Filmreihe "L'Auberge Espagnole" Vierzig ist das neue Zwanzig

Es gibt verschiedene Arten, mit dem Älterwerden klarzukommen - im Leben wie auf der Leinwand. Cédric Klapisch führt eine im Kino vor: "Beziehungsweise New York" ist der dritte Teil seines Generationenporträts "L'Auberge Espagnole".

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Seit den wilden Studienzeiten in der Erasmus-WG in Barcelona sind zwölf Jahre vergangen, und was hat sich seitdem getan? Nichts eigentlich. Die Protagonisten aus "L'Auberge Espagnole - Barcelona für ein Jahr", allen voran der französische Möchtegern-Schriftsteller Xavier, sind noch genauso verwirrt, hin- und hergerissen und auf der Suche wie vor einem Dutzend Jahren. Es herrscht das Chaos.

Erwachsene, die nicht erwachsen werden wollen, gehören zu den beliebtesten Filmhelden des Kinos. Man kann ihre Geschichten brachial komisch erzählen, so wie es Judd Apatow gern tut, der weder Sexual- noch Fäkalhumor scheut und zuletzt Paul Rudd in "Immer Ärger mit 40" durch die Midlife-Crisis-Hölle schickte. Oder man wählt den soziologischen Ansatz und versucht eine Art Langzeitstudie mit Schauspielern als Versuchskaninchen und Projektionsflächen, so wie Richard Linklater in seiner mehrteiligen Beziehungsanalyse von "Before Sunrise" bis "Before Midnight".

Die Freiheit auf der Straße

Der französische Regisseur Cédric Klapisch versucht es mit einer Prise von beidem, wenn er den stets sympathischen Romain Duris nun schon zum dritten Mal als Xavier in den Ring steigen lässt, um den Zuschauern zu zeigen, wie das so geht mit dem Älterwerden und dem Träumevergessen. Der erste "L'Auberge Espagnole"-Nachfolger "Wiedersehen in St. Petersburg" hat 2005 schon einmal alle ehemaligen WG-Bewohner wieder zusammengeführt, aber das war nicht viel mehr als ein schneller Aufguss, denn was hätte in der kurzen Zeit schon groß passieren sollen? Mittlerweile ist zwar nicht mehr die ganze WG dabei, aber es gibt tatsächlich etwas zu erzählen. Denn nun sind alle um die 40, und in dem Alter wird es langsam kompliziert mit dem Nicht-Erwachsensein.

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Filmreihe "L'Auberge Espagnol": Vierzig ist das neue Zwanzig
Das Barcelona von 2002 war ein aufregendes Symbol für den Schmelztiegel des jungen Europa und der perfekte Spielplatz für die viel beschworene Generation Erasmus, die sich bei der Selbstfindung nicht mehr von Landesgrenzen einengen ließ und die auch die größeren Probleme lieber leichtnahm. Doch mittlerweile ist es im Kriseneuropa eher schwer geworden mit der Leichtigkeit, weswegen es nur konsequent ist, dass Klapisch seine Helden nach New York verfrachtet. Dorthin, wo die Freiheit noch auf der Straße liegen soll.

Die Feinheiten des Sex

So darf der Xavier von heute zwischen Manhattan und Brooklyn weiter seinem Traum vom Schriftstellerleben nachjagen, diesmal mit Kindern an der Hand, was aber auch nicht vor erotischen Verwicklungen schützt. Seine Ehefrau Wendy (Kelly Reilly) hat sich einen Neuen gesucht, einen breitschultrigen Amerikaner - die ewig unentschlossene Jugendlichkeit ist eben nicht jederfraus Sache. Weswegen Xavier zu seiner alten Mitbewohnerin und besten Freundin Isabelle (Cécile de France) zieht, die ihn einst in die Feinheiten des Sex einführte und mittlerweile mit ihrer Lebensgefährtin ihre ganz eigene Midlife-Crisis durchzustehen hat.

Da es mit Wendy also trotz gemeinsamer Kinder nicht so gut läuft, taucht auch Martine (Audrey Tautou) bald wieder auf, die seinerzeit leicht zickige Ex-Freundin aus Barcelona-Zeiten, die mittlerweile selbst diverse Lebens- und Beziehungskrisen im Gepäck hat. Xavier lebt den Traum einer zweiten Jugend, auf durchgelegenen Matratzen und in den Straßen einer Großstadt, die er sich erobern muss wie einst Barcelona. Auch wenn Kinder dabei sind. Es ist wie ein nostalgischer Blick in den Rückspiegel bei dem gleichzeitigen Versuch, nicht von der Straße abzukommen.

Das Schöne ist, dass die Zuschauer von diesem Film gar nichts anderes erwarten werden, als in eigenen Erinnerungen zu schwelgen. Und im charmanten Umsetzen leichter romantischer Komödien sind Klapisch und sein Hauptdarsteller Duris ziemlich unschlagbar - es ist bereits ihre siebte Zusammenarbeit. Deshalb nervt diese neue Variante einer alten Geschichte auch nicht, sondern kommt schön leichtfüßig und nicht zu aufregend daher.

Wie viel gültiges Generationenporträt da noch drinsteckt, muss jeder selbst entscheiden. Es ist ein bisschen wie bei einem Klassentreffen: Man muss bereit sein, sich auf die alten Gesichter einzulassen, um herauszufinden, was man noch gemeinsam hat.


Beziehungsweise New York. Start: 1.5. Regie: Cédric Klapisch. Mit Romain Duris, Cécile de France, Audrey Tautou.

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noalk 01.05.2014
1. Erwartungen
"Das Schöne ist, dass die Zuschauer von diesem Film gar nichts anderes erwarten werden, als in eigenen Erinnerungen zu schwelgen." --- Das war wohl auch die Erwartung von Herrn Piehler, die er vor dem Anschauen des Fims hatte. Denn das macht die Beurteilung eines Filmes aus: Hat er meine Erwartungen erfüllt? Wenn ja, dann ist es ein guter, wenn nein, ein schlechter Film. Die einzige Ausnahme: Wenn ich erwarte, einen schlechten Film gezeigt zu bekommen, und er ist tatsächlich schlecht, bleibt es ein schlechter Film. Für die Kunst gilt halt: Minus mal minus ist nicht plus.
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