Festivalbilanz: Liebesgrüße aus Cannes

Aus Cannes berichtet

Wer Gefühl riskiert, gewinnt: Drei Stunden lang ist die lesbische Liebesgeschichte, die Abdellatif Kechiches Film "La vie d'Adèle" erzählt, ein bildmächtiges und zärtliches Werk, das in Cannes nun die Goldene Palme als bester Film gewann - und dem kriselnden Autorenkino Hoffnung spendet.

Es hätte schlimmer kommen können dieses Jahr in Cannes. Das Wetter - erst peitschte der Regen, dann der Wind - trieb die Besucher immerhin auch an traditionell der Erschöpfung zum Opfer fallenden Festivaltagen scharenweise in die Vorführungen, und was sie da zu sehen bekamen, war zumeist auch wirklich sehenswert. Schlechtes Wetter und schlechte Filme - das wäre schon eine sehr üble Paarung für die 66. Ausgabe des wichtigsten internationalen Kinofests gewesen.

Aber es war ein ungewöhnlich starker Jahrgang, stärker noch als der vom vergangenen Jahr, den viele Dauerbesucher für den besten seit Jahren gehalten hatten. 2012 endete das Festival mit der von der Kritik bejubelten Vergabe der Goldenen Palme an Michael Hanekes rührenden Liebesfilm "Amour". Ein Jahr später ist es erneut eine große Lovestory, die den Hauptpreis des Festivals gewinnt: "La vie d'Adèle, chapitres 1 & 2" (internationaler Titel: "Blue Is the Warmest Colour") des aus Tunesien stammenden französischen Filmemachers Abdellatif Kechiche. Und wieder jubelt die Kritik, die sich mit Leidenschaft auf die Seite des Außenseiters geschlagen hatte, nachdem das knapp dreistündige Werk am Mittwochabend in Cannes gezeigt wurde. Und das, obwohl es durchaus potente Konkurrenz mit hervorragenden Filmen gab, unter anderem von Roman Polanski, Steven Soderbergh, Jim Jarmusch, Paolo Sorrentino, Asghar Farhadi und den Coen-Brüdern.

Was ist das Geheimnis von Kechiche? Wie konnte er ein ganzes Festival so in den Bann ziehen? Wie in Hanekes letztjährigem Siegerfilm ist das große Spektakel die meisterlich in Szene gesetzte Emotionalität, die Vermittlung großer Gefühle in Bildern. Kechiche, zuvor ein respektierter, aber keineswegs herausragender Autorenfilmer, beweist in seiner Adaption der gleichnamigen Graphic Novel ein tiefes Verständnis dessen, was Menschen, zumal liebende, im Inneren bewegt. Zwei Frauen verlieben sich ineinander, wollen ihre Körper und Seelen am liebsten verschmelzen lassen. Sie leben zusammen, es passt nicht zusammen, Weltbilder kollidieren, Schmerz wallt auf, das Leben geht weiter.

Zwei Frauen erobern das Männerfestival

Kechiche entwirft nicht das große Sozialdrama oder den ätzenden Polit-Kommentar, der in Cannes so gerne prämiert wird, er erzählt schlicht, aber mit maximaler Intensität und Einfühlsamkeit die größte Geschichte der Welt, die der Liebe. Dass die Sex-Szenen, mögen sie noch so poetisch inszeniert sein, an den Rand der Pornografie reichen, dass es um eine lesbische Liebe geht - geschenkt. Das Risiko und damit die Provokation Kechiches besteht darin, von seinem Publikum drei Stunden Aufmerksamkeit und Hingabe zu verlangen. Besondere Ironie: Auf einem Festival, das so deutlich wie lange nicht von Männerfilmen und -Themen dominiert wurde, behaupteten sich am Ende ausgerechnet zwei Frauen.

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Verleihung der Goldenen Palme 2013: Im Rausch der Gefühle

Dass man "La vie d'Adèle" wenn er endet, gleich noch einmal sehen möchte, liegt natürlich auch an diesen wunderschönen, jungen Darstellerinnen: Léa Seydoux und Adèle Exarchopulos, die von Jury-Präsident Steven Spielberg bei der Preisverleihung am Sonntagabend lobend und nachdrücklich erwähnt wurden. Besonders die erst 19-jährige Nachwuchsschauspielerin Exarchopulos betört mit ihren sinnlichen Lippen, mit einem Mund, der mehr noch als jeder melancholische oder wild erregte Blick ohne einen Laut von Verlangen spricht. Zusammen mit der bereits arrivierten, wie immer furchtlosen Seydoux erschafft sie eine Amour fou, wie sie im Kino lange nicht zu sehen war.

Gefühl als Schauwert

Kechiche filmt seine beiden Liebenden immer wieder und extensiv in Großaufnahme, er hängt an Adèles und Léas Lippen wie ein Süchtiger und fixt uns so lange an, bis wir ebenfalls abhängig sind, mitleiden und -leben, wissen wollen, wie es weitergeht. So eine Wirkung entfalten Kinobilder nur auf der großen Leinwand. Kechiches Film ist auch deswegen mutig, weil er beweist, welche Macht und Schönheit das Bildmedium Kino besitzt. Sicher, man kann sich "La vie d'Adèle" auch im Fernsehen oder auf dem Computer ansehen, aber er wird nicht dieselbe Wirkung haben. Kechiche zeigt, dass dieses Argument nicht nur für aufwendig in 3D gedrehte Action-Blockbuster gilt, sondern auch für einen Liebesfilm ohne Superstars.

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Filmfestival in Cannes: Frauen, die lieben und Männer, die reisen
Sein Sieg in Cannes ist also auch eine Erwiderung auf Steven Soderberghs vor dem Festival gehaltene Brandrede über den miserablen Zustand des Kinos. Sein gelungenes Liberace-Biopic "Behind the Candelabra" drehte er für den US-Kabelsender HBO und betonte auch beim Festival noch einmal, dass im TV die Zukunft des anspruchsvollen und riskanten Films liege. Hollywood, ja selbst die großen Indie-Studios, gingen in Zeiten der Finanzkrise zu sehr auf Nummer sicher.

Das mag stimmen, und doch fasst man angesichts der vielen durchaus mutigen Filme dieser Cannes-Ausgabe, die meisten von ihnen bereits in alle Welt verkauft, die Hoffnung, dass auch im dunklen Kinosaal noch Leben zu entfachen ist. Und zwar ohne billige Provokation oder schockierende Explosionen der Gewalt.

Die Cannes-Filme von 2013 drehten sich um die große menschliche Tragödie oder Komödie, ob im eleganten "Dolce Vita"-Remake "La Grande Bellezza" von Paolo Sorrentino, dem launigen Ausflug der Coens in die Folk-Boheme der Sechziger ("Inside Llewyn Davis"), dem rührenden Vater-Sohn-Trip "Nebraska" von Alexander Payne, der akribisch sezierten Beziehungskrise "Le Passé" von Asghar Farhadi oder im episodisch-gesellschaftskritischen China-Panorama "A Touch of Sin" von Jia Zhangke. Auch im Nebenwettbewerb "Un certain regard" gab es viele Entdeckungen: Hany Abu Assads Porträt des zwischen Liebe und Rebellion zerrissenen palästinensischen Freiheitskämpfers "Omar", Rebecca Zlotowskis Sozialstudie "Grand Central" über das prekarisierte Putzpersonal eines Atomkraftwerks oder Alain Guiraudis Schwulendrama "L'Inconnu du Lac".

Ausfälle gab es wenige, darunter leider der einzige deutsche Beitrag zum offiziellen Programm, Katrin Gebbes grandios misslungenes, auf ganzer Linie prätentiöses und unglaubwürdiges Jesus-Freak-Drama "Tore tanzt" (im "Un certain regard"), Arnaud des Pallières' leider allzu kunstvoll-verschnarchte Kleist-Adaption "Michael Kohlhaas" und Arnaud Desplechins verlaberte Indianer-Psychositzung "Jimmy P.". Doch anders als in vergangenen Cannes-Jahren muss man die Nieten dieser Selektion mit der Lupe suchen.

Geld für Filme, besonders kleine, anspruchsvolle, kunstwillige und experimentelle, mag in diesen Zeiten von Medienwandel und sich wandelndem Konsumentenverhalten schwer aufzutreiben sein. Das ist für jedes Filmfestival, auch für ein so privilegiertes wie Cannes, ein großes, sehr ernstzunehmendes Problem. Hoffentlich trägt nicht zuletzt der Triumph von Abdellatif Kechiches so konsequenter und bezaubernder Kino-Lovestory dazu bei, dass es wieder einfacher wird - und man möglichst bald Kapitel drei und vier von "Adèle" zu sehen bekommt.

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insgesamt 9 Beiträge
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1. ...
urbansonnet 27.05.2013
Der Überschuss an Männer-Filmen und -Themen hat beim Autor doch scheinbar nachhaltig Eindruck gemacht, wenn so ziemlich das einzige, was er an Léa Seydoux und Adèle Exarchopulos schafft zu loben, deren Schönheit und Alter ist.
2. Die Bilder erinnern sehr an
physikalix 27.05.2013
den schwülstigen Softporno "Bilitis" der 80-er Jahre. Naja, alles rund um "Homo-Erotik" ist halt gerade in. Wem's gefällt...
3. optional
Maxjonthal 27.05.2013
Angesichts der Bemerkungen zu den Entscheidungen der Jury,würde ich vorgeschlagen,unbedingt im nächsten Jahr Herrn Borcholte den Vorsitz der Jury zu übergeben.Dann wird alles gut und richtig.(Auch wegen Spielberg und der kleinen Jungs und so-denn dieses Kriterium kenn Herr Borcholte natürlich nicht...(
4. Semaine de la Critique Gewinner
leoelias 27.05.2013
Schade das sie den deutschen Gewinner des Discovery Awards, Komm und Spiel von Daria Belova, nicht erwähnen...
5. Cannes
uterallindenbaum 27.05.2013
Ich habe nie verstanden was am Filmpreis von Cannes soo unglaublich sein soll. Als teenie beschäftigte ich mich mit dem Thema und musste feststellen dass der Preis nicht unbedingt gut erdachte und in szene gesetzten Filme eine Palme erteilt. Deshalb mache ich, sooft es geht, einen Bogen um alles was diesen Festival betrifft.
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