Borat - der Film "Ein Schwein von einem Mann"

Sacha Baron Cohen ist eine Art Michael Moore der Komik. Er macht Satire, die wehtut und oft zum Schreien komisch ist. Weltberühmt wurde er als Ali G., jetzt läuft sein böser Satirefilm "Borat" an. Darin provoziert er die USA - und reizt den Staat Kasachstan bis aufs Blut.

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Sacha Baron Cohen ist ein furchtloser Mann. Er hat betrunkene britische Nazi-Glatzköpfe gefragt, ob sie "glauben, dass es auch Skinheads gibt, die nicht schwul sind". Er hat Tierschützern vorgeschlagen, einen Igel als Fußball zu benutzen, und FBI-Agenten zum gemeinschaftlichen Straßenraub aufgefordert. Er tat das in seiner Rolle als HipHop-Proll Ali G.

Seinen vielleicht gefährlichsten Einsatz aber hatte Cohen vergangenes Jahr in Salem im US-Bundesstaat Virginia.

Im Kostüm des angeblich kasachischen Reporters "Borat Sagdiyev" ging er als Gast zu einem Rodeo und hatte zunächst die Sympathien auf seiner Seite. Er beglückwünschte die Amerikaner zu "Ihrem Terrorkrieg" und verlieh der Hoffnung Ausdruck, man werde den Irak so zerstören, "dass keine Eidechse übrig bleibt" (Jubel im Publikum). Dann allerdings sang er die US-Nationalhymne in ein Mikrophon - laut, falsch und versehen mit einem neuen Text, in dem es vor allem um das großartige Kasachstan und dessen reiche Kalium-Schätze ging.

Hymnen-Verunglimpfung mag man nicht im Süden der USA. Die Buh-Rufe wurden immer lauter. Im Hintergrund kollabierte das Pferd einer Fahnenträgerin (Videolink).

Der Organisator des Rodeos, Bobby Rowe, erinnerte sich später im Gespräch mit "Newsweek" an echte Angstgefühle ob der wütenden Meute. Er habe Borat gesagt: "Verschwinde aus dem gottverdammten Gebäude! Die Hälfte der Hurensöhne hier drin hat wahrscheinlich eine Knarre dabei, die stellen dich vor ein Erschießungskommando!"

Die Begegnung mit Borat könnte freilich für den Rodeo-Veranstalter im Nachhinein noch deutlich unangenehmer werden. Denn im Gespräch mit dem angeblichen Kasachen hatte Rowe vorab derart drastischen Schwulenhass zu erkennen gegeben, dass ihm nun in den USA womöglich rechtliche Schritte drohen. Rowe und all die anderen wussten nicht, dass Borat gar kein Kasache ist - sondern eben Sacha Baron Cohen. Und dass dieser gerade einen bitterbösen Kinofilm drehte über absonderliche Begegnungen seiner Kunstfigur Borat in den USA.

Entwaffnend geschmackloser Schwachkopf

Am 2. November kommt Cohens Film "Borat - Kulturelle Lehrung von Amerika um Benefiz zu machen für glorreiche Nation von Kasachstan" in die Kinos. Schon seit Wochen verursacht das halbdokumentarische Werk internationale Verwerfungen. Nicht weil darin eine ganze Reihe aufrechter Bürger aus dem Land der Freien als homophob, antisemitisch, sexistisch, rassistisch oder einfach dämlich entlarvt wird, sondern weil die Kasachen sich von Borat nicht so richtig gut vertreten fühlen. Cohen spricht in einem erfundenen Akzent mit eingestreutem, ebenfalls erfundenem "kasachischen" Vokabular - der Film wird trotzdem neben der Originalversion mit Untertiteln auch in einer deutschen Synchronfassung in die Kinos kommen.

Die Figur Borat sei "ein Schwein von einem Mann: dumm, streitsüchtig, ohne jeden Charme", schrieb der kasachische Botschafter in Großbritannien, Erlan Idrissov, in einem Gastbeitrag für den "Guardian". Angeblich ist inzwischen eine 40 Millionen Dollar teure eigene Filmproduktion geplant, um das Image des zentralasiatischen Staates zurechtzurücken. Verständlich, denn Borat ist tatsächlich ein sexistischer, rückständiger, entwaffnend geschmackloser Schwachkopf.

Cohen reagiert auf die wiederholten kritischen Äußerungen aus Kasachstan stets in seiner Rolle als Borat (siehe Video) und distanziert sich auch schon mal von sich selbst: Er sei sofort dabei, "diesen Juden vor Gericht zu bringen".

In Wahrheit ist der Brite Cohen selbst Jude, seine Diplomarbeit am Christ's College in Cambridge behandelte der "Süddeutschen Zeitung" zufolge die jüdischen Aktivisten in der US-Bürgerrechtsbewegung.

Kasachstan liegt in Rumänien

Antisemitismusvorwürfe sind wegen Borats Eskapaden bisher auch nicht erhoben worden - obwohl in seinem Phantasie-Kasachstan zum Beispiel in einer an das Stier-Rennen von Pamplona erinnernden Zeremonie ein Pappmaché-"Jude" durchs Dorf getrieben wird. Dessen "Frau" legt ein Ei, das die "Kasachen" schließlich begeistert in Stücke schlagen.

Cohens Kasachstan liegt in Rumänien. Das Dorf, das er zu Beginn des Films als Borats Heimat vorführt (samt "Dorf-Vergewaltiger" und seiner "Schwester", der "viertbesten Prostituierten des Landes") ist in Wahrheit eine rumänische Ansiedlung von Sinti und Roma. Nicht deshalb, sondern weil Cohen als Borat neben Juden auch Gypsies verunglimpft, hat das Europäische Zentrum für Antiziganismusforschung Klage wegen "volksverhetzender Aussagen" eingereicht. Ein klassischer Fall von Satire-Missverständnis. Denn man kann dem Komiker einiges vorwerfen, Geschmacklosigkeit oder auch die allzu häufige Wiederholung der immer gleichen Pointen, aber die Diskriminierung von Minderheiten steht definitiv nicht auf seiner Agenda.

Laut Drehbuch ist Borat eigentlich auf einer romantischen Heldenreise: Er hat im Fernsehen Pamela Anderson gesehen, beim Treffen mit einer Feministinnen-Gruppe herausgefunden, wer sie ist und wo sie wohnt. Dann macht er sich von New York an die Westküste auf, um die neue Frau seiner Träume zu suchen. Am Ende trifft er sie tatsächlich - Anderson ist wohl eine der wenigen, die willentlich an dem Film teilnahmen. Der Film hat neben der brutalen Turbo-Comedy gelegentlich sogar leise, melancholische Momente, Borat schmachtet, unterlegt mit Balkan-Schwermut von Emir Kusturicas Hauskomponisten Goran Bregovic.

Nackt kämpfen im Hotelzimmer

Im Gepäck hat der Reporter nur ein Huhn und seinen fetten Sidekick, einen "kasachischen Produzenten". Der beschert dem Film auch seine dämlichste Szene: Borat und der Produzent streiten sich und beginnen dann in ihrem Hotelzimmer zu ringen - nackt. Die Szene soll vermutlich ein Spiel mit Borats ostentativer Homophobie sein - während des Ringkampfes finden sich die beiden immer wieder in eindeutigen Sex-Posen wieder -, ist aber nichts als ein quälend langer pubertärer Witz. Borat ist großartig, wenn er andere lächerlich macht, und oft grauenhaft, wenn sein Schöpfer sich über ihn lustig macht.

Am meisten verblüfft an dem Film, den Cohen mit dem "Seinfeld"-Produzenten Larry Charles gemacht hat, dass es immer noch so viele Amerikaner gibt, die Borat offenbar nicht (er-)kennen. Ohne die Ahnungslosigkeit seiner Opfer würde sein Komik-Prinzip nicht funktionieren. Als Ali G. ist Cohen seit mehr als zehn Jahren präsent, er trat in einem Madonna-Musikvideo auf und diverse Male bei der Verleihung der MTV Europe Music Awards. Die Borat-Figur exisitert sogar noch länger - sie tauchte anfangs allerdings nur als Bonusmaterial auf Ali-G.-Kaufvideos auf. Borat selbst ist beim US-Bezahlsender HBO nun schon seit einiger Zeit im Einsatz. Aber Menschen wie der Rodeo-Organisator Rowe sehen eben nicht MTV und HBO.

"Die richtige Knarre, um Juden zu erschießen"

Und so hat Cohen leichtes Spiel: Auf seiner Forschungsreise durch die USA sucht er ein Auto mit einem "Pussymagneten", schwärmt mit volltrunkenen US-Verbindungsstudenten von einer Welt, in der "alle Frauen Sklaven sind", versucht in New Yorks U-Bahn Wildfremde zu küssen, lädt zum förmlichen Dinner mit einer Gruppe von Südstaaten-Aristrokraten eine schwarze Prostituierte ein - und sucht in einem Waffengeschäft nach "der richtigen Knarre, um Juden zu erschießen". Sogar in einer lokalen Fernsehshow trat der angebliche Besucher aus Zentralasien auf, und die eine oder andere Lokalzeitung berichtete hinterher atem- und ratlos über die Eskapaden des seltsamen Gastes mit dem Kamerateam.

Seine Gesprächspartner entlarvt Cohen als bigotte, überhebliche Idioten, die sich in Gegenwart des so offensichtlich planlosen Ausländers aus irgendeinem rückständigen Land eine Blöße nach der anderen geben. "Das Genie und der Schrecken von Borats Erkundungsreise liegt darin, dass der Witz sich nicht gegen die USA oder Kasachstan oder auch das falsche Kasachstan aus Cohens Phantasie richtet", schrieb die "Los Angeles Times". "Er richtet sich gegen versteinerten Nabelschau-Nationalismus jeglicher Couleur."

Michael Moore ist übrigens ein Borat-Fan. Bei der kanadischen "Borat"-Premiere versuchte der Dokumentar-Guerillero sogar, den defekten Kinoprojektor zu reparieren. Moore holt das Schlechteste aus seinen Gesprächspartnern mit der ihm eigenen sturen Gemütlichkeit heraus - Cohen benutzt die Tarnkappe der vorgeblichen Dummheit.

Die "New York Times" hat den Briten arg vollmundig als "Nachfolger von Peter Sellers" bezeichnet. Der Vergleich entspringt vermutlich nicht zuletzt der eingeschränkten US-Erfahrung mit britischer Comedy. Cohen ist aber tatsächlich ein großer Komiker, ein beeindruckender Schauspieler, ein Improvisationskünstler. Er hat die Satire per Konfrontation auf eine neue Stufe gehoben - nicht erst als Borat. In erster Linie jedoch ist Cohen ein Eulenspiegel, und das unterscheidet ihn von Peter Sellers: Lustig ist er vor allem durch die Dummheiten, die er anderen so meisterlich und furchtlos entlockt.



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