Biopic "Amelia" Mach den Abflug, Feministin!

Sie war eine Abenteurerin, ein weiblicher Hasardeur der Luftfahrt! Doch was macht Regisseurin Mira Nairs Film aus der US-Flugpionierin Amelia Earhart? Eine Romantikerin mit schlechtem Gewissen. Fliegen, lieben, Partys besuchen - so kann man einem Mythos flugs die Flügel stutzen.

20th Century Fox

Von Daniel Haas


Flugzeuge im Film. Schlimmer sind nur noch Autos. Rennfahrer auf der Leinwand, das sieht immer aus wie Sportschau. Und zu laut ist es auch. Wenn geflogen wird, denkt man: Reklame für TUI oder Lufthansa. Touristische Impressionen, der über die Landschaft streifende Blick und dazwischen immer mal wieder ein glückliches Gesicht, das sagt: Hier oben bin ich frei!

Wenn die Metaphorik zu offensichtlich ist, muss man ihr misstrauen. Dass zum Beispiel eine Frau sich von Rollenklischees ihrer Zeit losmacht und abhebt in jene Sphären, wo die soziale Zurichtung nicht mehr greifen kann, das ist einfach nur trivial. Es ist aber auch die Prämisse für Mira Nairs Nacherzählung von Amelia Earharts Leben.

Die 1887 in Kansas geborene Amerikanerin war die erste Frau, die den Atlantik überquerte, erst als Passagier, dann als Pilotin. So wurde sie zum Medienstar, das Land erkannte in ihr eine Galionsfigur für jenen Pioniergeist, den man in der aufziehenden Depression schon verloren gegangen glaubte. Man verehrte sie, was in gut kapitalistischer Logik immer auch heißt, man verwertete sie. Mit Earhart ließen sich Reisekoffer ebenso verkaufen wie Zigaretten. Reich wurde sie trotzdem nicht: Das Geld investierte sie in immer größere Flüge, am Ende startete sie zur Weltumrundung und ging am 2. Juli 1937 verschollen.

Flieg! Staun!

Die Stationen dieses Lebens übersetzt Nair in folgende Dramaturgie: Fliegen, staunen, Party besuchen. Ein bisschen mit dem Ehemann (Richard Gere) streiten, wieder fliegen, noch mehr staunen. Eine kurze Affäre haben mit dem Flieger und Unternehmer Gene Vidal (Ewan McGregor). Weiter fliegen. Staunen, bis sich die Augäpfel biegen. Am Ende: zähes Finale mit Flug über die bleierne Weite des Pazifik, während an den Rundfunkgeräten die Welt zittert. Wird sie es schaffen? Wird sie nach Hause kommen?

Wird sie nicht, man weiß das von Anfang an, und man findet's auch nicht wirklich schlimm. Weil das, was diese Film-Earhart (Hilary Swank) an drögen Gesellschaften und prätentiösen Konversationen über sich ergehen lassen muss, schon von der ersten Filmminute an unerträglich. ist. Irgendwann, am Ende des zweiten Akts, wenn Earhart beschlossen hat, mit einem Megatrip selbst Lindbergh wie einen Hobbyflieger aussehen zu lassen, wünscht man sich sogar in den goldenen Lichtkitsch der Flugszenen hinein, weil sie wie autogenes Training wirken. Wenn schon keine Agenda bebildert wird, kann man ja wenigstens Urlaubsvideo gucken.

Was aber hätte der Film denn zeigen sollen? Zum Beispiel die Verkoppelung von Technikbesessenheit, kommerziellem Kalkül und Feminismus, wie sie bestimmend war für Earharts Profil. Earhart, das ist bekannt, wollte einfach nur fliegen. Gefragt, weshalb sie unbedingt ein Flugzeug lenken wolle, antwortete sie: "Warum will ein Mann ein Pferd reiten? Aus Spaß." Ohne einen aufwendigen PR-Apparat waren ihre Expeditionen aber nicht zu haben; sie musste sich abrichten lassen zum Objekt des konsumistischen Blicks. Wie sehr sie die endlosen Fotosessions für Waffeleisen und Handgepäck womöglich gehasst hat, deutet der Film nicht einmal an.

Auch dass sie den US-amerikanischen Fortschrittsgeist verkörpern sollte und für Gene Vidal das telegene Aushängeschild abgab, ist für Nair nur eine Randnotiz. Die politische Dimension von Earhearts Wagemut wird der romantischen Idee geopfert. Die Pilotin hatte eine Affäre mit Vidal, und aus der Konstellation hätte man kritisches Potential schlagen können. Wie vertrug sich das: eine Abenteuerin, deren Idee von Innovation und Entgrenzung beinahe schon abstrakt war, und ein Unternehmer und Funktionär, der jenen Tatendrang immer gleich instrumentalisieren musste?

Verirrte Göre

Aber wie gesagt: Romantik. Earhart führte bekanntermaßen eine offene Ehe; das könnte man als Vermittlung konservativer und libertärer Haltungen sehen. Gemeinsam mit ihrem umfassenden Engagement für fliegende Kolleginnen hätte es Folie sein können für eine Annäherung an den feministischen Esprit der Zeit.

"Amelia" hält aber Kurs auf die entgegen gesetzte Richtung: Wenn die letzten Bilder sie beim Flug übers ozeanische Nichts zeigen, dann sieht sie aus wie eine unerzogene Göre, der dämmert, sie hätte auf Papi hören sollen, anstatt alleine loszuziehen. Die rigorose Entschlossenheit, mit der Earhart soziale, kulturelle und politische Grenzen ignorierte, sie wird mit diesen Bildern schlichtweg geleugnet.

So bleibt schließlich nur die Katalogversion einer mutmaßlich herausragenden Vita. Schade, dass sie keine Rennfahrerin war. Dann hätte man nicht so weit reisen müssen. Und schneller wär's auch gegangen.



insgesamt 4 Beiträge
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black wolf, 17.06.2010
1. schade.
Der ganze Film wirkt unentschlossen. Die Handlung und die Charakeransichten driften umher, und bei jeder Gelegenheit in die Tiefe zu gehen, kommt ein Schnitt, ein Zeitsprung, oder eine dieser quälend klischeehaften Einblendungen von Zeitungsschlagzeilen oder Wochenschauberichten. Das kann man mit einem Augenzwinkern als Hommage an die Filme der Vierziger machen, aber leider ist hier kein Augenzwinkern zu erkennen, sondern man hat den Eindruck, dass sich Nair einfach nur Kosten und Zeit für Dreharbeiten an großen Ereignissen aus Earhardts Biographie sparen wollte. Kaum hat man Hoffnung, dass vielleicht das große Flugrennen Earhards gegen ihre Rivalinnen gezeigt wird, erhält man einfach ein wenig laues Geplänkel vor dem Start und dann einen drögen Zieleinlauf. Da habe ich mich gefragt, warum macht Nair einen Film über Flugpioniere, wenn das Fliegen sie so sehr langweilt? Nair will Landschaftsaufnahmen, schöne Räume und gutaussehende Männer zeigen; die Fluggeräte und gefahrvollen Versuche scheinen sie nicht besonders zu interessieren. Das Drehbuch arbeitet nur auf den finalen Schicksalsflug über den Pazifik hin, baut einzig in dieser Szene Spannung auf und zerbläst sie in einer peinlichen, filmanfängerhaften Einstellung. Die gute schauspielerische Leistung Swanks wie auch die lauen Auftritte Geres und McGregors werden durch die drögen, einfallslosen Dialoge beeinträchtigt. Ich hatte oft den Eindruck, diese Darsteller wollten selbst lieber etwas Anderes tun als ihre Zeilen zu sprechen. So kommt für die Charaktere kein echtes Interesse auf. Alle sind nett, ehrlich, reich und ziemlich langweilig. Zwei, drei simple Charaktereigenschaften reichen Nair in diesem Film, um Personen zu zeigen, aus denen man sehr viel mehr hätte machen können. Am Schluss ist es dem Zuschauer einfach egal, wer im Flugzeug sitzt und für immer verschollen bleibt.
solarfighter, 17.06.2010
2. Sie hätte auf Papi hören sollen.
Nüchtern betrachtet, ist Earhart eine flugsüchtige Abenteurerin gewesen, die sich ihre Sucht mit Werbung und dem Kokettieren mit dem Feminismus finanziert hatte. Letzteres war im Wesentlichen einfach ein Vehikel, um an Geld zu kommen. Sie konnte sich in ihren Kreisen recht frei und ungezwungen bewegen. Diese Kreise hatten aber wenig mit dem Leben der normalen Frauen der damaligen Zeit zu tun. Solche Finanzierungsmodelle leiden immer unter dem „größer, höher, weiter“. Bei ihrer letzten Aktion wollte sie sogar ihre männlichen Kollegen überflügeln. Solch ein Ziel ist natürlich besonders PR-trächtig und hatte ihr natürlich auch die entsprechenden Mittel verschafft. Letztendlich ging es ihr dann genauso, wie vielen anderen Abenteurern: Das Risiko war sehr hoch und trat auch ein.
syssojew 18.06.2010
3. Adagio for Amelia Earhart
Lisa Schwarzbaum, eine große amerikanische Film Kritikerin, hat zu dem Film in einer Vor-Kritik(Review) am 24.Oktober 2009 geschrieben: "Why present such a modern woman in such a fusty format?" "Amelia" is a frustratingly old-school, Hollywood-style, inspirational biopic about Amelia Earhart that doesn't trust a viewer's independent assessment of the famous woman pictured on the screen." Von der Berliner Artistin Crystalle habe ich eine wunderschöne Life-Performance zu dem Thema Amelia Earhart gesehen..und das bei Google gefunden: http://www.youtube.com/watch?v=CXGxh0XJmvY www.crystalle.eu Sie nennt ihre Vorführung Adagio for Amelia Earhart. (She! Must! Fly!)
Rainer Girbig 18.06.2010
4. Ansichten eines Couch-Potato
"Flugzeuge im Film. Schlimmer sind nur noch Autos. Rennfahrer auf der Leinwand, das sieht immer aus wie Sportschau. Und zu laut ist es auch. Wenn geflogen wird, denkt man: Reklame für TUI oder Lufthansa. Touristische Impressionen, der über die Landschaft streifende Blick und dazwischen immer mal wieder ein glückliches Gesicht, das sagt: Hier oben bin ich frei!" Das sind buchstabengewordene Ansichten eines typischen Couch-Potato's, der vom Thema überhaupt keine Ahnung hat und auch keine Lust, sich darin zu vertiefen. Die deutsche Lust am Auto- und Flugzeug-Bashing dazu, ein bisschen Feminismus und fertig ist die typisch zynistische Spiegel-Kritik. Es könnte auch ein Versuch gemacht werden, die Figur und Person der Amelia Earhart im Kontext der damaligen Zeit zu betrachten. Einer Zeit, die geprägt war von der Begeisterung über das noch junge technische Gerät FLUGZEUG mit seinen faszinierenden Möglichkeiten, denen die Fantasie oft genug vorauseilte. Die Zeit war geprägt und gespickt mit immer neuen Rekorden, von Geschwindigkeitsrekorden, Langstreckenflügen und Dauerflugrekorden. Das gehörte damals dazu und die Menschen begeisterten sich daran. Vielleicht ist es genau diese Begeisterung, die uns heute angesichts der vielen Selbstverständlichkeiten fehlt. Wir gähnen nur noch im Angesicht von Innovationen oder herausragenden Einzelleistungen. Vielleicht ist das die Botschaft des Films und der Rezensent hat es nur nicht erkannt? Ich muss ihn mir ansehen.
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