Ausnahmetrompeter Chet Baker Die wenigen cleanen Jahre

Heroin oder Methadon? Künstlerischer Rausch oder bürgerliche Aufgeräumtheit? Das Biopic "Born To Be Blue" mit Ethan Hawke als Chet Baker zeigt den legendären Jazztrompeter am Scheideweg.

Alamode Film

Von Jan Künemund


Weniger als zwei Prozent macht der Jazz in den USA an den Gesamtmusikverkäufen des Jahres aus, in Deutschland sogar noch weniger. In diesem Kontext nehmen sich gleich drei neue Biopics über Jazzmusiker wie ein Wunder aus: "Miles Ahead" von und mit Don Cheadle erschien im vergangenen Dezember in Deutschland direkt auf DVD; der kanadische Independentfilm "Born To Be Blue" von Robert Budreau mit Ethan Hawke als Chet Baker schafft es am Donnerstag in die Kinos; der Berlinale-Eröffnungsfilm "Django" mit Reda Kateb soll im Oktober folgen.

Man könnte denken, dass das Kino gegen jede Marktlogik am Jazz festhält. Wird das Musikgenre nicht selten als Refugium Pfeife rauchender Studienräte diskreditiert, funktioniert es dort offenbar noch als Mythos: Underground, Drogen, schnelle Autos, leichte Mädchen, besorgte Mütter und dunkle Bars, in denen noch geraucht wird.

Aber wenn man bei den aktuellen Biopics genauer hinsieht, erkennt man ihr klassisches erzählerisches Potenzial: Sie steigen im Karriereknick ihrer Helden ein und verfolgen sie nur so weit weiter, bis die Krise aus eigenem Antrieb überwunden ist. Gefallene Götter, die sich wieder aufrappeln - das ist der Stoff, den das Kino aus dem Jazz sampeln möchte.

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"Born To Be Blue": Der weltberühmteste Junkie

Chet Baker, der Prince of Cool und James Dean des Jazz, ist unter diesen Göttern ein besonderer Fall. Wenn Robert Budreaus Film zu Beginn in das Setting des New Yorker Klubs Birdland springt, Ethan Hawke mit Sonnenbrille und verschlossener Miene "Let's get lost" singen und die Kamera daraufhin in den Trompetentrichter kriechen lässt wie magnetisch angezogen, dann ist er bereits mitten im Mythos angekommen.

Das schicke Schwarz-Weiß dieser ersten Bilder funktioniert wie eine Animation der berühmten Fotos von William Claxton, die schon 1954 das Image des introvertierten Rebellen im weißen T-Shirt zementiert haben. Außerdem schreiben sie Bruce Webers Baker-Filmmeditation "Let's get lost" fort, die den Musiker 1988, kurz vor seinem Tod, genauso stylish mit diesem Rebellenmythos abgeglichen hat.

Umso härter erfolgt das Aufwachen aus dieser gut vorbereiteten Illusion, als Hawkes Chet Baker plötzlich seine eigenen Dialoge kommentiert und sich das ganze schöne Jazz-Setting als Film-im-Film entpuppt. "Born To Be Blue" wechselt von Schwarz-Weiß auf Farbe, von New York nach Los Angeles und ins Jahr 1966: Baker ist nach mehr als einem Jahr Knast in Italien in die USA zurückgekehrt, braucht Geld für Heroin und hat das Angebot angenommen, sich in einer schlechten Hollywoodverfilmung seines Lebens selbst zu verkörpern.

Ein Biopic, das sich über klassische Biopics lustig macht? Tatsächlich hat es mindestens zwei historische Versuche gegeben, die Chet-Baker-Story mit ihm in der Hauptrolle selbst zu verfilmen. "Born To Be Blue" geht mit solchen biografischen Details allerdings sehr locker um, und Ethan Hawkes Performance erschafft ein ganz eigenes Bild der historischen Figur, die weder etwas mit einem Hollywood-Jazzer-Klischee noch mit dem realen Junkie aus Bruce Webers Dokumentarfilm viel zu tun hätte: einen charmanten, träumerischen, unsteten, etwas großmäuligen Antihelden, der gerne high ist und seine Schwächen kennt. Der nichts zwischen sich und seine Musik lässt, bis ein Vorfall ihn zur Neuorientierung zwingt: Während der Dreharbeiten wird er überfallen und so übel zugerichtet, dass er ein künstliches Gebiss braucht und das Trompetespielen neu lernen muss - eine ziemlich gewagt dramatisierte Zuspitzung der Baker-Biografie, denn wahrscheinlich war es der Drogenkonsum, der Bakers Gebiss schon vorher ruiniert hatte.


"Born To Be Blue"
GB, Kanada 2015
Drehbuch und Regie: Robert Budreau
Darsteller: Ethan Hawke, Carmen Ejogo, Callum Keith Rennie, Stephen McHattie, Kevin Hanchard, Tony Nappo
Produktion: New Real Films
Verleih: Alamode Film
Länge: 98 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 8. Juni 2017


Ein schöner Einfall des Films ist es allerdings, dass Baker in dieser Phase von einer fiktiven Geliebten begleitet wird: Jane, von Carmen Ejogo mit emanzipierter Haltung und ironischem Stirnrunzeln gespielt, ist eine Frau, die es historisch nie gegeben hat, die auf Bakers Tricks und sexistische Attitüde nicht hereinfällt, die aber trotzdem das Risiko eingeht, den irrlichternden, nun gebrochenen Künstler zum Ehemann und Vater zu machen. Was diese Darstellung aber unterschlägt, ist, dass der Musiker bekannt dafür war, seine Ehefrauen und Freundinnen zu schlagen. Budreaus Liebeserklärung funktioniert eben auch als Reinwaschung - nicht zufällig präsentiert er den "weltberühmtesten Junkie" Baker in den einzigen cleanen Jahren seines Erwachsenenlebens.

Was also interessiert dieses Biopic, das aus den vielen Baker-Geschichten eine neue entwickelt, die sich überdeutlich von den Hollywoodkünstlermythen absetzen will? Ein reenacteter Miles Davis gibt dem weißen Posterboy des Westküstenjazz im Film-im-Film einen Rat: "Geh zurück zum Strand, Mann. Komm wieder, wenn du ein bisschen gelebt hast!"

Rechts das Methadon, links das Heroinbesteck

Und genau das ist das Programm von "Born To Be Blue": zu zeigen, wie der cleane Chet Baker mit Jane zum Pazifischen Ozean zurückkehrt, mühsam wieder spielen lernt, dabei einen Ton entwickelt, der tiefer und substanzieller ist als der schöne Wohlklang, für den er von den harten (schwarzen) Jungs von der Ostküste belächelt wurde. Und sich dann doch am Ende fragen muss, was ihn als Künstler ausmacht: das neue, gute, bürgerliche Leben oder das alte, harte, durch die Krisenbewältigungserfahrung angereicherte - die Jazzgeschichte weiß, wie die Antwort ausgefallen ist.

Im Film spitzt sich diese Selbstfindung plakativ zu: Baker vor dem Comeback-Auftritt im New Yorker Birdland, vor ihm rechts das Methadon, links das Heroinbesteck. Hawke schließt mal das eine, mal das andere Auge. Mit dem Heroin dehnt sich die Zeit, sagt Baker, er kann in jede Note einzeln hineinschlüpfen. Das High von Chet Baker mag der Film aber nicht erzählen. Sein High ist die Performance von Hawke, die Illusion einer kausalen Erklärbarkeit von Schönheit aus überwundenen Krisen. Und doch bleibt die ganze emotionale Dimension des Trompetentons von Chet Baker, der im Film auch nur reenactet werden kann, am Ende so rätselhaft wie der wilde Pazifik in der sanften Abendsonne, vor die der Film Hawkes Körper existenzialistisch immer wieder stellt.

Budreau weiß das natürlich. Mit sanfter Ironie gegenüber der eigenen Auswahl seiner Starschnittelemente setzt er einen Schlusstitel, in dem wir erfahren, dass Baker nach dem Comeback "die beste Musik seiner Karriere machte und heroinsüchtig blieb". Aber das erzählen dann die Chet-Baker-Alben ab 1973, die sich immer noch unter den zwei Prozent des Musikangebots befinden.

Im Video: Der Trailer zu "Born To Be Blue"

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Analog 09.06.2017
1. Toller Musiker.
In den 60er Jahren gab es kaum einen Jazz Musiker, der nicht auf Heroin war, nur er hat den Absprung leider nie geschafft. Wie kann ein Man nur so gefühlvoll Trompete spielen und dann regelmäßig seine Partner verprügeln? Habe ich nie verstanden.
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