Bollywood-Superstar Shah Rukh Khan "Ich mag den Hype"

Shah Rukh Khan ist der King of Bollywood und hat mehr weibliche Fans als George Clooney. Jetzt läuft sein Film "Om Shanti Om" in Deutschland an. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er von der Vergänglichkeit des Ruhms - und warum er Werbung für Hautaufheller macht.


SPIEGEL ONLINE: Auf der Berlinale wurden Sie von geradezu hysterischen Fanmassen begrüßt. Überrascht es Sie, wie populär Sie in Deutschland sind?

Shah Rukh Khan: Es hat mich sehr berührt. Ich habe mich wie zu Hause gefühlt, als ob ich ein Deutscher wäre, oder alle Deutschen wären Inder. Im Ernst, ich versuche ganz einfach, als Schauspieler die Leute glücklich zu machen, und es scheint, dass die ganze Welt eine ähnliche Vorstellung von Unterhaltung hat wie ich. Es gibt einfach keine Grenze, keine Berliner Mauer, die das Kino daran hindern können, kulturelle Schranken zu überwinden. Solange man Kino mitempfinden kann, braucht man es nicht zu verstehen. Ich glaube, auch die Leute hier merken das.

Shah Rukh Khan und Deepika Padukone erobern Filmfans Schlag auf Schlag - auch in der neuen Bollywood-Romanze "Om Shanti Om"
Eros International

Shah Rukh Khan und Deepika Padukone erobern Filmfans Schlag auf Schlag - auch in der neuen Bollywood-Romanze "Om Shanti Om"

SPIEGEL ONLINE: Neben Ihren Fans gibt es hier allerdings eine Menge Leute, die Bollywood-Filme für albernen Kitsch halten. Wirft die neue Medienaufmerksamkeit in Deutschland jetzt ein neues Licht auf das Hindi-Kino?

Khan: So etwas verändert sich nicht über Nacht, aber ich denke, es ist ein guter Anfang gemacht. Vielleicht setzt ein Umdenken ein. Wenn ich die Gelegenheit habe, einen deutschen Film zu sehen, sage ich ja auch nicht: Oh, ein deutscher Film, den versteh ich sowieso nicht. "Das Leben der Anderen" zum Beispiel war so ein schöner Film. Ich habe keine große Ahnung von deutscher Geschichte und der Trennung damals zwischen Ost und West, und trotzdem hat mich der Film tief bewegt. Gute Geschichten funktionieren auf der ganzen Welt, das ist nicht von Sprache oder Kultur abhängig.

SPIEGEL ONLINE: Bollywood ist hierzulande erst seit ein paar Jahren präsent, doch besonders viele indische Filme bekommen wir immer noch nicht zu sehen.

Khan: Ich finde es schon toll, dass überhaupt ein paar unserer Filme bis hierher gekommen sind. Viel schwerer allerdings haben es die Filme aus dem Süden Indiens, die werden nicht mal in Nord-Indien gezeigt, geschweige denn anderswo auf der Welt. Dabei werden auch dort wunderbare Filme gemacht. Das Hindi-Kino überstrahlt und kontrolliert einen Großteil der indischen Filmszene, da haben andere Filme nur schwer eine Chance.

SPIEGEL ONLINE: Ihr neuer Film "Om Shanti Om", in dem Sie einen Film-Statisten spielen, der vom Ruhm träumt und als Superstar wieder geboren wird, steckt voller Selbstreferenzen und Querverweise auf andere Bollywood-Klassiker. Schließen Sie damit nicht einen großen Teil des hiesigen Publikums aus?

Khan: Das glaube ich nicht. Wir machen uns mit "Om Shanti Om" vor allem über unser Star-System lustig. Ich glaube, das versteht man auf der ganzen Welt. Schauspieler, die sich schlecht benehmen oder frei von Talent sind, die gibt es überall. Das kennen die Zuschauer, und damit werden sie auch unsere Späße verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, das Star-System steht auch in Indien vor seinem Ende?

Khan: Das kann ich mir nicht vorstellen. Will ich auch gar nicht, sonst hätte ich ja keinen Job mehr. Alles, was mit Unterhaltung zu tun hat, braucht Stars, auch Fußball oder Hockey. Die Leuten mögen es, jemanden auf einen Podest zu heben und später wieder runter zu holen, so bleibt die Sache aufregend.



SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie selbst mit dem gewaltigen Hype um Ihre Person um?

Khan: Ich versuche, das alles nicht allzu ernst zu nehmen. Ehrlich gesagt, komme ich mir dabei manchmal ein bisschen schizophren vor. Es ist, als wäre ich zwei Menschen gleichzeitig, und der eine arbeitet für den anderen. Ich sitze ganz normal zu Hause und muss mir von meinem Sohn anhören, ich sei zu dick, oder von meiner Frau, ich sei eigentlich kein besonders toller Schauspieler, und tanzen könne ich auch nicht so gut. Also muss ich besonders hart arbeiten, um der zu sein, den so viele Leute in mir sehen: der Superstar, der Mythos.

Ich ertappe mich manchmal, dass ich von mir selbst in der dritten Person rede, was sehr merkwürdig und leicht verrückt ist. Aber der Star auf der Leinwand existiert ja nicht wirklich, ich arbeite nur für ihn. Ich mag den Hype, ich mag den Ruhm, die Privatflieger, die dunklen Anzüge, die Sonnenbrillen, ich liebe es, wenn Leute meinen Namen schreien. Ich werde das alles wahnsinnig vermissen.

SPIEGEL ONLINE: Schon mal darüber nachgedacht, es als Regisseur zu versuchen?

Khan: Davor hätte ich zuviel Angst, das ist ein einsamer Job. Man ist ganz allein dafür verantwortlich, Träume wahr werden zu lassen, und man hat eine Menge Verantwortung gegenüber seinen Schauspielern.

SPIEGEL ONLINE: Ist ein neuer Film mit Ihnen und Regisseur Karan Johar in Sicht? Mit dem haben Sie ja einige große Hits gelandet.

Khan: Wir drehen im Oktober "My Name is Khan". Es geht um das Vorurteil, dass alle Muslime Terroristen sein müssen. Nur weil einer einen muslimischen Namen trägt, muss er noch lange keine Bedrohung für die Gesellschaft sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie machen auch viel Werbung in Indien, unter anderem für einen Hautaufheller für Männer. Warum denn das?

Khan: Warum denn nicht? Ich weiß gar nicht, warum das so viele Leute stört. Kaum jemand weiß, dass ich mein Geld nicht mit meinen Filmen, sondern mit Werbung verdiene. Und um mir meinen Lebensstil mit all dem Drum und Dran zu leisten, brauche ich schließlich Geld.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch: Schönheitscremes!?

Khan: Diese Cremes sind das meistverkaufte Schönheitsprodukt in Indien, und vorher gab es nur welche für Frauen. Doch die wurden hauptsächlich von Männern benutzt. Warum also nicht eine Creme speziell für Männerhaut? Ich finde es nur paradox, dass ausgerechnet ich für eine Aufhellungscreme Werbung mache, obwohl ich wirklich kein besonders heller Typ bin. Aber so ist Indien heute, auch die neuen indischen Männer eifern einem bestimmten Schönheitsideal nach, achten auf ihre Frisur und die Fingernägel, gehen zur Maniküre. An mir geht das leider vorbei. Ich kaue immer noch an meinen Nägeln.

Das Interview führte Ilse Henckel.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.