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"Black Swan"-Regisseur Aronofsky: "Menschliche Körper und Mathematik, das funktioniert nicht"

Er dreht Psycho-Melodramen und quält auf der Leinwand gerne Körper. Dabei will er doch nur unterhalten: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt US-Regisseur Darren Aronofsky, warum sein Ballettschocker "Black Swan" Spaß macht, Perfektion keine Kunst ist - und was ihn an einer Comic-Verfilmung reizt.

Regisseur Aronofsky: "Ich versuche doch nur, euch zu unterhalten" Zur Großansicht
20th Century Fox

Regisseur Aronofsky: "Ich versuche doch nur, euch zu unterhalten"

SPIEGEL ONLINE: Mr. Aronofsky, Ihr neuer Film "Black Swan" gehört zu den Favoriten für die Oscar-Verleihung, die amerikanischen Kritiker waren jedoch zum großen Teil gar nicht begeistert. Wie erklären Sie sich das?

Aronofsky: Ach, denen geht es doch gar nicht um den Film, denen geht es um mich.

SPIEGEL ONLINE: Wie bitte?

Aronofsky: Ich erlebe das schon mein ganzes Leben lang: Wenn die Kritiker auf einen meiner Filme losgehen, haben sie es in Wahrheit auf mich abgesehen. Meine Filme sind oft sehr provokant, und wenn du dich nicht auf den Trip einlässt, auf die dich meine Filme mitnehmen wollen, sondern dich dagegen wehrst, dann wirst du mich am Ende hassen. Ich erinnere mich noch daran, als "Requiem For A Dream" herauskam, da waren viele Kritiken sehr harsch, sehr persönlich. Ich fragte die Journalisten: Warum werdet ihr so persönlich? Ich versuche doch nur, euch zu unterhalten. Allerdings auf eine Art, wie ihr noch nie unterhalten wurdet.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht liegt es daran, dass Ihre Art Unterhaltung mit sehr vielen körperlichen Extremen einhergeht: In "Requiem For A Dream" hungert sich eine Frau mit Diätpillen fast zu Tode, in "The Wrestler" werden Heftklammern auf bloßer Haut angewandt - und in "Black Swan" ruiniert sich eine Ballerina die Zehen und zerkratzt sich den Rücken. Woher rührt Ihre Besessenheit mit physischer Qual? Waren Sie mal Sportler?

Aronofsky: Lustig, ich habe das nie im Zusammenhang gesehen, aber ja, ich bin früher viel gelaufen, das war ein wichtiger Teil meines Lebens als Teenager. Ich hörte damit auf, als ich Anfang Zwanzig war. Die Beschäftigung mit Körperlichkeit ist ein großes Thema in fast allen meinen Filmen. Ich finde es interessant, dass die Körper in den meisten Filmen in teuren Klamotten versteckt werden und es die meiste Zeit um Beziehungen geht. Der Körper wird eher weniger diskutiert, dabei ist er doch für jeden von uns ein wichtiger Teil dessen, was wir sind.

SPIEGEL ONLINE: Dann ist es ja nur folgerichtig, dass Sie als nächstes Projekt einen Film über den Comic-Superhelden Wolverine angekündigt haben - ein genetisch manipulierter Mutant, dessen Geschichte viel mit dem Leiden an der eigenen Physis zu tun hat.

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"Black Swan": Dirty Dancing
Aronofsky: Diese Elemente der Wolverine-Story reizen mich durchaus. Aber um ehrlich zu sein, ging es mir hauptsächlich darum, nach fünf Filmen, die alle irgendwie miteinander verwandt sind, mal etwas ganz anderes zu versuchen. Independent-Kino in den USA zu machen, ist sehr mühselig geworden, und am härtesten war es mit "Black Swan".

SPIEGEL ONLINE: Woran lag das? Sie hatten doch mit "The Wrestler" gerade einen erfolgreichen, vielfach preisgekrönten Film gedreht.

Aronofsky: Ich glaube, die Studios wussten nicht, was sie von "Black Swan" halten sollten: Ist es nun ein Horrorschocker, ein Neurotikerdrama, ein Ballettfilm? Ich finde, er hat alle diese Elemente, und das ist gut, denn das macht ihn unterhaltsam. "Pi" war intellektuell stimulierend, "Requiem" war erschütternd, "The Fountain" war... ähm... mysteriös, "The Wrestler" war traurig. Aber was ich am häufigsten über "Black Swan" höre, ist, dass er Spaß gemacht hat. Das ist für mich als Regisseur eine Premiere und das größte Kompliment.

SPIEGEL ONLINE: Man hat sie bisher offenbar völlig falsch als intellektuellen Schmerzensmann des Autorenfilms eingeschätzt. Sie wollen einfach nur Unterhaltungskino machen?

Aronofsky: Ja, das ist mein allererster Anspruch und meine größte Verantwortung als Filmemacher: Ich will das Publikum nicht langweilen - und gleichzeitig dafür sorgen, dass sie über ein paar Dinge nachdenken. Aber dafür muss ich einen bleibenden Eindruck bei den Leuten hinterlassen, Bilder und Szenen schaffen, über die sie auch am nächsten Tag noch reden, und sei es die inzwischen berüchtigte lesbische Sexszene mit Natalie Portman und Mila Kunis aus "Black Swan".

SPIEGEL ONLINE: Abgesehen davon, worüber soll man denn nachdenken, wenn man "Black Swan" sieht?

Aronofsky: Oh, da sind eine ganze Menge Ideen drin! Zunächst ist es eine ganz normale Coming-of-Age-Geschichte über ein junges Mädchen, das zur Frau wird, dann geht es um eine Handwerkerin, die zur Künstlerin wird, und dann wollte ich auch zeigen, wie die Welt des Balletts wirklich ist. Was hinter dem Vorhang passiert.

SPIEGEL ONLINE: Bei Ihnen sieht es so aus, als wäre Ballett ein Horrortrip aus Intrigen, körperlicher Qual und Wahnsinn.

Aronofsky: Wenn man Ballett anschaut, wirkt es so schön und schwerelos, dass man keine Vorstellung davon hat, wie grauenhaft es wirklich ist, auf Zehenspitzen auf einem Holzklotz zu stehen und eine Pirouette zu drehen. Es ging mir auch darum, Respekt vor den Tänzern zu erzeugen, davor, was sie tun müssen, um diese spezielle Kunstform zu erschaffen. Der ganze Film spiegelt in zahlreichen Metaphern und in den Charakteren die Geschichte von "Schwanensee", und ich wollte auch, dass die ganze Tonart des Films so hysterisch, aufgeblasen, melodramatisch und übertrieben ist - wie Ballett!

SPIEGEL ONLINE: Es geht in "Black Swan" aber auch um die Erlangung künstlerischer Perfektion. Ist das auch ein Selbstgespräch des Regisseurs?

Aronofsky: Ach, ich weiß nicht. Ballett ist sehr einzigartig, sehr mathematisch, sehr präzise. Es heißt ja nicht umsonst klassisches Ballett. Das Wort 'klassisch' impliziert, dass es ein perfektes Modell gibt, wie in der Architektur: Sehen Sie sich eine ionische Säule an, die hat ein perfektes Maß, und diese Strenge wird auch im Ballett angewandt. Die jungen Tänzerinnen werden oft genug mit dem Zentimetermaß korrigiert. Es hat natürlich etwas sehr Ungutes, wenn man versucht, mit Mathematik an menschliche Körper heranzugehen. Das kann eigentlich nicht funktionieren. Perfektion bedeutet ja, dass es nur eine mögliche Lösung gibt, aber wenn Balletttänzer tanzen, machen sie diese Anstrengung der Performance vergessen, sie transzendieren, schaffen einen fast religiösen Moment. Das ist der Grund, warum wir großen Künstlern so gerne zusehen: Michael Jordan, Zinedine Zidane, Mick Jagger. Oder, für Sie als Deutschen, David Hasselhoff.

SPIEGEL ONLINE: Sehr witzig. Wie ist es denn nun mit Ihnen und dem Streben nach Perfektion?

Aronofsky: Als Regisseur besteht meine Arbeit hauptsächlich aus Bürokratie: Planen, Budgets erstellen und so was. Aber wenn ich mit Darstellern arbeite, erlebe ich es mit, bin hautnah dabei, wenn sie diesen Zustand der Transzendenz erlangen. Vor allem meine letzten beiden Filme, "The Wrestler" und "Black Swan", sind eine Hommage an solche Performer. Mein Job am Set ist es, bei den Schauspielern diese Augenblicke der Göttlichkeit zu fühlen, sie zu bewerten, zu steuern und aufzuzeichnen. Meine Kunst besteht darin, das alles zu kanalisieren - und buchstäblich ins rechte Licht zu setzen. Zwischen Action und Cut, das ist mein heiliger Moment.

SPIEGEL ONLINE: Kann man den perfekten Film drehen? Böse Zungen behaupten, Sie hätten genau das mit ihrem Zeitreise-Drama "The Fountain" versucht - und seien grandios gescheitert.

Aronofsky: Ich hatte viele große Ansprüche an diesen Film, aber das Ziel kann niemals sein, den perfekten Film zu machen, es kann immer nur darum gehen, mit dem, was du zur Verfügung hast, das Bestmögliche zu erreichen. Meine Idee bei "The Fountain" war, die Zuschauer mit Effekten, Eindrücken und Schönheit zu bombardieren, so dass sie gar nicht merken, dass sie sich mit etwas so Düsterem wie dem Tod beschäftigen sollen. Dabei ist mir vielleicht die Balance entglitten. Aber wissen Sie was? "The Fountain" ist simpel und abstrakt zugleich und er polarisiert sehr. Aber er hat von allen meinen Filmen die meisten Fans.

SPIEGEL ONLINE: Mickey Rourke hat sie einmal einen "lächelnden Zuchtmeister" genannt. Sind Sie am Set ein Antreiber?

Aronofsky: Mickey musste ich antreiben! Weil er ein fauler Sack ist. Er hat wahrscheinlich mehr Talent im kleinen Finger als wir beide zusammen im ganzen Leben, aber er ist stinkfaul. Natalie Portman musste ich überhaupt nicht pushen, das einzige, was ich tun musste, war, die Tür zu dieser Herausforderung zu öffnen - und sie marschierte glatt durch. Sie war nervös und aufgeregt, aber sie wusste, dass sie mit "Black Swan" eine einzigartige Gelegenheit bekommen würde. Ich meine: Wie viele Rollen hat sie bisher gehabt, in denen sie in fast jeder Einstellung zu sehen ist?

SPIEGEL ONLINE: Der nächste Schauspieler, den sie vielleicht zu Höchstleistungen treiben müssen, ist "Wolverine"-Darsteller Hugh Jackman. Warum jetzt auf einmal ein Superhelden-Film für ein großes Studio? Brauchen Sie Geld?

Aronofsky: Das Geld schadet nicht, aber man kann diese wirklich verdammt harte Arbeit nicht nur deswegen machen, mir persönlich würde das die Seele zerstören. In den letzten zehn Jahren war ich bei den Verhandlungen über die Finanzierung immer die einzige Person im Raum, die den Film machen wollte. Und bei "Wolverine" ist es nun zum ersten Mal so, dass jeder ihn unbedingt machen will. Es gibt einen guten Hauptdarsteller, es gibt ein gutes Drehbuch, Hugh wollte unbedingt, dass ich den Film drehe. Diesmal muss ich niemanden 16 Monate lang davon überzeugen, dass Mickey Rourke in der Hauptrolle eine gute Idee ist - oder dass ein sexy Ballettfilm die Leute zugleich anmachen und gruseln wird. Das ist ziemlich cool!

Das Interview führte Andreas Borcholte

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1. Blut, Schweiß, Tränen - depressiv verpackt
baninchenrenner 24.01.2011
Ich habe den Film gesehen und konnte die vom Regisseur behauptete Unterhaltungsabsicht kaum feststellen. Und was er an Ansprüchen formuliert: "Allerdings auf eine Art, wie Ihr noch nie unterhalten wurdet", ist für mich ebenfalls nicht nachvollziehbar. Portman schluchzt, kratzt, krampft und quält sich durch den Film, dass der Begriff "frigide" eine ganz neue Dimension bekommt, ganz große Leistung! Ich weiß nicht,was daran so unterhaltsam sein soll, zwei Stunden lang blutig gekratzte Haut, eingerissene Finger- und Fußnägel, schmerzverzerrtes Dauerleiden und ausschließlich boshafte Charaktere aushalten zu müssen ... Und die Zutaten sind auch hier die ewig gleichen, aufgepeppt mit hollywoodscher Digitaltechnik. Dass die Welt des Balletts eine grausame, skurrile, intrigante und hysterische ist, weiß man schon vorher. So eindringlich sind die Bilder dann nun doch wieder nicht! Ich kann mich noch an die Serie "Die verbotene Tür" aus Kindheitstagen erinnern, die ebenfalls den Disziplinterror und die Persönlichkeitsatomisierung junger Mädchen zum Thema hatte - tja, hinter der Bühne scheinbar nichts Neues ...
2. Gekaufte Promo?
Arion's Voice, 24.01.2011
Zitat von sysopEr dreht Psycho-Melodramen und quält auf der Leinwand gerne Körper.*Dabei will er doch nur unterhalten:*Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt US-Regisseur Darren Aronofsky, warum sein Ballett-Schocker "Black Swan" Spaß*macht, Perfektion*keine Kunst ist*- und was ihn an einer Comic-Verfilmung reizt. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,740782,00.html
Jetzt schon der nervigste Film 2011. Warum kommt so etwas, das klingt wie ein Aufguss von "Fame" oder "A Chorus Line", in jeder größeren Online-Zeitung sogar noch unter die ersten Schlagzeilen? Dat is ein FILM! Es gibt Wichtigeres. Für wie viel habt Ihr Euch kaufen lassen, dass Ihr uns so damit nervt?
3. ...
Celegorm 24.01.2011
Zitat von sysopEr dreht Psycho-Melodramen und quält auf der Leinwand gerne Körper.*Dabei will er doch nur unterhalten:*Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt US-Regisseur Darren Aronofsky, warum sein Ballett-Schocker "Black Swan" Spaß*macht, Perfektion*keine Kunst ist*- und was ihn an einer Comic-Verfilmung reizt. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,740782,00.html
Die Frage im Interview wirkt doch eher seltsam. RottenTomatoes fasst die Kritiken mit 89% positiv und einem Schnitt von 8.2/10 zusammen. Wenn das "gar nicht begeistert" war möchte ich ja mal sehen, wie ein Film eingestuft wird, der begeistert..
4. .
Lucybell78, 24.01.2011
Zitat von Arion's VoiceJetzt schon der nervigste Film 2011. Warum kommt so etwas, das klingt wie ein Aufguss von "Fame" oder "A Chorus Line", in jeder größeren Online-Zeitung sogar noch unter die ersten Schlagzeilen? Dat is ein FILM! Es gibt Wichtigeres. Für wie viel habt Ihr Euch kaufen lassen, dass Ihr uns so damit nervt?
Angeblich ein Abklatsch/Plagiat: "Fight Club... for Girls"
5. ...
Celegorm 24.01.2011
Zitat von Lucybell78Angeblich ein Abklatsch/Plagiat: "Fight Club... for Girls"
Da kann man sich natürlich fragen, welcher Gehirnakrobat solche "Angaben" in die Welt setzt. Oder wer solchen Quatsch ernsthaft weiter verbreitet. Denn wer die zwei Filme ernsthaft gleichsetzen will hat offenbar "Fight Club" nicht ansatzweise verstanden und gleichzeitig "Black Swan" wohl gar nicht erst gesehen.
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Zur Person
Darren Aronofsky, 1969 in Brooklyn, New York, geboren, studierte Film an der Harvard Universität und am American Film Institute. Sein verstörender Debütfilm "Pi" machte ihn 1999 zum neuen Wunderkind des Independent-Kinos, ein Ruf, den er ein Jahr später mit der beklemmenden, visuell innovativen Hubert-Selby-Verfilmung "Requiem for a Dream" zementierte. Für sein ambitioniertes Zeitreiseepos "The Fountain" (2006) erntete Aronofsky allerdings größtenteils Spott und Unverständnis. 2008 kehrte er mit dem Melodrama "The Wrestler" in die Kritikergunst zurück. Hauptdarsteller Mickey Rourke wurde mit einem Golden Globe ausgezeichnet. "Black Swan"-Darstellerin Natalie Portman gilt als Favoritin für den Oscar.

Black Swan

USA 2010

Regie: Darren Aronofsky

Drehbuch: Mark Heyman, Andrés Heinz, John McLaughlin

Darsteller: Natalie Portman, Vincent Cassel, Mila Kunis, Barbara Hershey, Winona Ryder

Produktion: Cross Creek Pictures, Fox Searchlight Pictures, Phoenix Pictures, Protozoa Pictures

Verleih: Fox

Länge: 117 Minuten

FSK: 16

Start: 20. Januar 2011

Offizielle Website zum Film



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