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Boll versus Berlinale: Trash-Regisseur will Festivalchef verklagen

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Er galt bislang nicht als Pädagoge des deutschen Kinos. Nun hat Trash-Titan Uwe Boll einen Film über Auschwitz gedreht, den er für lehrreich hält. Leider konnte ihm die Auswahlkommission der Berlinale in seinem Urteil nicht folgen - weshalb der Regisseur gegen den Festivalleiter Dieter Kosslick klagen will.

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dapd

Regisseur Uwe Boll: gegen die Berlinale und den Rest der deutschen Filmwelt

Er gilt als Deutschlands lautester Filmschaffender - und als Deutschlands miesester. 2009 kassierte Uwe Boll die Goldene Himbeere als "schlechtester Regisseur". Aber solche Ehren spornen den Produzenten und Regisseur von Computerspieladaptionen wie "Alone In The Dark" oder von Heldentrash wie "Max Schmeling" eher an, als dass sie ihn abschrecken. Uwe Boll ist es gewohnt, dass man ihn und seine Filme nicht mag. Und weil die meisten ihr Geld einspielen (und manche noch viel mehr), war ihm das bislang herzlich egal.

Doch nun scheint der Mini-Tycoon, der seine Werke über Geldgeber aus unterschiedlichen Ländern finanzieren lässt und aus Kostengründen gelegentlich auch als Schauspieler einspringt, ernsthaft erzürnt. Weil die Berlinale seinen neuen Film "Auschwitz" nicht im offiziellen Programm spielt, will Boll Festivalleiter Dieter Kosslick verklagen.

In einer über das Internet verbreiteten Presseerklärung ließ der zur Zeit in Kanada hinter der Kamera stehende Regisseur verlautbaren: "Dreht man in Deutschland einen Film über deutsche Helden wie Stauffenberg oder die Geschwister Scholl oder John Rabe, bekommt man Subventionen, TV-Gelder, Festivaleinladungen und Preise. Zeigt man Auschwitz wie es wirklich war, nämlich eine Menschen-Schlachterei, wird man bekämpft."

Argumentation mit der Brechstange

Außerdem ließ er in seinem Statement verlauten, dass sich die meisten Filme zum Thema Holocaust auf individuelle Schicksale konzentrierten und die Ausnahmen von der Regel darstellten. Er selbst aber zeige in "Auschwitz" das Töten als Arbeit. Mit einer Logik, die an Brachialität der Handlung seiner Filme nicht nachsteht, leitet er daraus ein "Alleinstellungsmerkmal" ab, das seiner Meinung nach schon alleine ausreichen sollte, um ihn und seinen Film auf das wichtigste deutsche Festival einzuladen.

Selbst wenn man dieser Brechstangenargumentation folgen wollte - nicht mal sie führte Uwe Boll zum erwünschten Berlinale-Ticket. Der cineastisch offensichtlich nicht besonders gebildete Trash-Titan übersieht nämlich nicht nur die unterschiedlichen Filme, die sich zumindest in Teilen mit der NS-Tötungsmaschinerie beschäftigt haben - etwa Theodor Kotullas noch immer mustergültige Täterstudie "Aus einem deutschen Leben" mit Götz George (1977) -, er ignoriert dabei geflissentlich oder unwissentlich auch Tim Blake Nelsons Film "The Grey Zone" aus dem Jahr 2001, der ohne melodramatische Schlupflöcher den "Alltag" an den Öfen von Auschwitz rekonstruiert - ein Alptraum in Aschgrau.

Dessen ungeachtet wird Filmunternehmer Boll nun seinen Holocaustfilm eigenhändig während der Berlinale - aber eben außerhalb des Festivalprogramms - zur Aufführung bringen. Vor der öffentlich zugänglichen Präsentation am nächsten Sonntag im Babylon-Kino will er auf einer Pressekonferenz erläutern, welche strafrechtlichen Schritte er gegen den Berlinale-Chef Dieter Kosslick einzuleiten gedenke. Angeblich solle die Klage nicht nur seine Produktion im besonderen, sondern die Filmauswahl im allgemeinen betreffen.

Und wie reagieren die Berlinale-Verantwortlichen auf Bolls Drohungen? Verhalten. Eine Sprecherin erklärte gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Wir sehen der Klage entspannt entgegen und kommentieren die Angelegenheit nicht weiter."

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