"Blueprint" Der traurige Klon

In dem Kinodrama "Blueprint" spielt Franka Potente überzeugend ihre erste Doppelrolle. Regisseur Rolf Schübel machte aus dem anspruchsvollen Stoff über Klonen und Narzissmus jedoch ein banales Melodram ohne Tiefe.

Von Oliver Hüttmann


Schauspielerin Potente in "Blueprint": Widergespiegelte Ambivalenz
Ottfilm

Schauspielerin Potente in "Blueprint": Widergespiegelte Ambivalenz

Iris und Siri. Mutter und Tochter, die so identisch sind wie ihre Namen, wenn man sie jeweils spiegelverkehrt liest. Und zwei Charaktere, die von derselben Darstellerin verkörpert werden. Franka Potente hat sich getraut, eine Doppelrolle zu spielen. Auch noch in einem Drama. Das hat Seltenheitswert und ist ihr erstes Engagement in einem deutschen Film, seit sie für "Blow" und "Die Bourne-Identität" nach Hollywood ging.

Iris ist eine Klaviervirtuosin und Diva. Exzentrisch, egoistisch, narzißtisch. Ihr einziger Makel ist eine schleichende Krankheit: Multiple Sklerose. In absehbarer Zeit wird sie nicht mal mehr die Tasten berühren können und will ihr Talent deshalb weitervererben. Nach einem Konzert in Vancouver bestellt sie Dr. Martin Fisher (Ulrich Thomsen) in ihre Garderobe und fragt den Liebhaber ihrer Musik: "Wollen Sie der Vater meine Tochter sein?".

Denn Fisher ist einer der führenden Reproduktionsmediziner, und Iris will von ihm einen Klon, sich selbst noch einmal ganz und gar. Fisher, ebenso ängstlich wie ehrgeizig angesichts des tabuisierten Experiments, lässt sich zu einem Deal überreden. Das Resultat ist Siri. Nach deren Geburt schickt Iris dem Erzeuger mit dem Reagenzglas eine Karte. Darauf sind zwei Fingerabdrücke, ein kleiner und ein großer, als stammen sie von der selben Hand.

Szene aus "Blueprint", Mutter und Klon (F. Potente, Nina Gummich): Die doppelte Pianistin
Ottfilm

Szene aus "Blueprint", Mutter und Klon (F. Potente, Nina Gummich): Die doppelte Pianistin

Die erwachsene Siri ist eine Fotografin und Einsiedlerin. Sie lebt in den kanadischen Wäldern in einer Hütte, als könnte die Nähe zur wilden, wuchernden Natur ihr den Seelenschmerz darüber nehmen, dass sie nur ein Abzug vom Originalbild ist. Eine Kopie. Ein "Blueprint", wie Rolf Schübels zweiter Kinofilm nach "Gloomy Sunday - Ein Lied von Liebe und Tod" heißt.

Um Liebe und Tod geht es auch hier von Anfang an. Iris liegt im Sterben, doch Siri will, kann sie nicht mehr sehen. Sie besitzt nicht mal einen Spiegel. Und Greg (Hilmir Snaer Gudnason), Sohn eines kürzlich verstorbenen Sägewerkbesitzers, wirbt hartnäckig um das scheue Mädchen. Diese Romanze umklammert den Rückblick auf den Konflikt zwischen Mutter und Tochter und ist die größte Schwäche des Films. Dass er sie wieder zum Lachen bringt, seine Liebe ihr ein eigenes Leben gibt, ist oberflächlicher, rührseliger Kitsch.

Dabei erweist sich die Geschichte vom traurigen Klon Siri zunehmend als Drama einer von Selbstliebe zerfressenen, rücksichtslosen Frau. Iris hütet die kleine Siri (Nina Gummich) wie eine unersetzbare Kostbarkeit. Mit majestätischer Zufriedenheit blickt sie das Kind an und schwärmt dabei von sich selbst. Als Siri einmal von einer Leiter fällt, reagiert Iris hysterisch und kontrolliert panisch deren Finger. Denn in ihrer maßlosen Eitelkeit glaubt Iris sogar, Siri könnte noch besser als sie selbst werden. Die doppelte Pianistin. So treten sie schließlich am Flügel auch in der Öffentlichkeit auf. Doch dann gibt Fischer das Geheimnis preis. Siri stürzt in eine Identitätskrise. Sie entfremdet sich vom Original.

Erwachsene Siri (F. Potente): Banale Symbolik vom weißen Wapiti
Ottfilm

Erwachsene Siri (F. Potente): Banale Symbolik vom weißen Wapiti

Das Klonen selbst und die Folgen daraus für die Gesellschaft kümmern Schübel nicht. Der Skandal wird mit zwei Sätzen und drei, vier Pressefotografen vor der Villa abgehakt. Man muss nicht unbedingt einen Thriller drehen, um die Brisanz thematisieren zu können. Aber so hinterlässt "Blueprint" einfach zu viele Leerstellen, die er selbst im schludrigen Schnitt nicht aufzufangen vermag und mit den Sprüngen zwischen Vergangenheit und Gegenwart nur noch vergrößert.

Kurioserweise spiegelt sich das auch im Spiel von Franka Potente wieder: Als Iris ist sie brillant, betont jedes Wort mit dem Eigensinn dieser verblendeten Person. Hier hat auch Schübel die besten Momente geschaffen. Aber mit Siri kann Potente so wenig anfangen, wie man Mitgefühl für ihr Schicksal hat. Da wird "Blueprint" zu einer überambitionierten Rosamunde-Pilcher-Kopie, wirkt die Tragik larmoyant und die Gestik hölzern, klingt jeder Satz banal wie die Symbolik vom weißen Wapiti, mit dem sich Siri anfreundet. Schübel ist kein Dramatiker, sondern ein beflissener Nachbuchstabierer von melodramatischer Einfalt. Dafür hätte er den Klon-Stoff nicht gebraucht.


Blueprint


BRD 2003. Regie: Rolf Schübel. Drehbuch: Claus Cornelius Fischer, Rolf Schübel. Darsteller: Franka Potente, Ulrich Thomsen, Hilmir Snaer Gudnason, Katja Studt, Justus von Dohnanyi. Produktion: Relevant Film. Verleih: Ottfilm. Länge: 110 Minuten. Start: 1. Januar 2004



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