Blockbuster "Transformers" Die Karre als Knarre

Wer schon Autos für gefährlich hält, schnallt sich jetzt besser an: In Michael Bays Action-Sause "Transformers" verwandeln sich Trucks und Cabrios in Riesenroboter. Die kämpfen dann gegen Maschinen-Aliens - das Kyoto-Protokoll bleibt auf der Strecke.

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Wenn sich der Staub gelegt hat, bleibt zunächst nur ungläubiges Kopfschütteln. Zu mehr ist man nach über zwei Stunden mit den "Transformers" kaum fähig, derart erschöpfend ist die Dauerstimulanz durch das Filmspektakel um die gleichnamigen Actionfiguren.

Die meisten Konflikte entzünden sich bekanntlich beim Überholen: Szene aus "Transformers"
Dreamworks / Paramount

Die meisten Konflikte entzünden sich bekanntlich beim Überholen: Szene aus "Transformers"

Sitzt der Kopf dann wieder halbwegs gerade auf den Schultern, kommt allmählich die Erkenntnis, dass Regie-Grobmechaniker Michael Bay und Über-Produzent Steven Spielberg nicht nur aus einem etwas mehr als 20 Jahre alten Spielzeug einen aberwitzig aufwendigen Sommerblockbuster montiert haben. Vielmehr lassen sie ein Monstrum von einem Film auf die Menschheit los, dessen widersprüchliche Bedeutungen für jede Menge Gesprächsstoff jenseits des Kinderzimmers sorgen werden.

Der absurde Charme der Gigantomanie

Eben dort fing aber alles an: 1984 setzte der Spielwarenkonzern Hasbro die "Transformers" in die Welt – als Autos, Flugzeuge oder sonstiges irdisches Gefährt getarnte Roboterwesen aus dem All, die von Kinderhand in radauorientierte Kampfriesen verwandelt werden wollen. Das Konzept war bekanntermaßen erfolgreich, und bald kloppten sich die verschiedenen Transformer-Familien – hier die netten Autobots, dort die bösen Decepticons – nicht nur auf dem heimischen Teppichboden, sondern in Comics, Zeichentrickserien und auf Pausenbrotboxen.

In selbige würde auch problemlos der Plot von Bays Realfilm passen: Der linkische Teenager Sam Witwicky (Shia LaBeouf) bekommt einen schrottreifen Chevy Camaro geschenkt, der sich jedoch bei passender Gelegenheit in einen sieben Meter großen Stahlkumpel namens Bumblebee verwandelt.

Der ist zusammen mit seinen ebenfalls als amerikanische Benzinkutschen verkleideten Autobot-Kollegen auf der Erde gelandet, um sich zum Wohl der Menschheit mit bösen Maschinenbrüdern zu beulen und eine verschollene außerirdische Kraftquelle aufzuspüren. So weit, so gaga.

Während also die Decepticons um Großschurke Megatron alles plattwalzen, gehen Sam und seine Schicksalsgefährtin Mikaela (Megan Fox) zusammen mit dem Ober-Autobot Optimus Prime und seiner martialischen Blechbande auf die Suche nach der galaktischen Zündkerze. Dabei treffen sie unter anderem auf einen wieseligen Regierungsagenten (John Turturro), den knorrigen US-Verteidigungsminister (Jon Voight) und eine Handvoll tapferer GIs, die Homeland Security nicht allein der freundlichen Automatenarmee überlassen wollen. Und dabei bleibt selbstverständlich kein Stein auf dem anderen.

So laut, so bunt und so schön plemplem ist dieses visuell beeindruckende Verschrottungsszenario, das der überwältigte Zuschauer über weite Strecken dem Charme der Gigantomanie erliegt. Doch die Schizophrenie des Programms "Frieden schaffen mit viel Waffen" lässt sich letztlich ebenso wenig übersehen wie die allmähliche Transformation des Sci-Fi-Märchens in einen unverhohlenen Wehrertüchtigungsspot.

Froschperspektive versus Feldherrenhügel

Doch der wirklich überraschende Konflikt findet hier zwischen zwei ideologisch grundsätzlich verschiedenen Erzählphilosophien statt. Auf der einen Seite steht das kindliche Staunen der Kinoschule Spielbergs, perfekt verkörpert von seinem hochtalentierten Protegé Shia LaBeouf.


Dazu gehört zwangsläufig der Blick aus der Froschperspektive, ob auf landende Ufos ("Unheimliche Begegnung der dritten Art") oder respektgebietende Saurier ("Jurassic Park"). Die entrückte Verwunderung ob des Unbekannten ist bei Spielberg aber nur der erste Schritt zur Akzeptanz und Integration des Fremden in die Gemeinschaft: Wo sonst sollten außerirdische Grobklötze mit reinem Gemüt unterkommen als in seinem Amerika, das in den Filmen des Regisseurs immer wieder als Hort eines vorurteilsfreien Humanismus beschworen wird?

Dagegen stehen die paranoiden Allmachtsphantasien, wie sie Michael Bay schon mit allerhand Bombast in "The Rock", "Armageddon" und "Pearl Harbour" verwirklicht hat. Vom Feldherrenhügel aus wird die Apokalypse inszeniert, aus der ein unendlich mobiles – siehe nur das libidinöse Verhältnis zum Auto in diesem Film ohne Energiekrise – und technologisch überlegenes Amerika als Sieger hervorgeht.

Öl ist doch dicker als Blut, und aus dieser Sicht kommen die duften Autobots ohnehin nicht aus dem All, sondern aus Detroit, genauer von General Motors. Die außerirdischen Schurken bleiben hingegen "illegal aliens" und überhaupt sind die perfekt getarnten Transformer doch die ultimativen Schläfer.

Mal ganz davon abgesehen, dass es im phallischen Potenzspiel der Roboterriesen so zugeht wie im pubertärsten Männerbund: Wer hat den größten?

Das Experiment Amerika

Was die beiden so quer gegeneinander stehenden Ansätze letztlich doch verbindet, ist der ungebrochene Fortschrittsglaube: Das amerikanische Experiment geht weiter, selbst wenn es hier nur auf vier Reifen zurück in die Zukunft der achtziger Jahre rast, als das Space Shuttle abhob und der Himmel kein Limit mehr zu sein schien.

So zwischen zerstörerischer Dominanz und der integrativen Kraft der Vielfalt pendelnd, beschreiben die "Transformers" bei aller Albernheit die nationalmythische Vorstellung des einen, einzigen Landes, das sich immer wieder neu erfinden kann. Die spannende Frage ist nur, welche Verwandlung als nächstes ansteht.



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