"Blade II": Lustloses Leichenzählen

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Viel Action, wenig Story: Mit dem seelenlosen Horror-Gemetzel "Blade II" wird nach Batman und Superman ein weiterer Comic-Charakter im Fortsetzungs-Fleischwolf von Hollywood zermalmt.

Filmszene aus "Blade II": Jagd auf reinrassige Blutsauger
Bruce Talamon / WARNER BROS.

Filmszene aus "Blade II": Jagd auf reinrassige Blutsauger

Vor vier Jahren drehte Stephen Norrington einen faszinierenden Vampir-Thriller auf Basis der Marvel-Figur "Blade". Der Superheld, ein muskelbepackter schwarzer Mann (Wesley Snipes) mit einer Vorliebe für lange Ledermäntel und schwarze Sonnenbrillen, der durch einen genetischen Zufall bei seiner Geburt zum Hybridwesen aus Mensch und Vampir wurde, macht zusammen mit seinem väterlichen Freund und Waffendesigner Whistler (Kris Kristofferson) Jagd auf reinrassige Blutsauger, die sich unerkannt in unserer Gesellschaft verbergen und ein geheimes Imperium im Untergrund führen.

Blades Vorteil: Durch seine Veranlagung verfügt er über alle übermenschlichen Kräfte der Vampire, leidet aber nicht unter ihren Schwächen. Sonnenlicht, Knoblauch und Silberkugeln können ihm nichts anhaben, weshalb er genau diese universellen Anti-Blutsauger-Mittel verwendet, um die ungeliebten Untoten abzuschlachten, wo er sie findet. Gegen den obligaten Blutdurst, dem auch Blade unterliegt, muss er sich ein von Whistler entwickeltes Serum spritzen.

Trotz Spannung und Düsternis unfreiwillig komisch
Bruce Talamon / WARNER BROS.

Trotz Spannung und Düsternis unfreiwillig komisch

Der Blade des ersten Teils ist ebenso schweigsam wie verbittert. Die Ausrottung der Vampire, die seine Mutter auf dem Gewissen haben und ihn zu dem Monster machten, das er ist, wird zum alleinigen Sinn seiner grotesken Existenz. Als Nebenmotivation dient ihm eine menschliche Freundin, stellvertretend für uns alle, die es vor den Übergriffen der stets durstigen Vampire zu retten gilt. Norringtons Film verfügte nicht nur über eine gute Story, sondern auch über ein elegantes Styling und wohldosierte Kampfsequenzen martialischer Art. Nur an den digitalen Spezialeffekten hatte man leider gespart, was "Blade" bei aller Spannung und Düsternis zu unfreiwilliger Komik verhalf.

Die Effekte in "Blade II", inszeniert von dem mexikanischen Horror-Fan Guillermo Del Toro ("Mimic") sind hingegen deutlich ausgereifter, weshalb sie sogleich inflationäre Anwendung fanden. Gleiches gilt für die ebenfalls computergestützten Martial-Arts-Szenen des Sequels. Sie, nicht das erneut von David S. Goyer verfasste Drehbuch, bilden das somit recht dünne Gerüst des Films. Durch die exzessive Wiederholung der ewig gleich ablaufenden Kampfszenen fühlt man sich zuweilen wie in einem auf Leinwandgröße aufgeblasenen Computerspiel, bei dem man auch noch zum Zuschauen verdammt ist. Die Masse der Metzeleien ist aber nicht nur langweilig, sie geht auch auf Kosten der Story.

Snipes: Auf coole Gesten reduziert
Bruce Talamon / WARNER BROS.

Snipes: Auf coole Gesten reduziert

Da der Superheld Blade bereits im ersten Teil charakterisiert wurde und somit für den Zuschauer kaum Neues bietet, musste sich Goyer für den zweiten Teil seiner Saga einen noch spektakuläreren Plot mit noch imponierenderen Gegnern einfallen lassen. Seine Lösung ist ausgeklügelt: Durch missglückte Gen-Experimente des Ober-Vampirs Damaskinos (Thomas Kretschmann) ist ein Virus entstanden, das die gefährliche neue Vampir-Rasse der "Reaper" erschaffen hat. Sie sind eine Furcht erregende, aggressive Mischung aus Blutsaugern und Aliens, sehen alle aus wie Klaus Kinski als "Nosferatu" und stillen ihren Durst ausschließlich an Normalo-Vampiren. Eine Situation, die Damaskinos schnell über den Kopf wächst, weshalb der Fürst der Finsternis seinen Erzfeind Blade zur Hilfe bittet, der seine Operationsbasis passenderweise ins bedrohlich-nebulöse Prag verlegt hat, ein paar Blocks vom Hauptquartier der Untoten entfernt.

Der dämonische Damaskinos stellt dem "Daywalker" ein durchtrainiertes Einsatz-Team, das "Bloodpack", zur Seite, um den Kampf gegen die Reaper aufzunehmen. Angeführt wird die Anti-Terroreinheit der Vampire von dem schurkisch-coolen Reinhardt (Ron Perlman), dem der neue Boss naturgemäß suspekt erscheint. Gleichzeitig spinnen sich zwischen Damaskinos' Tochter Nyssa (Leonor Varela) und dem Vampirjäger zarte Bande.

Nachdem diese Nebenschauplätze entworfen sind, beginnt die bald ermüdende Reaper-Jagd durch finstere Gewölbe und regnerische Gassen, an deren Ende Blade feststellen muss, dass er zum Opfer einer bösartigen Hinterlist geworden ist.

Die Story ist einfallsreich und profitiert von der düsteren Atmosphäre und der glaubwürdigen Darstellung der ekligen Reaper, enthält aber mindestens so viele Ungereimtheiten wie der Plot des ersten Teils. Abgesehen von der unerklärlichen "Wiederauferstehung" Whistlers, der am Ende von "Blade" starb, ist die These, dass Vampirismus neuerdings durch genetisch gezüchtete Viren übertragen wird, zwar interessant und unheimlich zeitgeistig, stellt den gesunden Menschenverstand allerdings auf eine harte Probe.

Filmszene: Sadistische Lust am Dahinschlachten seiner Gegner
Bruce Talamon / WARNER BROS.

Filmszene: Sadistische Lust am Dahinschlachten seiner Gegner

Zudem will auch neben all der redundanten Metzelei keine rechte Spannung aufkommen. Dafür ist ein grundsätzlicher Fehler des Drehbuchs verantwortlich: Den Zuschauer, mit größter Wahrscheinlichkeit ein Nicht-Vampir, lässt es gehörig kalt, wenn böse Vampire von noch böseren Supervampiren dezimiert werden, wogegen ihnen ein mordlustiger Halb-Vampir helfen soll, der sich auch noch in eine zwielichtige (und furchtbar schlecht dargestellte) Vampirfrau verliebt. Der ewige Kampf von Gut gegen Böse wird hier zum Gefecht zwischen Unholden; welche Schurken-Rasse am Ende gewinnt, könnte kaum gleichgültiger sein. Der Held zudem, im ersten Teil zerquält und von menschlichem Gefühl getrieben, ist inzwischen zum Zyniker geworden und empfindet ganz offensichtlich sadistische Lust am Dahinschlachten seiner Gegner.

Wesley Snipes, beileibe kein schlechter Schauspieler, wird dabei vollends auf kampfsportartige Bewegungen und coole Gesten (mit Mantel, Schwert, Sonnenbrille oder Pistolen) reduziert und spricht im gesamten Film vielleicht drei zusammen hängende Sätze - noch weniger also als Stallone in "Rambo 2" und Schwarzenegger in "Terminator 2". Seine Artikulation findet nur noch über entmenschlichte Waffengewalt statt. Nicht gerade ein Sympathieträger also, dem man Charme, Eleganz und Emotion zugunsten teurer, aber wirkungsloser Schauwerte entzogen hat. Mit seelenlosen Superhelden-Sequels wie "Blade II" beweist Hollywood, dass es aus dem elendigen und albernen Niedergang der "Batman"-Reihe, aber auch aus anspruchsvollen Comic-Verfilmungen wie "Matrix" und "X-Men" noch nichts gelernt hat. Schade eigentlich.

"Blade II". USA 2001. Regie: Guillermo Del Toro; Buch: David S. Goyer; Darsteller: Wesley Snipes, Ron Perlman, Kris Kristofferson, Leonor Varela, Thomas Kretschmann; Produktion: Amen Ra Films, Imaginary Forces, New Line Cinema; Verleih: Warner Bros.; Länge: 117 Minuten ; Start: 2. Mai 2002.

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