Filmperle "Blind & Hässlich" Mit dem Herz in der Hand

Er hält sich für hässlich, sie gibt vor, blind zu sein: Aus den schlechtesten Gründen findet in "Blind & Hässlich" ein Paar zusammen und ist gerade deshalb so aufregend anders als alles im deutschen Kino sonst.

Daredo Media

Krisengespräch in einer WG für betreutes Wohnen. Ferdy spült nicht, nachdem er auf dem Klo war. Seine beiden Mitbewohner finden das eklig. Ferdy entschuldigt sich halbherzig.
Betreuerin: "Habt ihr ihn verstanden? Könnt ihr das annehmen?"
Mitbewohner (murmelnd): "Ja."
Ferdy: "Ich hör' in dem Ja ein Nein."
Betreuerin: "Versuche bitte mal, wirklich das Ja zu hören!"
Ferdy: "Aber in diesem Ja ist doch ein Nein versteckt!"
Betreuerin: "Ich höre kein Nein."
Ferdy: "Aber ich höre ein Nein."
Betreuerin: "Du hörst ein Nein?"
Ferdy: "Du sagst ja auch gerade Nein!"
Betreuerin: "Ich höre kein Nein!!"
Mitbewohner: "Aber was Ferdy sagt, stimmt. Jetzt redest du gerade nur in Negativstrukturen."

Ungefähr so wie in diesem Dialog muss man sich das Kino des Tom Lass vorstellen: Ins Absurde gesteigerter Witz, verknappt, improvisiert. Eine pointierte Satire auf Alltagssituationen. Was der Dialog nicht widerspiegelt, das ist die andere, entscheidende Komponente, die Tom Lass' Filme ausmacht: Das große Herz, das Lass in beide Hände nimmt und mit dem er losrennt.

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"Blind & Hässlich": Kräftig schummeln fürs Glück

Zumindest wirken die Filme so, als würde Lass ohne großen Plan einfach drauflos rennen. Sie entstehen größtenteils durch Improvisation, mit einer Story-Idee anstatt eines ausformulierten Drehbuchs, mit einem kleinen Team, teilweise mit digitalen Fotoapparaten statt teuren Kameras. Ihre Produktionsbedingungen spiegeln die unsichere, aber maximal freie Lebenssituation der Protagonisten. Niemand im deutschen Kino erzählt derzeit so genau von den Ängsten und Wünschen der Unter-35-Jährigen wie Tom Lass. Natürlich bis auf Toms älteren und bislang noch bekannteren Bruder Jakob ("Love Steaks", "Tiger Girl").

Niemand macht gerade in Deutschland ein so energisches und energetisierendes, konventionsfreies Kino wie die Lass Brothers. Jetzt müssen das nur noch mehr Leute als die eingeschworene Fangemeinde merken. Jakob ist mit "Tiger Girl" schon auf gutem Weg zu größerer Bekanntheit, seinen dritten Film hat die große Constantin produziert. Aber auch bei Tom tut sich was: "Blind & Hässlich" entstand mit dem Kleinen Fernsehspiel des ZDF, ist nicht mehr ganz so underground wie die beiden Vorgänger.

Lass erzählt die Liebesgeschichte von Ferdi (gespielt von ihm selbst), der unter einem Kindheitstrauma leidet, sich für hässlich hält und Probleme mit Nähe hat; und von Jona (Naomi Achternbusch), die ihr Abi schmeißt, mit Mamas Auto nach Berlin durchbrennt, dort bei ihrer blinden Cousine unterkommt, und, weil im Blindenwohnheim gerade eine Wohnung frei ist, sich selbst als Blinde ausgibt.

Liebevoll vermüllte Wohnung

Sie treffen sich auf einer Eisenbahnbrücke, von der Ferdi sich gerade stürzen will. "Bitte geh weiter", sagt er, "ich hab gerade zu tun." Aber Jona geht nicht weiter, und so kommt es, dass die beiden ein Paar werden. Blöd nur, dass Ferdi glaubt, sie sei blind, sie also seine vermeintliche Hässlichkeit nicht wahrnehmen kann und sich deshalb so wohl mit ihr fühlt.

Klingt nach einer kruden Story, nach einem überkonstruierten Plot. In der Folge taucht noch ein waschechter Bösewicht auf, der den armen Ferdi in eine erneute schwere Krise stürzt, und auch das Ende ist sehr dramatisch. Aber keine Sorge: Tom Lass jongliert viel mehr mit plot points und spielt mit den Standards der Filmdramaturgie, als sie brav zu befolgen.


"Blind & Hässlich"
Deutschland 2017

Regie: Tom Lass
Drehbuch: Ilinca Florian, Tom Lass
Darsteller: Naomi Achterbusch, Tom Lass, Clara Schramm, Dimitri Stapfer, Peter Marty
Verleih: Daredo Media
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 98 Minuten
Start: 21. September 2017


Ganz deutlich ist "Blind & Hässlich" anzumerken: Hier will jemand mehr, streckt sich zur Decke, entdeckt neue künstlerische Möglichkeiten. Fast schon schade, dass der mutwillige Dilettantismus, der noch sein Debüt "Papa Gold" und Teile von "Kaptn Oskar" prägte, hier fast verschwunden ist. Der Improcharakter bleibt frisch und direkt, aber jetzt setzt Lass Musik viel effektiver ein, inszeniert teilweise mit expressiver Lichtsetzung und Unschärfen, schneidet nicht-linear.

Zusätzlich spielt er die Hauptrolle, aber das ist keine sich entwickelnde Hybris, sondern die Regel bei Tom Lass: Auch in den ersten beiden Filmen war er sein eigener Hauptdarsteller. Wohl nicht, weil das billiger ist, sondern weil er die Geschichten sehr eng aus eigenen Erfahrungen und Erlebnissen entwickelt.

Man darf annehmen, dass die Lebenswelt seiner Protagonisten zumindest in den ersten beiden Filmen seiner eigenen entsprach: Prekär lebende Kreative, die wenig auf einen ordentlichen Lebenslauf geben. Von denen man überhaupt kaum erfährt, was sie eigentlich so machen. Die in liebevoll vermüllten Wohnungen halbwarme Ravioli aus der Dose löffeln und sich so ausgiebig mit ihren Beziehungsproblemen herumschlagen, als existiere die äußere Welt nicht.

Menschen statt Pappkameraden

"Tom Lass. Geboren in München. Hat nichts studiert", so beginnt er seine eigene Vita. Vielleicht ist das auch der große Unterschied zu seinem Bruder Jakob: Während der in Babelsberg Regie studierte, hielt sich Tom mit Jobs als Produktionsleiter und Fahrer über Wasser und durchlief einen langen Prozess des learning-by-doing.

Ihre Themen sind dabei verwandt und ihre filmischen Mittel überschneiden sich, aber Tom fliegt tiefer als Jakob und bleibt unmittelbarer, näher an seinen Figuren. Und ganz allein sind die beiden mit ihrem Improtainment ja ohnehin nicht: Axel Ranisch ("Alki Alki") hat so immerhin schon einen "Tatort" inszeniert. Und Jakob und Axel haben auch wieder Gastrollen in "Blind & Hässlich".

Mit dem aus den USA bekannten "Mumblecore", dialoglastigen und günstig-produzierten Independent-Dramen, seien diese Filme verwandt, liest man immer wieder. Die Einflüsse sind offensichtlich, viel interessanter sind aber deutsche Vorbilder, die sich vor allem beim Anblick von "Blind & Hässlich" aufdrängen: Filme von Klaus Lemke ("Rocker") und Rudolf Thome ("Rote Sonne"), die in den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren "Papas Kino" mit dem Mut zur Unfertigkeit entstaubten und endlich von Menschen erzählten, nicht von Pappkameraden.

"Blind & Hässlich" ist so nah dran am Heute wie diese Vorbilder damals. So wie dort München und Hamburg wird hier Berlin zum Ort, an dem sich Leben jenseits aufgezwungener Muster gestalten lässt. Ferdi und Jona zahlen einen Preis für ihr vagabundierendes Dasein, aber am Ende, so ihr ebenso naiver wie fester Glaube, wird alles gut. Darin steckt viel mehr Sprengkraft, als der Film vielleicht selbst ahnt. Alternativen sind immer möglich. Man muss sie nur suchen.

Im Video: Der Trailer zu "Blind & Hässlich"

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