Wahrer Kriminalfall "The Bling Ring": Die kranken Kinder des Ruhms

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"Shoppen gehen" bei den Promis: Der neue Film von Sofia Coppola und ein Buch erzählen die wahre Geschichte des Bling Ring, einer Jugendgang, die die Häuser von Hollywood-Stars plünderte. Ein Horrortrip ins Paris-Hilton-Universum - und eine Reise ins neue Amerika, das Land der Ruhmsüchtigen.

"Ich brauche noch Deko für mein neues Zimmer", soll die 19-jährige Rachel Lee gesagt haben, als sie auch noch Bilder abhängte und mitnahm. Bis dahin hatten Lee und drei andere Jugendliche Schmuck, Kleidung, Gepäck und Rolex-Uhren mit einem Schätzwert von insgesamt einer halben Million US-Dollar aus dem Haus von Hollywood-Star Orlando Bloom und seiner Freundin, dem Model Miranda Kerr, eingesteckt.

Als "Shoppen gehen" beschreibt Nick Prugo das: Mit seiner Schulfreundin Lee stieg er von Oktober 2008 bis August 2009 in Los Angeles und Umgebung in die Häuser von Film- und Fernsehstars ein und klaute, was gefällt. Dann flog die jugendliche Räuberbande, von den US-Medien Bling Ring genannt, auf. Lee wurde zu vier Jahren und Prugo zu einem Jahr Haft verurteilt, ihre Komplizin Alexis Neiers musste für sechs Monate ins Gefängnis, andere Gangmitglieder kamen mit Bewährungsstrafen davon.

Das Leben der Stars leben oder dem so nah wie möglich kommen - diesen Wunsch vermuten viele Beobachter als Motiv hinter den Einbrüchen. Und auf gewisse Art haben es die Mitglieder des Bling Ring ja auch geschafft, berühmt zu werden: Sie sind sowohl im neuen Film von Oscar-Preisträgerin Sofia Coppola als auch in einem Sachbuch von "Vanity Fair"-Autorin Nancy Jo Sales verewigt worden.

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Coppola-Film "The Bling Ring": Hauptsache berühmt!
Coppolas Film "The Bling Ring" kommt am Donnerstag in die Kinos und dürfte von beiden Darstellungen diejenige sein, mit der sich die Gangmitglieder am ehesten anfreunden dürften - und das nicht nur, weil sie von so ansehnlichen Darstellerinnen wie "Harry Potter"-Star Emma Watson oder Newcomerin Katie Chang gespielt werden.

Coppola setzt auf Empathie und feinen, aber schneidenden Humor. Getrieben von schnellen Schnitten und wuchtigem HipHop nimmt sie ihr Publikum mit auf Diebestour. All dieser Glitzerfummel! All diese schweren Klunker! All diese endlosen Reihen an Highheels! Das Staunen über den Überfluss überträgt sich spielerisch auf die Zuschauer. Spätestens im Boudoir von Paris Hilton, die als einziges Opfer des Bling Ring ihr Haus für die Dreharbeiten freigegeben hat, kann man ein Kichern nicht mehr unterdrücken - sie hat Seidenkissen mit ihrem Porträt bedrucken lassen. Wie verrückt ist diese Promi-Welt eigentlich?

In Cannes, wo "The Bling Ring" im Mai Premiere feierte, kam er durchwachsen an, Kritiker empfanden ihn als leichtgewichtig. Zu Unrecht. Coppola gelingt das Kunststück, einen Film über den gesellschaftlichen Trend zur Selbstinszenierung und -überhöhung zu drehen, der eben nicht thesenhaft daherkommt, sondern der unterhaltsam und gehaltvoll zugleich ist.

Der Style macht den Star

Mit dem unsicheren, leicht beeindruckbaren Nick (im Film in Marc umgetauft) als Identifikationsfigur führt uns Coppola in eine Welt ein, in der nur die Oberfläche zählt - beziehungsweise deren Repräsentation im Reality-TV und auf Facebook. Ein Star zu sein, heißt hier nicht, etwas besser zu können als andere, sondern sich besser zu stylen. Um sich den Traum vom Promi-Leben zu erfüllen, müssen sich die Bling-Ring-Mitglieder deshalb gar nicht anstrengen, sie müssen nur zugreifen. Und wenn es doch einmal um Überzeugungen oder Werte geht, sagen sie absurde Dinge wie "Ich glaube, meine Reise auf diesem Planeten ist es, eine Führungspersönlichkeit zu sein. Ich sehe mich als eine Art Angelina Jolie, aber noch stärker, noch unerbittlicher im Kampf für das Universum und für Frieden und für die Gesundheit unseres Planeten." Ein Originalzitat von Alexis Neiers.

Bei aller Lächerlichkeit seiner Figuren liefert Coppolas Film dennoch eine geschönte Version der Realität, wie sich in "The Bling Ring" von Nancy Jo Sales nachlesen lässt. Die Reporterin der "Vanity Fair" hatte 2010 einen vielbeachteten Artikel über die Gang geschrieben, der Coppola als Grundlage diente. Das Sachbuch hat Sales jetzt parallel zum Film veröffentlicht - vielleicht kein Klassiker des True-Crime-Genres, aber eine sehr eindrückliche Bestandsaufnahme der bizarrsten Auswüchse der celebrity culture.

Mit den Kardashians mithalten

Sales ist nah dran an den Jugendlichen, sie erzählt von Schulproblemen, Drogenkonsum, kleineren Gesetzesübertretungen und Gehversuchen im Erotik-Business: Alexis und ihre Ziehschwester Tess haben für Videos lesbischen Sex miteinander gestellt, Tess wird im Jahr ihrer Verhaftung auf Playboy.com zum "Cybergirl of the Year 2010" gewählt. Alles mit dem Okay der Erziehungsberechtigten, die darin erfreulichen beruflichen Ehrgeiz erkennen.

Nick und die Mädchen erscheinen so als versehrte Persönlichkeiten, die überdies in einem grotesken Umfeld aufwachsen. Ihr Heimatort Calabasas ist die Hochburg der Reality-TV-Shows. Sowohl Britney Spears als auch Jessica Simpson hatten sich hier beim Scheitern ihrer ersten Ehen filmen lassen, die omnipräsente Kim Kardashian und ihre superreiche Familie wohnen hier, die mit der Show "Keeping up with the Kardashians" ("Mit den Kardashians mithalten") berühmt wurden.

Auch die Stars, bei denen der Bling Ring einsteigt, sind größtenteils Reality-TV-Promis wie Audrina Patridge ("The Hills") oder sorgen in Klatsch-Blogs für mehr Aufmerksamkeit als mit Filmen oder TV-Serien, siehe Lindsay Lohan. Und am Tag, als Alexis Neiers verhaftet wird, ist ihr tatsächlich ein Kamerateam auf den Fersen - zufällig beginnen gerade die Dreharbeiten für ihrer eigene Doku-Soap "Pretty Wild".

Lieber berühmt als schlau

Hauptsache berühmt - wie Sales zeigt, ist das nicht nur das Mantra von Hollywood, sondern in den USA längst gesellschaftlicher Großtrend. Einer Untersuchung des Pew Research Center aus dem Jahr 2007 zufolge gab über die Hälfte der 18- bis 25-Jährigen an, das wichtigste oder zweitwichtigste Ziel im Leben sei es, berühmt zu werden. Ähnliche Ergebnisse lieferte eine Feldstudie des Autors Jake Halpern in einer High School in Rochester, New York. Vor die Wahl gestellt, ob sie lieber stärker, schlauer, schöner oder berühmt werden wollten, entschieden sich die Jungen genauso häufig für die Option "Ruhm" wie für "Intelligenz", die Mädchen zogen "Ruhm" allen anderen Eigenschaften vor. Eine inhaltliche Analyse der beliebtesten TV-Shows von 9- bis 11-Jährigen wie etwa "Hannah Montana" ergab, dass "Ruhm" der moralische Leitwert in diesem Kosmos war, noch vor "Akzeptanz der eigenen Person".

So betrachtet ist der Bling Ring nicht schlagzeilenträchtiger Skandal, sondern Symptom eines Wertewandels. Denn letztlich ist "berühmt" in dieser Konstellation nur eine Chiffre für "reich". Wer dem Leben der Stars nacheifert, hechelt ihren Statussymbolen, den Manolos, Rolex und Bentleys, hinterher.

Eine gefährliche Entwicklung angesichts der sozioökonomischen Spaltung der USA: "Alles Wachstum des vergangenen Jahrzehnts - und mehr - ist denen an der Spitze zugutegekommen", schreibt Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz. "Leute jenseits des einen Prozents leben immer häufiger über ihre Verhältnisse. Die Lehre vom Trickle-down-Effekt (nach dem der Wohlstand der oberen Schichten irgendwann auch zu den unteren durchsickert, Anm.d.R) mag eine Chimäre sein, aber Trickle-down-Konsumverhalten ist sehr real." Oder wie es Sales auf den Punkt bringt: "Zu einer Zeit, in der das eine Prozent immer reicher wurde, versuchten die 99 Prozent plötzlich, mit den Kardashians mitzuhalten."

Die Tentakel des Ruhms

Wer ist Vorreiter und wer Nachahmer? Wer ist berühmt aus den richtigen Gründen und wer aus den falschen? Am Ende der Geschichte des Bling Ring ist alles unentwirrbar. Da landet Alexis Neiers, die an einem Einbruch bei Lindsay Lohan beteiligt war, just in dem Gefängnis, in dem Lohan wegen Verletzung ihrer Bewährungsauflagen einsitzt.

Selbst bei Coppolas Dreh greifen die klebrigen Tentakel des Ruhms: Brett Goodkin, ermittelnder LAPD-Polizist im Bling-Ring-Fall, hatte sich von Coppola als Berater engagieren lassen. Am Set lässt er sich dazu überreden, selbst mitzuspielen - ohne Genehmigung seiner Vorgesetzten, was ihm zum Verhängnis wird. Seine Glaubwürdigkeit als Zeuge gegen die Gangmitglieder wird massiv in Frage gestellt. Von einem der Anwälte der Angeklagten muss er sich anhören lassen: "Die Aufmerksamkeit der Medien ist Goodkin zu Kopf gestiegen."

Und auch Autorin Nancy Jo Sales gerät in die Mühlen der Celebrity-Maschine. Kurz nach Erscheinen ihres "Vanity Fair"-Artikels spricht Alexis Neiers mehrere Nachrichten auf Sales' Anrufbeantworter. Drei Mal setzt eine offenbar zutiefst aufgewühlte Neiers an, jedes Mal unterbricht sie ihre Mutter, die beiden schreien sich an, Neiers startet einen neuen Versuch. Was Sales erst später begreift: Neiers wird beim Telefonieren von ihrer Doku-Soap-Crew gefilmt, deshalb muss der Text perfekt sitzen. Ein Clip von der hysterisch telefonierenden Neiers macht wenige Tage später die Runde im Netz. Das Boulevard-TV-Magazin "The Soup" wählt den Ausschnitt zum "best reality show clip of 2010".

Worüber sich Neiers so aufgeregt hat? Sales hatte geschrieben, Neiers hätte vor Gericht Louboutin-Highheels mit 15 Zentimeter hohen Absätzen angehabt. "Dabei", so Neiers auf dem Anrufbeantworter, "habe ich kleine braune Bebe-Schuhe mit zehn Zentimeter Absätzen getragen!"

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Grammatik!
lokisflatmate 14.08.2013
nicht als Kommentar, sondern als Korrektur: "Was ihnen Mutter Lauri (Leslie Mann) lehrt?" geht garnicht … im Notfall mal nachschlagen ;-)
2.
thomas.b 14.08.2013
Gut, dass es solche ruhmsüchtigen Jugendlichen gibt. Die Unterhaltungs- und Pornoindustrie brauchen schließlich immer billigen Nachwuchs.
3.
Sleeper_in_Metropolis 14.08.2013
Wieso nur "hier" ? Auch in der realen Welt da draußen ist das in vielen Fällen das einzige, was sogenannte Stars ausmacht. Man braucht doch nur einen Blick auf die ganzen C und D-Promis werfen, die das deutsche Privatfernsehen herangezüchtet hat.
4.
yang0815 14.08.2013
Den "viel beachteten Artikel" in der Vanity Fair nicht lesen. Verschwendete Zeit. Dort werden stumpf die Fakten und Aussagen aufgelistet, "er sagte", "sie sagte", "worauf er sagte",... und kaum die Hintergründe versucht zu erklären. Den ganzen Artikel hätte man auch in einem Absatz schreiben können.
5. Das
ralf wagner 14.08.2013
aus Köln trägt seit seiner Installation unermüdlich sein Bestes zum "Gelingen" der neuen Brut bei. Erfolge sind auch Hierzulande bestimmt schon deutlich messbar ...
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The Bling Ring

USA 2013

Regie: Sofia Coppola

Buch: Sofia Coppola nach einem Artikel von Nancy Jo Sales

Darsteller: Katie Chang, Israel Broussard, Emma Watson, Claire Julien, Taissa Farmiga, Georgia Rock, Leslie Mann

Produktion: American Zoetrope, Nala Films et al.

Verleih: Tobis

Länge: 90 Minuten

Start: 15. August 2013

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