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Psychothriller "Borgman": Wenn der Erzengel zweimal klingelt

Von Julian Hanich

Unheimlich - und unheimlich gut: In dem niederländischen Psychothriller "Borgman" sucht ein mysteriöser Obdachloser eine reiche Familie heim und beginnt eine Austreibung aus dem Wohlstandsparadies.

Als Camiel Borgman (Jan Bijvoet) eines Morgens erwacht, muss ihn jemand verleumdet haben. Ohne dass er sich verdächtig gemacht hätte, wird er plötzlich von drei bewaffneten Männern gejagt. Mit seinen Kumpanen Ludwig (Alex van Warmerdam) und Pascal (Tom Dewispelaere) flieht der Obdachlose durch die engen Gänge seines unterirdischen Verstecks im Wald.

Den Häschern knapp entkommen, klingelt er bei einer wohlhabenden Dame. Borgman möchte ein Bad bei ihr nehmen, doch die Tür der Villa wird ihm vor der Nase zugeschlagen. An der zweiten Tür ergeht es ihm noch schlimmer: Der aggressive und - wie sich noch herausstellen wird - rassistische Fernsehproduzent Richard (Jeroen Parceval) rastet aus und schlägt ihn nieder. Borgman hatte behauptet, Richards Frau Marina von früher zu kennen. Geschunden und gedemütigt macht sich Borgman davon - und kommt doch bald darauf wieder.

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Psychothriller "Borgman": "Funny Games" in den Niederlanden
Die von ihrem schlechten Gewissen gegenüber dem Bedürftigen geplagte Marina (Hadewych Minis) lässt ihn heimlich in das Gartenhaus einziehen. Mehr noch, bald pflegt die Mutter von drei Kindern den hageren Fremden, der mit langem Bart und Hakennase einem märtyrerhaften Leidensmann gleicht. Und von nun an geschehen im durchdesignten Villenbungalow am Waldesrand mysteriöse Dinge.

"Funny Games" in den Niederlanden

Borgman bleibt nicht allein. Frisch rasiert und aufgepäppelt gelingt es ihm, Richard zu täuschen und eine Anstellung als Gärtner zu ergattern. In dieser Funktion schleust er immer mehr Aushilfen ein, bis er ein kleines Heer zusammen hat, das ihm dabei hilft, erst den Garten und dann das Leben der Familie umzupflügen.

Unwillkürlich dringen die mühsam unter der Oberfläche gehaltenen Lebenslügen der Familie nach oben: unerfülltes Begehren, Furcht vor Wohlstandsverlust, Kindheitsängste. Auch ein paar Leichen werden auf abstruse Weise entsorgt - wobei im Film Bilder von surrealer Schönheit entstehen.

Alex van Warmerdams märchenhafte Thrillergroteske "Borgman" war 2013 der erste niederländische Film im Wettbewerb von Cannes seit 1975. Der 62-jährige Regisseur, gegenwärtig wahrscheinlich der bedeutendste niederländische Autorenfilmer ist in Deutschland kaum bekannt. Doch "Abel" (1986), "Ober" (2006) oder "Die letzten Tage der Emma Blank" (2009) sind Filme, die es zu entdecken gilt. Seine frühen Werke erinnern mit ihrer Künstlichkeit und ihrem lakonischen Humor an Aki Kaurismäki. Mit seinen späteren Filmen erzählt er skurrile Märchen für Erwachsene - "Grimm" (2003) etwa modernisiert die Geschichte vom "Brüderchen und Schwesterchen".

"Borgman" ist ernster und zugleich abgehobener. Ein heller Film, der dunkle Töne anschlägt, mit Märchenelementen, eingebettet in ein klassisches Thrillerszenario. Eine Gruppe Fremder belagert ein Haus und setzt sich dort militant fest - das kennt man aus Filmen wie "An einem Tag wie jeder andere", "Funny Games" oder "Panic Room". Trotz dieser Genre-Vorgaben machte es Van Warmerdam dem Zuschauer aber alles andere als leicht. Mit wem er sympathisieren soll, wird im Laufe des Films zunehmend unklarer. Meist bleibt offen, ob die genau komponierten Breitwandbilder einen Traum oder einen Wachzustand darstellen. Auch das Ende bietet Stoff für Spekulationen.

Die Wiederkehr des Verdrängten

Darüber hinaus streut van Warmerdam Anspielungen und Zitate ein, deren Bedeutungen rätselhaft bleiben. Richard, Isolde, Ludwig - entstammen nicht all diese Namen dem Dunstkreis Wagners? Auch die Narben zwischen den Schulterblättern, die nach und nach alle Figuren zur Schau tragen, erinnern vage an den Siegfried-Mythos.

Was soll das? In seiner berühmten Abhandlung über das Unheimliche zitiert Sigmund Freud den Philosophen Schelling: "Unheimlich sei alles, was Geheimnis, im Verborgenen bleiben sollte und hervorgetreten ist." Freuds psychoanalytische Definition des Unheimlichen sieht eine Verdrängung des ehemals Vertrauten und Heimischen am Werk, das sich nun Bahn bricht und dabei ein schreckhaftes Gefühl wachruft.

In dieser Perspektive kann man "Borgman" durchaus als unheimliche Parabel über die Ignoranz und Intoleranz der gesättigten Mittelschicht lesen. Die heimatlosen Fremden und Unterdrückten dringen ans Tageslicht, machen sich breit im Wohlstand und graben die Verhältnisse um: Im paradiesischen Garten der wohlgeordneten Welt der Vorortbungalows bleibt nichts, wie es einmal war.

Nicht ohne Grund dürfte van Warmerdam Borgman den Vornamen Camiel gegeben haben. So hieß der siebte Erzengel, der Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben hat.

Borgman

NL 2013

Buch und Regie: Alex van Warmerdam

Darsteller: Jan Bijvoet, Hadewych Minis, Jeroen Perceval, Alex Van Warmerdam, Tom Dewispelaere, Sara Hjort Ditlevsen, Eva van de Wijdeven, Annet Malherbe

Produktion: Angel Films, Epidemic, Graniet Film

Verleih: Pandastorm Pictures

Länge: 113 Minuten

FSK: ab 16 Jahren

Start: 2. Oktober 2014

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insgesamt 5 Beiträge
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    Seite 1    
1. Schade...
cucco 01.10.2014
...dass der Streifen sich an alternden Darstellern vergreift, die eigentlich eine Privatsphäre in Ruhe geniessen sollten. Wir brauchen junge charmante Darsteller mit Witz und Erotik, keine Sex Gymnastik, oder das was so aussieht.
2.
insomnium 01.10.2014
Ich hoffe, Kommentar #1 war nicht ernst gemeint? Leider denken Castingverantwortliche v.a. in Hollywood tatsächlich oftmals so, was dazu führt, dass eine 30jährige dann die Mutter einer 20jährigen spielt und eine 40jährige die Oma. Da muss man sich auch nicht wundern, wenn sich schon die U30-Darstellerinnen mittels Botox tunen lassen und viele Ü40 komplett regungslose Gesichter haben.
3.
t...9 01.10.2014
auf dem Bild sieht er aus wie Thomas Gottschalk mit Baart.
4.
DerUnvorstellbare 01.10.2014
Ich habe nicht verstanden was dieser Film uns sagen wollte. Ich kannte auch die Namen nicht, bestimmt handelt es sich um eine bekannte Geschichte. Aber dennoch irgendwie interessant.
5.
rabb.kramer 01.10.2014
Ist es nicht so das dieser Film vor allem junge Menschen in eine negative Denkweise verleiten lässt? Nein?Ja? Aber schaut in euch erstmal bevor ihr über diese Frage nachdenkt.
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