"Black Snake Moan" Ketten-Reaktion der Lust

Eine Sexsüchtige, ein Gitarrist - lediglich zwei Figuren braucht Regisseur Craig Brewer für ein furioses Kinodrama um Lust, Leid und Erlösung. Und natürlich kommt nur ein Sound für "Black Snake Moan" in Frage: Blues.

Von Daniel Haas


"Im Süden ist alles heißer", heißt der Slogan zum Film, wobei hot auch scharf, sexy, geil bedeuten kann. Und wenn man dazu das Plakat sieht, dann verschärft sich auch die Erwartung: Samuel L. Jackson steht breitbeinig da, vor ihm kniet Christina Ricci, in Ketten gelegt wie eine Sex-Gespielin. Das wird ein Film werden, der es mit Tarantinos Pulp-Spektakeln aufnehmen kann! Oder noch besser: Russ Meyer meets "Shaft".


Das Motiv ist eine Finte, die womöglich Zuschauer ins Kino locken soll. Sie passt jedoch auf raffinierte Weise zur Dramaturgie des Films, der dann so ganz anders ist als erwartet: keine simple Schwarzweiß-Logik, keine lüsternen Schauwerte, keine Sexploitation-Ironie. "Black Snake Moan" hintertreibt unsere Seherwartungen, die immer auch von Klischees bestimmt sind, mit einer moralischen und ästhetischen Wucht, wie es sie lange nicht gegeben hat im US-Kino. Die Ikonografie des Plakats ist eine falsche Fährte, sie führt ins Terrain der kulturellen Mythen, zu denen der potente Schwarze ebenso gehört wie die hörige Nymphe.

Neue Saiten aufziehen

Im Film kommt alles anders: Der Afroamerikaner ist kein Sexprotz, sondern ein verlassener Ehemann und ehemaliger Bluesmusiker, der seinen Kummer im Alkohol ertränkt. Die Weiße ist ein verstörter Twen, den ein Missbrauchstrauma in die Sexsucht trieb. Wie können diese Menschen zueinander finden? Ganz einfach: Indem man sie als Seelenverwandte begreift, deren Lebensgefühl ein Wort zusammenfasst: Blues.

In "Hustle & Flow", seinem gefeierten Debüt, machte Regisseur Craig Brewer HipHop zum Modell einer privaten und sozialen Revolte, erzählte vom Zuhälter, der sich durch Kunst läutern will. In "Black Snake Moan" ist der Blues die Idee, aus der Freiheit entstehen soll. Und weil der Mann (Jackson), dem die junge Rae (Ricci) buchstäblich vor die Füße geworfen wird, nicht nur Gitarrist ist, sondern auch noch Lazarus heißt, lädt sich in diesem Film der weltliche Blues noch einmal mit der religiösen Inbrunst des Gospel auf.

Lazarus, das war in der Bibel der Freund Jesu, der vom Gottessohn von den Toten erweckt wird. Auch dieser Südstaaten-Lazarus - "Black Snake Moan" spielt im Memphis der Gegenwart - erlebt eine Erweckungsgeschichte.

Seine Lebensgeister weckt jedoch nicht Christus, sondern eine Trailer-Park-Lolita, und das ist überhaupt nicht sexuell gemeint - im Gegenteil: Lazarus pflegt Rae, die er schwer verletzt vor seinem Farmhaus findet, mit viel Hingabe gesund - und legt sie in Ketten. Nur so kann er die junge Frau daran hindern, wieder loszuziehen, und jenem zerstörerischen Trieb nachzugehen, der eigentlich ein Echo vergangener Übergriffe ist.

Das Ketten-Girl des Plakats ist also auch ein weiblicher Odysseus, den die Sirenen pervertierter Lust ins Verderben locken. Lazarus verdonnert seinen Schützling zum kalten Entzug und sich selbst zur Konfrontation mit dem eigenen Kummer. Dafür tröstet er sich und Rae mit der Gitarre, lässt das Instrument schluchzen und klagen, poltern und knurren mit dem "Black Snake Moan", dem Klagelied der schwarzen Schlange.

Wenn der alte Mann seine rote E-Gitarre nach langen Jahren aus dem Koffer holt und diese Ballade des Leids anstimmt, wenn die verängstigte Rae seine Beine umklammert wie ein Kind, während draußen die Blitze zucken und der Donner grollt, dann ist das eine Teufelsaustreibung der ganz besonderen Art. Jackson stöhnt die sparsamen Lyrics, die von Lust und Verlust erzählen, während Rae noch einmal das Trauma ihrer Kindheit durchlebt: In dieser Szene mischen sich Pop und Pathos zu einem furiosen Voodoo-Theater.

Befreiung nach Blues-Schema

Später wird Lazarus noch einmal spielen, in einer Kneipe mit seiner alten Band, und auch hier verwandelt der Blues die Menschen, nur dass er diesmal nicht tröstet, sondern erregt. Und spätestens in dieser Szene, wenn die einigermaßen wieder hergestellte Rae tanzt, mal mit Männern, mal mit Frauen, wild, lasziv und sexy, aber nie ausgeliefert, sondern geborgen in einem das Sexuelle, die Geschlechter und Rassen übersteigenden Begehren, dann wird deutlich: Brewer begreift die afroamerikanische Folklore als Form der Utopie.

Ein zweischneidiges Konzept: Der Blues erzählt vom Leid, das der Liebe immer schon mitgegeben ist, setzt aber zugleich Energien der Erlösung frei. Er beklagt dieses Schicksal und vertieft doch das Wissen darum, dass es wahre Leidenschaft jenseits existenziellen Kummers nicht gibt. Zorn, Trauer und Hoffnung, dieser Dreiklang ist tonangebend im Leben von Lazarus und Rae - und auch in dem von Ronnie (Justin Timberlake), Raes Geliebtem, der unter Angstattacken leidet und deshalb bei der Army rausgeschmissen wurde.

Für ihn singt nicht Lazarus, sondern Rae. Der Song ist ein afroamerikanisches Spiritual namens "This Little Light Of Mine". "Dieses kleine Licht in mir, ich lass' es leuchten", heißt es da. Und: "Satan soll es nicht auslöschen, ich lasse es leuchten, bis Jesus kommt."

Ein frommer Wunsch, eine große Verpflichtung. Für sie kann man sich schon mal in Ketten legen lassen.



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