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Polnische Tragikomödie "Body": Tot, was heißt schon tot?

Von

Tragikomödie "Body": Noch mal mit dem Tod davon gekommen Fotos
Peripher

Wenn die Lebenden endlich die Toten in Ruhe lassen würden - der polnische Film "Body" erzählt verblüffend komisch von Trauer und Verlust. In den Hauptrollen: eine Magersüchtige, ein Staatsanwalt und ein Medium.

Tote Kinder, tote Mütter, in öffentlichen Toiletten Massakrierte und an frei stehenden Bäumen Aufgeknüpfte haben ihre Auftritte in "Body" von Malgorzata Szumowska. Doch wer einem wirklich Angst macht, sind die Lebenden.

Da ist der namenlose Staatsanwalt (Janusz Gajos), der schon so abgeklärt ist, dass selbst ein Bahnhofsklo voller meterhoch verspritztem Blut und Gehirnmasse an den Türen ihm keine nennenswerte Regung abverlangt. Wahrscheinlich hat er seine Gefühlslosigkeit von der Arbeit mit nach Hause gebracht. Vielleicht hat er sie sich aber auch zu Hause zugelegt, denn in der dunklen Warschauer Mietwohnung herrscht ebenfalls der Tod.

Seine Frau ist vor einigen Jahren verstorben, und seine erwachsene Tochter Olga (Justyna Suwala) vermittelt ihm mit ihrer lebensbedrohlichen Essstörung, dass auch sie den Tod einem Leben mit ihm vorzieht. Jedes nicht gegessene Häufchen Sprossen, jede auf dem Teller herumgeschobene Gurkenscheibe ist eine Anklage gegen den Vater, der ihr keine Erklärung für den Verlust der Mutter bieten kann.

Im Gegensatz dazu scheint es bei Verhaltenstherapeutin Anna (Maja Ostaszewska) fast schon heiter zuzugehen. Das mag an ihrem grotesk großen Hund liegen oder an ihrer Omalockenfrisur, die sensationell unkleidsam für eine Frau in den Dreißigern ist. Wahrscheinlich liegt es aber an ihrem Hobby, dass Anna so wunderbar neben der Spur erscheint: In ihrer Freizeit ist sie als Medium aktiv. Jeder Aushang mit einer vermissten Person wirkt wie eine Einladung zum Kaffee auf sie. Früher oder später sitzt sie bei den Hinterbliebenen am Esstisch und bestellt Nachrichten aus dem Jenseits.

Ein Tänzchen tröstet

Wie das nun mit der Geschichte von Olga und ihrem Vater zusammenhängt, gehört zu den vielen schönen Drehbuchtricks von Szumowska und ihrem Co-Autor Michal Englert. Jedenfalls entdecken die drei bald, wie viel sie doch gemeinsam haben: Jeder von ihnen lässt auf seine Weise nicht von den Toten ab, zerrt an ihnen, will lieber sie als die Lebenden um sich haben.

Dass es darauf ankommt, im Hier und Jetzt zu leben: So platt geht es bei Szumowska zum Glück nicht zu. (Dafür ist das Hier und Jetzt in "Body" auch ein viel zu hässliches Gegenwarts-Polen, in dem alles angestoßen, abgetragen und ausgelaugt zu sein scheint.) Schon in ihrem vorherigen Film "Im Namen des…", der 2013 im Wettbewerb der Berlinale lief, erzählte sie die Geschichte eines pädosexuellen Pfarrers, der gegen seine Neigung kämpft, mit überraschenden Nuancen. "Einen Kinderschänder kann man nicht verstehen", sagte Szumowska dazu. "Ich wollte einen Pfarrer zeigen, mit dem man mitfühlt."

Auch "Body" hält bei allem Hungern und Bluten Versöhnliches bereit, nur halt in sehr unwahrscheinlichen Momenten. Zum Beispiel, wenn die rundliche, mittelalte Geliebte des Vaters plötzlich halbnackt einen kleinen Tanz vollzieht. Diese Szene gelingt so herrlich ungezwungen, dass sie gleichzeitig wie ein utopischer Moment als auch wie das normalste der Welt wirkt. Habt euch doch nicht so, scheint die tanzende Frau den Figuren im Film, aber auch uns Zuschauern zu sagen. Kann doch jeder Spaß haben, wie er will.

Mit diesem verblüffend unvoreingenommenen Blick auf den weiblichen Körper hat Szumowska nicht zuletzt die Jury der diesjährigen Berlinale überzeugt: Gemeinsam mit dem Rumänen Radu Jude wurde sie im Februar mit dem Silbernen Bären für die beste Regie ausgezeichnet. Als kurz danach Polen-Heimkehrer Pawel Pawlikowski mit "Ida" den Oscar für den besten fremdsprachigen Film gewann, riefen einige Kritiker schon den Wiederaufschwung des polnischen Kinos zu internationaler Größe aus.

Als nationale Kinomissionarin taugt Szumowska nur bedingt, schließlich stellt sie sich der Gegenwart ihrer Heimat entschlossen unsentimental entgegen. Doch gerade das macht sie als unabhängige Autorenfilmerin so interessant. Wenn bei ihr die Lebenden die Toten heimsuchen, dann scheint in ihrem Kino alles möglich zu sein.

Im Video: Der Trailer zu "Body"

Body

Polen 2015

Regie: Malgorzata Szumowska

Drehbuch: Malgorzata Szumowska, Michal Englert

Darsteller: Janusz Gajos, Maja Ostaszewska, Justyna Suwala, Ewa Kolasinska, Adam Woronowicz, Tomasz Zietek

Produktion: Nowhere

Verleih: Peripher

Länge: 92 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 29. Oktober 2015

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