechen schwelender Konflikte also.

Doch Regisseurin Thompson ("Ein perfekter Platz") hat mehr im Sinn als eine Ensemble-Komödie, bei der alles auf einen großen Knall zusteuert, nach dem sich alle wieder furchtbar liebhaben.

Die Dinnergäste in "Affären à la Carte" bewahren immer Haltung: Es gibt kein Geschrei, keine pathetischen Tischreden, keine schockierenden Enthüllungen, niemand betrinkt sich und wird ausfällig. Hinter vorgehaltener Hand kultivierte Antipathien kommen gelegentlich zum Vorschein, um dann schnell weggelacht zu werden. Es wird lieber ein bisschen geheuchelt als offen gekämpft, jeder will den Abend so schadlos wie möglich überstehen.

Thompson jedoch blendet immer wieder genau ein Jahr in die Zukunft: Da soll wieder ein Diner stattfinden, mit derselben Besetzung. Bloß: Es hat sich alles geändert - ausgehend von diesem einen nur scheinbar harmlosen Abend zuvor.

Auf große philosophische Weisheiten wird verzichtet, sie wären auch fehl am Platz. Die Scheinheiligkeit der Gäste wird gezeigt, aber nicht angeklagt, sie gehört zu diesen Menschen eben dazu.

Unaufgeregt, manchmal sehr spaßig und immer unterhaltsam entsteht so das kleine Porträt einer Generation von erfolgreichen Enddreißigern bis Mittvierzigern, die von sich selbst besessen sind und sich trotzdem über andere definieren.

Kaum zu glauben, aber am Ende wirken sie alle sympathisch - jeder auf seine Art.



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