"Blade Runner 2049" Das große Herz einer Maschine

Mit "Blade Runner 2049" gelingt Regisseur Denis Villeneuve eine ehrbare, wenn auch leider zu verzagte Fortsetzung des Science-Fiction-Klassikers. Harrison Ford war allerdings selten besser.

Sony Pictures

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Es komme immer wieder vor, erzählt Regisseur Denis Villeneuve, dass er nachts aufwache und sich entsetzt frage, warum um Himmelswillen er eine Fortsetzung von "Blade Runner" gedreht hat. Weitere schlaflose Nächte dürften für Villeneuve in Zukunft nicht anstehen, denn sein Film findet einen überzeugenden Dreh, um die Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Maschine, die Ridley Scotts Original der Menschheit so unvermutet stellte, neu zu formulieren - und damit seine eigene Existenz zu rechtfertigen.

Für die Fortsetzung wird das dystopisch-düstere Los Angeles der gar nicht so fernen Zukunft noch einmal aufgebaut - diesmal aber ergänzt durch eine sandsturmumtoste Ruinenstadt, die einmal Las Vegas war, und eine gigantische Müllhalde, die einmal San Diego war. Buchstäblich fantastisch durch Kameralegende Roger Deakins ("Sicario", "No Country for Old Men") fotografiert.

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"Blade Runner 2049": Rückkehr der Replikanten

Zwischen diesen Landschaften der Kargheit und Verwüstung schwebt ein neuer Blade Runner (gespielt von Ryan Gosling) mit seinem Spinner, einem fliegenden Sportwagen, durch die Luft. Er senkt sich überall dort nieder, wo ein Replikant, also ein menschenähnlicher Roboter, im Verborgenen zu überleben versucht. Denn Blade Runner sollen nach wie vor mitleidslos Replikanten töten, selbst wenn sie womöglich selbst einer sind.

Liebe, Verzweiflung und Hass

Wie die Szenerie ist auch das Personal des neuen Films ergänzt, durch eine brutale Polizeichefin (Robin Wright), eine skrupellose Handlangerin eines Großunternehmers (Sylvia Hoeks) sowie eine Kurtisane in Hologramm-Form (Ana de Armas). In der zweiten Hälfte kommt es zudem zum Zusammentreffen des neuen Blade Runners Gosling mit dem Original, damals wie heute gespielt von Harrison Ford. Überhaupt ist das Erzählprinzip von "Blade Runner 2049" das der Addition, denn seine 163 Minuten Laufzeit nutzt der Film vor allem, um immer noch eine Wendung mehr zu erzählen.

Von denen soll, so Villeneuve in einer bislang wohl einzigartigen Botschaft an die Filmkritiker, bitte keine einzige verraten werden. Das fällt in diesem Fall überraschend leicht, denn für sich genommen sind die Wendungen gar nicht so interessant. Wo immer Villeneuve und die Drehbuchautoren Hampton Fancher und Michael Green eine neue Frage aufwerfen, folgt nämlich alsbald die Antwort (und wer kyrillisch lesen kann, den wird eine große Überraschung zusätzlich wenig überraschen). Ein echtes Mysterium kann sich so nicht entwickeln, weshalb mitunter der Eindruck entsteht, dass "Blade Runner 2049" zu viel und zu wenig zugleich erzählt.

Diesen Vorwurf könnte man auch dem Original von 1982 machen - allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Ridley Scotts Film hatte kaum Handlung: Einen einzigen Auftrag musste sein Blade Runner Rick Deckard erledigen. Was dieser eine Auftrag allerdings an Begegnungen zwischen Mensch und Replikanten zur Folge hatte, an Liebe, Verzweiflung und Hass - das war ein genre- und erzählkonventionensprengendes Ereignis.


"Blade Runner 2049"
USA 2017
Regie: Denis Villeneuve
Drehbuch: Hampton Francher, Michael Green
Darsteller: Ryan Gosling, Ana de Armas, Sylvia Hoeks, Harrison Ford, Robin Wright, Jared Leto, Mackenzie Davis
Produktion: Alcon Entertainment, Columbia Pictures et al.
Verleih: Sony Pictures
FSK: ab 16 Jahren
Länge: 163 Minuten
Start: 5. Oktober 2017


Scott erklärte nämlich nichts, warf einen einfach in dieses plötzlich regenverhangene Los Angeles, das von haushohen Hologrammen bevölkert wurde, und ließ sogar seinen Titelhelden mit der existenziellen Frage, ob er nicht selbst ein Replikant sei, allein zurück. (Die vielen, äußerst unterschiedlichen Schnittfassungen legen allerdings auch nahe, dass Scott die längste Zeit selber kaum wusste, wie er diesen grandiosen Stoff in den Griff bekommen sollte.)

In den Achtzigerjahren war diese erzählerische Unbestimmtheit offenbar möglich. Auch die anderen Meisterwerke des Cyberpunk, "Neuromancer" von William Gibson und "Ghost in the Shell" von Masamune Shirow, scheuten sich nicht davor, mit losen Enden zu hantieren und konnten gerade deshalb ihre Geschichten als nicht enden wollende Faszinosa im kollektiven Bewusstsein verankern.

Von dieser Unbefangenheit und Freiheit hätte man "Blade Runner 2049" mehr gewünscht, zumal Scott und seine Drehbuchautoren (Fancher und David Webb Peoples) so souverän waren, sich zusätzlich auch noch weit von der Romanvorlage Philip K. Dicks ("Träumen Androide von elektrischen Schafen?") zu entfernen und dessen Ideen eher fortzuspinnen als direkt umzusetzen.

Gespräch unter Cowboys

Heute scheinen Hollywoodfilme ihrem Publikum nicht mehr so viel zuzutrauen. Womöglich konditioniert durch die Prequels und Sequels der Superheldenuniversen, in denen sämtliche Fäden des Originalstoffs aufgenommen und verwoben werden, wird auf Geschlossenheit gedrungen, wo Offenheit - zumindest in diesem Fall - deutlich reizvoller, weil unheimlicher gewesen wäre.

So erinnern nicht zuletzt die mitunter grobschlächtigen Dialoge in "Blade Runner 2049" immer wieder daran, dass man es hier mit einem Film zu tun hat, in den Sony Blockbuster- und Oscar-Hoffnungen setzt. Sätze wie "Du bist bisher ganz gut ohne Seele ausgekommen" haben die Knurrigkeit eines Gesprächs unter alten Cowboys. Aber mit Harrison Ford hat der Film gleichzeitig auch den Schauspieler zu bieten, der genau solche Sätze so selbstverständlich wie nur irgendmöglich klingen lassen kann.

Fords Karriere befindet sich gerade in einer seltsamen Retro-Schleife. Die "Blade Runner"-Fortsetzung hat er zwischen "Star Wars" und den neuen "Indiana Jones" geschoben. Doch so gut wie hier hat man den 75-Jährigen schon lange nicht mehr gesehen. Im Gegensatz zu Ridley Scott ist Ford ja davon überzeugt, dass es sich bei Deckard um einen Menschen handelt, nicht um einen Replikanten. Womöglich bemüht er sich deshalb so sehr, dem alten Blade Runner jede Menge abgekämpfte Würde zu verleihen.

Ähnliches kann man auch über Villeneuve sagen. Sein Film ist eine überaus ehrbare Fortsetzung, die von echter Verbundenheit mit dem Original und seinen Schöpfern getragen ist. Doch den großen Science-Fiction-Film, der das Genre neu sortiert, der eine andere Geschichte der Menschheit erzählt und dies auch noch auf unnachahmliche Weise, den hat Villeneuve vergangenes Jahr gedreht: "Arrival" heißt er und ist sein unbedingtes Meisterwerk.

Im Video: Der Trailer zu "Blade Runner 2049"

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