Meilenstein "Black Panther" Das Kino erlebt seine schwarze Revolution

Der Superheldenfilm "Black Panther" feiert afrofuturistische Visionen mit einem fast komplett schwarzen Cast. Das ist Mainstream-Kino mit ganz neuem Groove - und besitzt das Potenzial für eine kulturelle Zeitenwende.

Disney

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Jede Revolution braucht ihren Moment: 1977 erzählte die Miniserie "Roots" die Geschichte des versklavten Afrikaners Kunta Kinte und seines Kampf um Würde und Gerechtigkeit. Die TV-Show, basierend auf der Autobiografie von Alex Haley, wurde zum popkulturellen Meilenstein. Er öffnete einem Massenpublikum die Augen über das, was Afroamerikaner "the struggle" nennen, den alltäglichen Kampf gegen Rassismus und gesellschaftliche Marginalisierung. Doch an den Missverhältnissen, zumal in der TV- und Filmindustrie, änderte die Serie nachhaltig nichts.

Während sich schwarze KünstlerInnen mit Hip-Hop seit den späten Siebzigern zunächst eine Nische schufen und Musiker wie Beyoncé, Kanye West oder Kendrick Lamar heute den Pop-Mainstream erobert haben, blieb das "Thug Life", die zum Gangster-Mythos gewordene Schattenexistenz als Krimineller, für lange Zeit die dominante afroamerikanische Erzählung auf Bildschirm und Kinoleinwand.

Erst seit einigen Jahren eröffnen Filme und Serien wie "Girls Trip", "Atlanta", "Get Out" oder der Oscar-Gewinner "Moonlight" andere Facetten der "Black Experience". "Black Panther", setzt sich jetzt mit Blockbuster-Wucht an die Spitze dieser kulturellen Revolution: Marvels Superhelden-Film wird wahrscheinlich Box-Office-Rekorde brechen.

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"Black Panther": Eine Vision von Wakanda

In dem fiktiven afrikanischen Land Wakanda existiert seit Jahrhunderten eine Zivilisation, die durch das seltene Metall Vibranium eine Hochtechnologie entwickelt hat. Durch High-Tech von der Außenwelt verborgen, walten in Wakanda stolze HerrscherInnen und KriegerInnen über ihr zivilisatorisches Erbe, viel weiterentwickelt als der Rest der Welt. König und mit übernatürlicher Kraft ausgestatteter Beschützer dieses afrikanischen Utopias ist der "Black Panther": kein Drug-Lord aus der Hood, sondern ein gut gebildeter und elegant gekleideter Super-Edelmann, der Englisch mit südafrikanischem Xhosa-Akzent spricht.

"Afrofuturismus" nennt man seit den Neunzigerjahren dieses Genre, das dem Alltagskampf schwarzer Amerikaner einen spirituellen Sehnsuchtsort entgegensetzt: Was wäre gewesen, was könnte sein, wenn der weiße Mann uns nicht aus der Heimat verschleppt hätte? Ein Afrikanischer Traum als Ersatz für den verwehrten American Dream, der bereits 1966, passend zu "Black Panther"-Miliz und Bürgerrechtsbewegung, von Stan Lee und Jack Kirby für Marvel Comics erfunden wurde.

Hinreißende Bilddynamik, satte Story

Die beiden jüdischen Künstler, die zuvor bereits populäre Charaktere wie Die Fantastischen Vier, den Hulk und die X-Men entwickelt hatten, wollten der schwarzen Leserschaft eine popkulturelle Identifikationsfigur anbieten - zu den Einflüssen des Comics zählten unter anderem der afrozentristische Science-Fiction-Jazz von Sun Ra und seinem Arkestra, der später im knallbunten Film "Space Is The Place" mündete, sowie Ralph Ellisons Roman "Invisible Man".

Regisseur Coogler bannt die Superhelden-Story in satten Farben und hinreißender Bilddynamik auf die Leinwand. Kamerafrau Rachel Morrison drehte bereits sein Debüt "Fruitvale Station", sie ist eine der wenigen Weißen, die an "Black Panther" mitwirken durften. Denn Marvel Studios machte nicht den Fehler, sich schwarze Kultur lediglich anzueignen, hier erzählen Schwarze vor und hinter den Kulissen ihre Geschichte über diese Vision einer selbstbestimmten Welt - für Schwarze, selbstverständlich.

Aber eben auch für ein weißes Massenpublikum, mit viel Stil und Groove: Die nach traditionellen afrikanischen Mustern und Motiven entworfenen Kostüme von Designerin Ruth E. Carter ("Selma", "Chi-Raq") für die weibliche Leibgarde des Königs sind martialisch und elegant zugleich in royalem Gold und Rot. Auch das Produktionsdesign von Hannah Beachler ("Moonlight", "Creed") ist eine Sensation: Die Technologie-Errungenschaften Wakandas, Raumschiffe wie Wunderspeere und virtuelle Sportwagen, taucht sie in kühl blitzendes Blau, gleichzeitig gibt es atemberaubende Wasserfälle und Urwald-Panoramen im Nebel, Savannen, die zum Kampfplatz für Riesen-Nashörner werden.

Martin Luther King vs. Malcom X, Wakanda-Style

Die schönste, stolzeste Farbe in "Black Panther" ist aber, natürlich, Schwarz. Martin Freeman (als CIA-Mittelsmann) und Andy Serkis (als Waffenschieber Klaue) sind die einzigen Weißen im Cast, spielen aber keine tragenden Rollen.

"Black Panther" ist der erste Mainstream-Blockbuster mit einem komplett schwarzen Hauptdarsteller-Ensemble: Chadwick Boseman ist erneut als Prinz T'Challa zu sehen. In "Captain America: Civil War" musste er miterleben, wie sein Vater, der bisherige Black Panther, einem Attentat zum Opfer fiel.

Jetzt warten auf ihn gleich mehrere Herausforderungen: Zum einen muss er einen innenpolitischen (letztlich mit Fäusten ausgetragenen) Machtkampf für sich gewinnen, um sich als Staatsoberhaupt zu beweisen. Zum anderen muss er entscheiden, ob sich die Afro-Nation unter seinem Regime der Außenwelt öffnet, um die Welt an ihrem Reichtum teilhaben zu lassen, aber natürlich auch, um den "struggle" der amerikanischen Brüder und Schwester zu lindern. Zum gewaltbereiten Widerpart seiner Koexistenz-Diplomatie wird der zornige Erik Killmonger (Michael B. Jordan), der Anspruch auf den Thron erhebt - Martin Luther King vs. Malcolm X, Wakanda-Style.

Black Panther

    USA 2018

    Regie: Ryan Coogler

    Drehbuch: Ryan Coogler, Joe Robert Cole

    Darsteller: Chadwick Boseman, Letitia Wright, Lupita Nyong'o, Michael B. Jordan, Danai Gurira, Daniel Kaluuya, Angela Bassett, Martin Freeman, Andy Serkis

    Produktion: Marvel Studios, Walt Disney Pictures

    Verleih: Disney

    Länge: 144 Minuten

    FSK: ab 12

    Start: 15. Februar 2018

Der Cast von "Black Panther" versammelt hier nicht nur einige der zurzeit coolsten afroamerikanischen Schauspieler jüngerer Generation. Cooglers Skript verfügt auch über einige der stärksten Frauenrollen, die ein Blockbuster in jüngerer Zeit zu bieten hatte. Um nur einige zu nennen: Oscar-Gewinnerin Lupita Nyong'o ("12 Years A Slave") tritt als Spionin und T'Challas Ex-Freundin auf, Newcomerin Letitia Wright begeistert als Tech-Genie und weibliches Q-Pendant für einen "Black Bond" aus Afrika - auch für das bisher weiß definierte 007-Genre empfiehlt sich Coogler hier nebenbei. Und Danai Gurira, Michonne aus "The Walking Dead", tauscht als lakonische und queere Anführerin der Dora Milaje das Samurai-Schwert gegen eine magische Lanze.

"Black Panther" ist also nicht nur ein bahnbrechendes Manifest afroamerikanischer Kultur im Massen-Entertainment, sondern darüber hinaus auch noch ein Statement pro Feminismus und Diversität, das in teils ironischen, teils ikonischen Szenen mit dem Macho-Primat des Genres und der Gangsta-Kultur bricht.

Die Revolution, sang der afroamerikanische Musiker Gil Scott-Heron 1970, werde nicht im Fernsehen übertragen, sie werde "live" sein; der Song begleitete den Trailer zu "Black Panther". Heute mag sie noch immer nicht Realität sein. Aber sie zeichnet sich zumindest so spektakulär wie noch nie auf der Leinwand ab. Das Popcorn-Kino erlebt seinen "Black Power"-Moment.

Sie wollen mehr zu "Black Panther" erfahren? Hier lesen Sie hier, was Regisseur und Hauptdarsteller über die Produktion erzählen und hier eine Rezension zum Soundtrack, den Kendrick Lamar kuratiert hat.

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  • Comics:

    Black Panther hatte sein Debüt 1966 in den "Fantastic Four"-Heften 52 und 53 und blieb zunächst Gaststar der anderen Marvel-Helden. Erst 1977 bekam er von Jack Kirby eine eigene Heftreihe. Zu den essentiellen Panther-"Runs" zählen die Comics von Christopher Priest (1998 - 2003) sowie die aktuelle Serie, die von dem Journalisten Ta-Nehisi Coates geschrieben wird. Alles digital erhältlich über Marvel Unlimited oder Comixology.

    Afrofuturismus:

    Am Science-Fiction-Jazz von Sun Ra kommt man nicht vorbei, der Film "Space Is The Place" (1973) wurde jüngst wiederaufgeführt. Romane und Literatur: Ralph Ellison ("Invisible Man"), Octavia Butler ("Lilith's Brood"), Nnedi Okorafor ("Binti") und Colson Whitehead ("The Intuitionist"). Musik: George Clintons P-Funk mit Parliament und Funkadelic, Janelle Monáe, Erykah Badu, Shabazz Palaces, Solange und "Black Star" von Mos Def und Talib Kweli (1998).
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butterbrot 14.02.2018
1. Für mich entscheidet bei einem Film...
die Kreativität des Erzählstrangs, die Inszenierung einer Geschichte und das Talent der Schauspieler. Mir sind demnach völlig egal, ob der Protagonist oder die ganze Crew eine bestimmte Hautfarbe haben, aus einem bestimmten Land kommen oder eine bestimmte Sprache sprechen. Mit Genres wie "Afrofuturismus" kann ich im Übrigen nichts anfangen, für mich klingt das wie eine schlechte Form des "Eurozentrismus". Wenn der Film Müll ist, dann wird das übrigens auch nur an Mängeln in den eingangs genannten Kategorien liegen. Diese ganze Hysterie wegen der Unterschiedlichkeit menschlicher Hautfarben. Wie in den 60ern, nur diesmal "voll gut gemeint".
CaptainSubtext 14.02.2018
2.
Zu kurz gesprungen Tiger, äh, Panter. "Denn Marvel Studios machte nicht den Fehler, sich schwarze Kultur lediglich anzueignen, hier erzählen Schwarze vor und hinter den Kulissen ihre Geschichte über diese Vision einer selbstbestimmten Welt - für Schwarze, selbstverständlich." Sie lassen halt Amerikaner sich afrikanische Kultur zu eigen machen. Die hinter den Kulissen Aufgeführten (Ryan Coogler, Rachel Morrison, Ruth E. Carter, Ruth E. Carter) sind ausnahmslos Amerikaner. "Der Cast von "Black Panther" versammelt hier nicht nur einige der zurzeit coolsten afroamerikanischen Schauspieler jüngerer Generation." Und dann werden genannt: Lupita Nyong'o, Letitia Wright und Danai Gurira. Eine davon ist Afroamerikanerin. "queere Anführerin der Dora Milaje" Alles, was bisher veröffentlicht wurde, deutet daraufhin, dass Okoye nichts queeres an sich hat.
groovykbd 14.02.2018
3. Hype, der nichts bringen wird
Schon lustig wie von Diversität gesprochen wird bei einem Film, der sich damit rühmt ein fast komplettes schwarzes Ensemble zu haben - vor und hinter der Kamera. Dem Film sei der Mainstream gegönnt. Ob er aber den „Struggle“ lösen wird wage ich zu bezweifeln. Dafür ist die amerikanische Gesellschaft zu sehr gespalten und die Bürgerrechtsbewegung der 60er hat im Prinzip auch nur den Fokus der eigentlichen Probleme verschoben, welche mit dem Film auch nicht gelöst werden. Vielleicht ist er gut, vielleicht sogar sehr, aber der interessiert mich nicht die Bohne. Das Genre ist mir mittlerweile zu ausgelutscht und ich bin gesättigt. Da gebe ich mir lieber filmische Milieustudien als solch Fantasy-Hokuspokus.
djducky 14.02.2018
4. @frenchie3
Es sollte sonnenklar sein, dass es beim Casting einer Geschichte darum geht, glaubwürdig zu bleiben. Da ich den Film noch nicht gesehen habe, kann ich nicht beurteilen, inwiefern das der Fall ist. Was ich meine: Wenn ein Film zum Großteil in einem mittelalterlichen Europa oder in Nazideutschland spielt, dann ist ein (fast) komplett weißer Cast historisch glaubwürdig. In Los Angeles im Jahre 2018 wäre das mit Sicherheit nicht der Fall - und erst recht nicht in SciFi-Filmen, die sich irgendwo im jahre 2300 ansiedeln. Frustrierend kann es werden, wenn solche Rollen an Weiße vergeben werden, die in Prequels, Romanen oder Comics eindeutig anderen Ethnien zugeordnet wurden. Nun kann man ja argumentieren, dass auch ehemals männliche und weiße Rollen vermehrt an Frauen und andere Ethnien gehen. Hier würde ich allerdings einwerfen, dass es ein Bedürfnis nach diesen Rollen gibt, um das männlich-weiße Einerlei aufzubrechen. Dass die fabelhafte Jodie Whittaker jetzt Dr. Who spielt mag zunächst verwirren - aber Dr. Who ist nie als Mann definiert worden, wurde aber halt eben immer nur von Männern gespielt. James Bond gespielt von Idris Elba? Würde ich begrüßen, denn das ist ein exzellenter Schauspieler und er wäre in der Rolle ebenso glaubwürdig wie die Tatsache, dass Mr. Bond ewig jung bzw. mittelalt bleibt und ins Hier und Heute verfrachtet wird. Mal so gefragt: Wie viele Filme mit (fast) ausschließlich weißem Cast gibt es? Und wie viele mit schwarzem? Vielleicht muss man manchmal ein Gegengewicht schaffen, um zu einer Annäherung zu kommen. So dass realistische Castings ohne Whitewashing oder Quoten für bestimmte Ethnien erfolgen können - rein nach künstlerischen Gesichtspunkten. Noch kann kein weißer Schauspieler behaupten, ihm gingen durch rassistische Motive reihenweise gute Rollen flöten. Und ich denke, hier liegt der Hund begraben.
Steffen Gerlach 14.02.2018
5. "Black Panther" ist der erste Mainstream-Blockbuster
Na, dann hoffen wir mal, dass der Film tatsächlich ein Blockbuster wird und nicht in der Bedeutungslosigkeit versinkt. Sonst wäre die Euphorie des Autors ja ganz übertrieben. Leider entscheiden über den Erfolg immer noch die Zuschauer, und die haben eher andere Kriterien als die Hautfarbe der Figuren...
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