Bond-Dreharbeiten in Italien Schrottplatz Royale

Explodierende Lastwagen, zerbeulte Alfas und Aston Martins, die im Gardasee versenkt werden: In Norditalien wird zurzeit die spektakuläre Eröffnungssequenz des neuen Bond-Films "Quantum of Solace" gedreht. Siegfried Tesche war am Set.


OW ist nicht da. OW ist in London. OW (sprich: "oh", wie in double-oh-seven") ist Daniel Craig. Zumindest auf einem Drehplan, der vier Wochen zwischen Mitte April und Mitte Mai umfasst und den man ein wenig verschlüsselt hat, um nicht jedem, der ihn dann doch zu Gesicht bekommt, zu verraten wann der Star wo ist. Aber es geht ja auch ohne ihn. 275 Mann stark ist die Truppe, die seit dem 14. April rund um den Gardasee die actionreiche Eröffnungssequenz des neuen 007-Films "Quantum of Solace" inszeniert.

Mit sieben Aston Martin DBS (Stückpreis rund 275.000 Euro) ist die Crew angereist. Sie hat sich bestimmte Stunt Areas eingerichtet, in denen Schleuderszenen und Crashs mit schwarzen Alfa Romeos vom Typ 159 Tii getestet wurden. Das sind die Wagen, die im 22. Bond-Abenteuer von den Bösen gefahren werden. Für die Crew wurde Anfang der ersten Woche Teile der westlichen Seeuferstraße zwischen Gargnano und Riva del Garda abgesperrt und danach Teile der östlichen Seite zwischen Malcesine und Torbole. Da das Wetter der Crew zum Teil einen Strich durch die Planung machte, wich sie auf die langen kurvigen Tunnel aus und drehte im Inneren einige Stunts.

Dementsprechend sehen die Autos aus. Ein Aston Martin hat verkratzte Seiten, ein verkratztes Heck und die Fahrertür fehlt ganz. Hinteres Seiten- und Rückfenster sind zerschossen. Doch die verlustreichste Aktion passierte aus Versehen: Ein Stuntfahrer kam, außerhalb des Drehs auf dem Weg zum Set, von der Straße ab, flog 50 Meter tief in den Gardasee, überschlug sich und landete kopfüber im Wasser. Der Fahrer kroch durch die Scheibe raus. Zwischen fünf und zehn Minuten brauchten die Helikopter, um ihn rauszufischen. Es geht ihm gut.

Oh weh, könnte man sagen, doch genau diese sogenannte handgemachte Action will 2nd-Unit-Regisseur Dan Bradley haben: "Ich habe selbst als Stuntman begonnen und weiß, wie es sich anfühlt, wenn man mit hoher Geschwindigkeit in einem Auto sitzt und rast. Ich versuche CGI-Effekte zu vermeiden, wo es geht", sagt der Mann, der für die "Jason Bourne"-Serie einen neuen Typus des Actionfilms kreierte und auch für Steven Spielbergs viertes "Indiana Jones"-Abenteuer genau diese authentisch wirkenden Momente schuf.

"Mir macht es einfach Spaß, teure Autos kaputtzufahren"

"Mir macht es einfach Spaß, teure Autos kaputtzufahren", gibt Stunt Coordinator Gary Powell unumwunden zu. Der Brite, der nun schon zum vierten Mal mit Bradley zusammenarbeitet, gewann einen World Stunt Award, als ihm das Kunststück gelang, Bonds Aston Martin DBS aus "Casino Royale" in einer Szene siebenmal zu überschlagen. "Teure Aston Martins kaputtzufahren fügt dem Film eine Qualität hinzu, weil man so etwas nicht erwartet", sagt Powell. "Jede einzelne Einstellung ist genauestens choreografiert. Das Ergebnis ist aber erst zu sehen, wenn man die Bilder auf der Leinwand als Ganzes wahrnimmt."

An diesem zu erwartenden Wow-Effekt haben Bradley, Powell und ihre Kollegen inzwischen über fünf Monate lang gearbeitet. Schwierige Teile wie die sogenannte Höllenschlucht stehen ihnen jedoch noch bevor. Die rund sechs Kilometer lange Straße gilt als eine der gefährlichsten der Welt und schlängelt sich von Limone aus in die Berge nach Tremosine. Mutige können von der ganz oben gelegenen "Schauderterrasse" des Hotels Paradiso herabschauen. Im letzten Oktober raste Clive Owen in dem Film "The International" von Helikoptern verfolgt genau diese Straße entlang, der Film startet im Februar 2009 in den USA. Die Bond-Macher kommen schon im November heraus und wollen das natürlich übertreffen.

Explodierende Lkws, abstürzende Pkws und diverse Schießereien stehen in der kommenden Woche auf dem Drehplan. Marco Girardi, Verbindungsmann der Region Riviera dei Limoni, spricht seit Monaten mit Bürgermeistern, Regionsvertretern, Anwohnern, Ämtern und der Polizei, um dafür zu sorgen, dass auf den Straßen gefilmt werden darf, ohne dass die wichtigen Touristen in der vorsaisonalen Zeit große Beeinträchtigungen erleiden müssen. Die Produzenten haben einen kostenlosen Fährverkehr eingerichtet. Örtliche Restaurants bieten "James Bond Dinner" und spezielle Cocktails an, um die Gäste bei Laune zu halten.

Wirtschaftsfaktor 007

Die Bond-Crew ist für die Gegend ein willkommener Geldbringer. "Rund 6000 Übernachtungen werden von den Machern bezahlt", weiß Guido Cerosuolo von der Firma "Mestiere Cinema", die als örtliche Co-Produktion dabei ist und sich auch schon um die Italien-Szenen in "Casino Royale" gekümmert hat. Damals drehte man am Comer See und in Venedig. Zudem lässt die Crew rund 1,5 Millionen Euro für Transport- und Personalkosten in der Region. "Viele Jahre wurde speziell in Osteuropa gedreht", so Cerosuolo, "aber inzwischen kommen die Teams wieder nach Zentraleuropa und in den Westen zurück. Zehn Monate Aufenthalt im Osten ist einfach nicht schön!"

Neben dem Gardasee werden weitere Aufnahmen in Carrara, dem berühmten Marmorabbaugebiet, und in Siena gemacht. Am Ende soll die rund zehnminütige Verfolgungsjagd wie aus einem Guss wirken und als Action-Spektakel den Film eröffnen. Weitere vier Verfolgungsjagden und Prügeleien entstehen und entstanden in Panama, Chile, im österreichischen Bregenz und den Londoner Pinewood-Studios, damit das etwa 200 Millionen Dollar umfassende Budget auch auf der Leinwand zu sehen ist.

OW alias Daniel Craig wird für die Autojagd am Gardasee nicht mal für einen einzigen Tag benötigt. Er dreht mit Regisseur Marc Forster zurzeit in London und reist dann nach Carrara und Bregenz weiter. "Bonds POV" heißt es verschlüsselt im "Call Sheet", dem Zettel also, aus dem hervorgeht was an diesem oder nächsten Tag dran ist. Das heißt, dass die "points of view", die Perspektiven der "Bond driving doubles" Martin Ivanov und Ben Collins aufgenommen werden. Craig wird dann im Studio Angst und Gefahr spielen. "Quantum of Solace" kommt am 6. November in die deutschen Kinos.



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