Beststeller-Verfilmung "Nachtzug nach Lissabon" Stars auf Kaffeefahrt

Ein Oscar-prämierter Regisseur verfilmt mit internationalen Schauspielgrößen einen Weltbestseller: Bille Augusts "Nachtzug nach Lissabon" hätte großes europäisches Kino werden können. Doch auch Stars wie Jeremy Irons oder Martina Gedeck schützen nicht vor Edel-Kitsch.

Concorde Filmverleih

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Kinoproduktionen sind eine komplizierte Angelegenheit. Besonders, wenn ein Film von mehreren Ländern finanziert wird. Welcher der Geldgeber darf dann den Regisseur stellen, wer wählt die Schauspieler und wo genau wird gedreht? Meist einigen sich die Länder auf einen Kompromiss, der niemanden so richtig glücklich macht. In den neunziger Jahren, als eine Flut an internationalen Koproduktionen das europäische Kino erfasste, sprach man in diesem Zusammenhang vom Europudding.

Ein solcher Europudding ist auch "Nachtzug nach Lissabon" geworden, die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Pascal Mercier alias Peter Bieri. Dabei liest sich das Ensemble erst einmal vielversprechend: Jeremy Irons, Mélanie Laurent, August Diehl, Martina Gedeck und Jack Huston spielen mit, der dänische Oscar-Preisträger Bille August führt Regie. Und drehte in Lissabon, wo er vor 20 Jahren den Isabel-Allende-Klassiker "Das Geisterhaus" verfilmt hatte. Damals ein Kassenschlager.

Doch diesmal scheint August zu viel Ehrfurcht vor der Romanvorlage gehabt zu haben - und entwirft deshalb einen textgetreuen, dafür aber sehr konventionellen Film. Es geht um den Berner Lateinlehrer Raimund Gregorius (Irons), einen Endfünfziger, dessen Leben so verstaubt wirkt wie die Bücher, mit denen er sich in seinem Arbeitszimmer umgibt.

Der Lehrer und der Revolutionär

Als er eines Morgens auf dem Schulweg eine junge Frau entdeckt, die sich von der Kirchenfeldbrücke ins Wasser stürzen möchte, zieht er sie zurück auf festen Boden. Doch bevor Gregorius mit der Selbstmordgefährdeten reden kann, ist diese verschwunden. Zurück bleibt ihr Mantel, in dessen Tasche er ein Buch des portugiesischen Autors Amadeu de Prado (Huston) findet - und ein Ticket für den Nachtzug nach Lissabon.

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"Nachtzug nach Lissabon": Bummeltour ins Reich des Kitsches
Fasziniert von dem Roman, besteigt der Lehrer den Zug und macht sich auf die Suche nach dem unbekannten Autor. In Portugal erklärt man ihm, dass Prado während der Salazar-Diktatur ums Leben gekommen ist, als er für den Widerstand gekämpft hatte. Bei seinen Recherchen erfährt Gregorius mehr über Prados besten Freund Jorge (Diehl) und die schöne Estefania (Laurent), in die sich beide jungen Männer verliebt hatten.

Trotz des historischen Bezugs schafft es Bille August, die Dreiecksgeschichte zutiefst unpolitisch wirken zu lassen. Die Salazar-Diktatur wird an keiner Stelle genauer erklärt, sie wirkt ebenso austauschbar wie die vielen Darsteller. Stattdessen achtet August darauf, die Schönheit Lissabons einzufangen. Er zeigt die Hauptstadt als romantisches Urlaubsziel voll kleiner gepflasterter Wege, Villen mit Löwenkopf-Türklopfern oder weißen Fähren für Touristen. In satten Farben werden die Sehenswürdigkeiten der Stadt eingefangen - eine Ästhetik, die jeden Postkartenkitschfotografen neidisch machen würde.

Hinter jeder Tür: ein Weltstar!

Das alles bildet einen so starken Kontrast zu den verregneten Aufnahmen von Bern am Anfang des Films, dass auch dem letzten Zuschauer klar werden muss, wie belebend die Stadt auf Gregorius wirkt. Solche platten Motive durchziehen das Werk: Wenn Gregorius' Brille zerspringt und er von der Augenärztin Mariana (Gedeck) ein leichteres Modell erhält, so ist das eine Metapher für den neuen Blick, den der Lehrer auf die Welt gewinnt - und auf Mariana. Selbstverständlich lädt er diese zu einem Date ein.

Überhaupt: die Schauspieler. Hinter jeder Wohnungstür taucht ein bekanntes Gesicht auf, um für wenige Minuten die Handlung an sich zu reißen. Amadeus Schwester? Wird gespielt von der britischen Ikone Charlotte Rampling. Sein Lehrer aus Jugendzeiten? Ist niemand anderes als Horror-Legende Christopher Lee. Doch die Stars spielen meist für sich statt zusammen, die Chemie fehlt. Und es wird nicht klar, warum ein Schweizer Professor selbst mit einfachen Hausdienern oder Friedhofswärtern in Portugal in flüssigem Englisch sprechen kann.

Solche Reibungen sind bei "Nachtzug nach Lissabon" nur Zufall, nicht beabsichtigt, schließlich ist das ganze hier ein Wohlfühlfilm. Deswegen werden die Gräueltaten aus der Salazar-Diktatur bis auf eine Verstümmelungs-Szene nur angedeutet. Und deswegen läuft vor allem Hauptdarsteller Jeremy Irons mit einem Dauerlächeln im Gesicht herum wie ein verwirrter Rentner auf Kaffeefahrt. Schade, denn es hätte großes europäisches Kino werden können.


Nachtzug nach Lissabon. Start: 7.3. Regie: Bille August. Mit Jeremy Irons, Martina Gedeck.



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