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Biografieverfilmung "Wüstenblume": Eine Menge Mode, wenig Mumm

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Mit ihrer packenden Autobiografie "Wüstenblume" machte Ex-Model Waris Dirie die Weltöffentlichkeit auf weibliche Beschneidung aufmerksam. Sherry Horman zeigt ihre Geschichte als romantische Mode-Komödie - und vergisst die Bedeutungsschwere des eigentlichen Themas.

Film "Wüstenblume": Mut und Mode Fotos
Majestic

Waris Diries Autobiografie "Wüstenblume" bietet Stoff für mindestens drei Filme: Der erste über ein junges Mädchen in Somalia, das im Alter von fünf Jahren unter unendlichen Schmerzen den Horror der weiblichen Beschneidung erlebt, das als 13-Jährige mit einem alten Mann verheiratet werden soll und stattdessen allein durch die Wüste in die Hauptstadt Mogadischu flieht, das schließlich in ein Flugzeug nach London steigt, um dort ein neues Leben zu beginnen.

Der zweite Film würde ihre Zeit als junge Afrikanerin in London beschreiben: Wie sie in der somalischen Botschaft als Haushälterin schuftet und mit den ständigen Demütigungen der Hausherren leben muss; wie sie sich allein durch die Großstadt kämpft, als der Botschafter abgezogen wird und sie plötzlich ohne Obdach und Arbeit dasteht; wie sie von einem Fotografen entdeckt wird und erste Schritte als Model unternimmt, Erfolge feiert, und das Verstümmelungstrauma ihrer Kindheit zu vergessen versucht - erfolglos.

Im dritten Film schließlich wäre Waris Dirie zum Bond-Girl und internationalen Supermodel geworden, lebt ein Leben in Reichtum und Glamour, und fühlt sich trotzdem wie eine Außerirdische. Liebe und Nähe lässt sie aus Scham nur zögerlich zu, wahrt ihr Geheimnis vor der Welt, bis sie es nicht mehr erträgt und einer entsetzten Öffentlichkeit davon berichtet, dass ihr mit fünf Jahren die Genitalien verstümmelt wurden, dass es nicht nur ihr so ging, dass immer noch täglich Tausende Mädchen beschnitten werden, in Afrika und der ganzen Welt.

Unterhaltsame Abenteuer

Regisseurin und Drehbuchautorin Sherry Horman hat daraus nun einen einzigen Film gemacht, und auch der hat wie das Buch durchaus bewegende, erschütternde, aber auch amüsante Momente. Doch Diries Buch ist eine große persönliche Tragödie, die auch in ihren spaßigen Ausflügen in die Absurdität des Model-Business nie den grausamen Hintergrund vergisst. Der Film dagegen will dem Publikum lieber nicht zu viel auf einmal zumuten: Nach einer kurzen Eröffnungssequenz in Afrika, in der die kleine Waris (Soraya Omar-Scego) unter pathosgeladener Orchesterbeschallung schnell als melancholisches, aber entschlossenes Mädchen vorgestellt wird, springt der Film nach London, ohne schon auf die Beschneidung eingegangen zu sein.

Waris Dirie ist nun eine junge Frau (Liya Kebede), die fast ohne Sprachkenntnisse und ohne feste Unterkunft durch die Stadt irrt. Sie lernt die überdrehte Möchtegern-Tänzerin Marylin (Sally Hawkins) kennen, findet somit erstmals eine Freundin und fängt bei McDonald's als Putzfrau an, wo dann auch bald der berühmte Fotograf (Timothy Spall) auftaucht und ihre Karriere ihren Lauf zu nehmen beginnt. Von da an ist Sherry Hormans Version von "Wüstenblume" erstmal nur noch die Geschichte eines jungen Models aus ärmlichen Verhältnissen, das nach oben strebt und dabei unterhaltsame Abenteuer und Hindernisse hinter sich bringt: Scheinhochzeit für die Aufenthaltsgenehmigung, Laufen auf Stöckelschuhen, die Karikatur einer zickigen Modelagentin (Juliet Stevenson), erste Liebe.

Nur zwischendurch wird fast schon pflichtschuldig Diries Genitalverstümmelung zum Thema gemacht - zuerst, als sie sich nach einem Discobesuch ihrer Freundin Marylin offenbart; danach, als sie im Krankenhaus von einem afrikanischen Pfleger als Schlampe beschimpft wird, nur weil sie eine Behandlung des Eingriffs überhaupt in Erwägung zieht. Beides sind starke Szenen, doch sie wirken wie Inseln aus einem anderen Film, der nicht zu der lockeren Komödie passt, mit der es danach auch wieder weitergeht, als wäre nichts passiert. Das Gleiche gilt für die gelegentlichen Rückblenden nach Somalia, die flüchtig ihre Jugend zu umreißen versuchen. Im Verhältnis zum ausführlichen "Wie werde ich ein Model?"-Teil in London wird hier nur an der Oberfläche gekratzt.

Erst gegen Ende zeigt Horman per Rückblende die tatsächliche Beschneidung und Diries späteren leidenschaftlichen Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung. Zu spät bekommt der Film dann eine Traurigkeit und Schwere, die ihm vorher deutlich besser gestanden hätte.

Hormans Version von "Wüstenblume" will alles sein - lehrreich, spannend, lustig, tragisch, unbedingt unterhaltsam - und ist alles nur ein bisschen. Das ist zu wenig.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
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1. Wem nützt Schneid?
timbob 24.09.2009
Wüstenblume soll vor allem aufmerksam machen. Das kann ein Film aber nur, wenn er auch von einem breiten Publikum angesehen wird. Insofern finde ich die Kritik unberechtigt. Im Gegenteil finde ich, dass alle 3 Geschichten hervorragend und mit packender Dichte erzählt worden sind. Die Beschneidungsszenen waren an der richtigen Stelle. Die Dramaturgie war entsetzlich - zunächst die vielen "lustigen" Geschichten und dann die Wahrheit dahinter - von der der Zuschauer ja weiß, die er sich aber nicht auszumalen vermag. Ich fand den Film absolut passend für das gesteckte Ziel.
2. Seltsam unbeteiligt
FlameDance 24.09.2009
Schon beim Buch hatte ich den Eindruck, die Autorin bleibe ihrem eigenen Schicksal gegenüber seltsam distanziert: Als schildere sie die Geschichte einer anderen, von der sie nur Äußerlichkeiten weiß. Diese Distanz trägt der Film weiter. Es wird gezeigt, was sie tut, aber selten werden innere Prozesse deutlich, selten wird ihre Motivation gezeigt. Zweifellos angesichts des Themas ein wichtiger Film, aber zu einem großen Film fehlt die Innenansicht. Immerhin diese Distanz wurde (möglicherweise unabsichtlich) gezeigt: Körperliche oder geistige Nähe blockt sie konsequent ab. Vermutlich ist genau dies die psychische Verstümmelung, die auf die physische Verstümmelung folgt. Insofern ist der Film dann möglicherweise doch authentisch.
3. Film und Buch sind zweierlei...
oblcaro, 24.09.2009
... und müssen auch so betrachtet werden. Der Film ist eine hervorragende Persönlichkeitsstudie und zeigt (wie jeder Kinofilm) lustige, tragische, emotionale und dramatische Sequenzen. Hätte man den Film nur auf das Thema der Beschneidung und der Auswirkungen dieses Horror-Eingriffs auf das Leben von Waris Dirie beschränkt, wäre man nicht nur dem Buch nicht gerecht geworden, sondern hätte die einmalige Chance vertan, einer breiten Masse diese Thematik nahe zu bringen. Vielmehr wäre der Film zu einer kleinen Programmkino-Nummer verkommen, was schade gewesen wäre. Und mit einem Modefilmchen mit der Leichtigkeit von "Sex and the City" oder "Der Teufel trägt Prada" lässt sich die Wüstenblume nun wirklich nicht vergleichen.
4. Bedeutungsschwer durch und durch....
saski 26.09.2009
Wie bereits in den vielen Kommentaren hier zu lesen, finde auch ich die Kritik, dass der Film die Bedeutungsschwere des eigentlichen Themas vergesse, vollkommen unangemessen. Außerdem wäre mir nie eingefallen den Film, trotz lustiger Phasen, als Komödie zu bezeichnen. Eine Komödie ist ein Film, der es jedem Zuschauer ermöglich von der ersten bis zur letzten Minute völlig unbeschwert zu lachen, sich zu amüsieren. "Wüstenblume" erlaubt dies nicht. Der Film lässt keine Unbeschwertheit zu. Man weiß, wovon er handelt, man weiß was Waris wiederfahren ist, man hat es nur noch nicht gesehen. Somit wird eine unangenehme Spannung aufgebaut. Jeder Zuschauer ist sich darüber im Klaren, dass er früher oder später mit den schrecklichen Bildern, den Schmerzen und den Qualen die Leben verändern, ruinieren und auslöschen, konfrontiert wird. Dennoch muss man die Luft anhalten wenn es soweit ist. Bis dahin ist Tragik ein ständiger Begleiter jeder einzelnen Szene. Eine Tragik, die ergreift, erschüttert und in jedem Fall nachhaltiger ist als der direkte Fingerzeig.
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