Kultur

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"BlacKkKlansman" von Spike Lee

Good cop, black cop

Ein schwarzer Polizist, der Mitglied des Ku-Klux-Klans wird? Absurd, aber die Geschichte von Spike Lees "BlacKkKlansman" ist wahr. Trotzdem tischt der Film Märchen über den Widerstand gegen Rassismus in den USA auf.

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Freitag, 24.08.2018   16:44 Uhr

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Als Spike Lee im Sommer 1989 "Do The Right Thing" in die Kinos brachte, äußerten die US-Behörden Unmut: Es könne, analog zur brutalen Entladung im Höhepunkt des Films, zu Aufständen unter der schwarzen Bevölkerung kommen. Lee, damals 31, sagte, das sei rassistisch: Er könne sich nicht erinnern, dass Weiße aus einem der damals beliebten Schwarzenegger-Filme kämen und wahllos Leute abballerten.

Politische Sprengkraft hatte Lee, schon damals der bekannteste schwarze Filmemacher seiner Generation, mit seinem dritten Film aber durchaus. Schließlich thematisierte er, durchsetzt mit cooler Hip-Hop-Ästhetik, rassistisch motivierte Polizeigewalt gegen Afroamerikaner: In "Do The Right Thing" wird ein junger Schwarzer von einem Cop erdrosselt - und seine Community überlegt, wie sie reagieren soll: mit friedlichem Widerstand, wie es Martin Luther King vorgelebt hat? Oder mit Gewalt, wie es Malcolm X nahegelegt hatte?

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An diesem Dilemma hat sich wenig geändert. Am institutionellen Rassismus der Polizei auch nicht - bedenkt man die wachsende Zahl dokumentierter Vorfälle mit Todesfolge in jüngster Vergangenheit, wegen der es eine Bewegung namens Black Lives Matter gibt. Spike Lee aber macht keine Filme mehr, die Angst vor riots provozieren könnten. Auch wenn "BlacKkKlansman", sein neuer, von vielen Kritikern gelobt als sein seit Jahren bester Film, genau das sein möchte: gefährlich, aufrüttelnd, ein Stachel in der Bequemlichkeit all jener, die glauben, Rassismus und weiße Überlegenheitsfantasien seien Probleme von gestern und der weit rechts kobernde US-Präsident Trump nur ein harmloser Narr.

Das Problem ist nur: So funktioniert dieser auf vielen Ebenen lustige, stylishe und actionreiche Film leider nicht.

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"BlacKkKlansman" erzählt die - in weiten Teilen wahre - Geschichte von Ron Stallworth (John David Washington, Denzels Sohn), der zu Beginn der Siebzigerjahre als Undercover-Detective in Colorado Springs den örtlichen Ku-Klux-Klan unterwandert - und am Telefon sogar mit Oberklanführer David Duke (Topher Grace) munter über dessen krude Weltsicht parliert. Ohne dass Duke ahnt, dass Stallworth schwarz ist, versteht sich.

Polizei rettet Radikale

Bei den Treffen der KKK-Lokalgruppe, wo deftig-hetzerische Reden geschwungen werden, lässt sich Stallworth von seinem weißen (und jüdischen) Kollegen Flip Zimmermann (Adam Driver) vertreten. Es ist im Kern ein gut geöltes Buddy-Movie, eine Art "Lethal Weapon" mit politischer Botschaft, das Lee hier in Gang setzt. Zusammen wollen die Cops einen (fiktiven) Bombenanschlag auf die radikale Black-Power-Gruppe von Stallworths Freundin Patrice (Laura Harrier) verhindern.

Gegen Ende des Films sind Ron und Patrice in einer coolen Blaxploitation-Montage, die wiederum an "Do The Right Thing" erinnert, zu sehen: Radikale Aktivistin zieht mit schwarzem Polizisten in den gerechten Kampf gegen Rassismus. Nur in dieser Allianz, suggeriert Lee, könne man gegen Trump und den Rechtsruck bestehen. Yeah, right.

Der afroamerikanische Regisseur Boots Riley, dessen Film "Sorry To Bother You" zeitgleich mit "BlacKkKlansman" in den USA anlief, warf Lee in einem Twitter-Statement vor, dass er es sich damit etwas zu einfach mache - und sich Stallworths Geschichte so hindrehe, dass sie zu seiner Botschaft passe. Der schwarze Bulle werde allein auf Basis seiner eigenen Memoiren als Held dargestellt.

Nazis und Trump sind doof

Zu Unrecht, so Riley: Primäre Aufgabe von Stallworth sei es gewesen, im Zuge des berüchtigten Cointelpro-Programms des FBI radikale Afroamerikaner-Gruppen wie die Black Panther zu unterwandern, auszuspionieren und zu destabilisieren. Und zwar über Jahre hinweg.

Lees Film zeigt Stallworth nur einmal in solch einem fragwürdigen Einsatz, bei einer Rede des Black-Panther-Vordenkers Stokely Carmichael, wo er dann auch der kämpferischen Patrice begegnet und sich verliebt. Die heroische Aktion gegen den Klan? Ein Zufall, ein kurioser Nebeneffekt. Lee hat sich bisher noch nicht zu Rileys Anwürfen geäußert.

Das Verhältnis zwischen schwarzen Bürgerrechtlern und der US-Behörden ist historisch belastet und nachhaltig zerrüttet, deshalb gehören die wenigen Szenen, in denen Stallworth und die Aktivistin seine problematische Rolle als Brother with a Badge diskutieren, zu den interessantesten des Films. Aber dieser Aspekt, der auch etwas mit der komplizierten schwarzen Identitätsfindung in Amerika zu tun hat, ist diesmal leider nicht Lees Thema.

Denn anders als zuletzt Filme wie "Moonlight", "Get Out" oder "Black Panther", scheint sich "BlacKkKlansman" gar nicht primär an ein schwarzes Publikum zu richten, sondern vielmehr an eine sehr spitze Zielgruppe gut gebildeter Linksliberaler, ein wahrscheinlich vorrangig weißes und bürgerliches Arthouse-Publikum. Diesem werden die im Film porträtierten Klan-Nazis und Rassisten als Hinterwäldler und Deppen dargeboten, niemand also, mit dem man sich als aufgeklärter Weißer identifizieren könnte oder müsste.

Eskapismus statt Agitation

Im Gegenteil: Wer "BlacKkKlansman" guckt, steht im Zweifel eh auf der ideologisch "richtigen" Seite und wird in seiner empfundenen moralischen Überlegenheit bestärkt und beruhigt, nicht zum Nachdenken gebracht. Nazis, Rechte und Trump sind doof: Tja nun, das wusste man vorher. Der Rest sind ein paar Schmunzler und Schenkelklopfer.

AP

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Da nützt es auch nicht viel, wenn Lee ganz am Ende seines Films plötzlich in die faktische Gegenwart schneidet und Originalaufnahmen des Neonazi-Aufmarsches von Charlottesville vor einem Jahr zeigt, bei denen eine junge Frau getötet wurde. Diese spät im Produktionsprozess hinzugefügten Szenen sollen Dringlichkeit und Aktualität vermitteln, wie schlimm es heute immer noch und wieder ist - in einer Realität, in der sich Klanführer Duke als Fan von Trump outet und der Präsident sich schützend vor Waffennarren und Rassisten stellt.

Was Lee jedoch zuvor mit den suggestiven Mitteln des Unterhaltungskinos inszeniert, ist die märchenhafte Utopie einer Welt, die trotz gegenwärtiger Verunsicherungen grundsätzlich in Ordnung zu sein scheint. Das US-Gesellschaftssystem, so das inhärente Versprechen seiner Story, ist intakt, weil die Bullen eben doch keine "Schweine" sind, wie Black-Power-Aktivisten im Film skandieren, sondern die good guys, denen am Kampf gegen den Rassismus etwas liegt. Und seht mal, einer von ihnen ist sogar schwarz! Das ist die Antithese von Aufrüttelung, das ist fast schon klassischer Hollywood-Eskapismus.

So wurde aus dem Filmemacher Spike Lee, der sich selbst und seinem Publikum einst in authentischer Ratlosigkeit die Frage stellte, was im ewigen Kampf gegen Ungleichheit, Intoleranz und Gewalt "the right thing" sein könnte, zum Regisseur eines unambivalenten Erbauungskinos, dessen revolutionäre Kraft eine Behauptung bleibt. Man wünschte, es gäbe Aufstände.

"BlacKkKlansman" - Filmtrailer ansehen:

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