Ausnahmefilm "Boyhood" Drei Stunden Glück. Pures Glück

Freuen Sie sich auf jede einzelne Minute von "Boyhood". Der Film über einen Jungen, der zum Mann heranwächst, fängt das Leben so einfühlsam und wahrhaftig ein, wie es nur sehr selten im Kino zu sehen ist.


Aus dem fahrenden Auto blickt Mason zurück auf die Straße, in der er nun nicht mehr wohnt. Mutter Olivia hat entschieden, mit dem Siebenjährigen und seiner knapp zwei Jahre älteren Schwester Samantha aus der texanischen Kleinstadt nach Houston zu ziehen. Dort will die alleinerziehende Olivia einen profitableren Job finden, ihren Uni-Abschluss nachholen und den Kindern ein besseres Leben ermöglichen. Ob der stille Mason diese Überlegungen schon in vollem Umfang versteht, ist nicht klar. Im Moment sieht er nur seinen besten Freund, der auf dem Fahrrad ihrem Auto folgt. Bis der Junge auf dem Rad aus dem Blick und aus Masons Leben verschwunden ist.

Diese frühe Szene bleibt nicht der einzige Abschied und Neuanfang, den Richard Linklater in seinem einzigartigen wie wunderbaren Jugendporträt "Boyhood" zeigt. Einzigartig, weil Linklater den Film an knapp vierzig Drehtagen verteilt über zwölf Jahre realisierte. Wunderbar, weil die Umstände der Produktion über die fast drei Stunden Laufzeit hinweg nie selbstzweckhaft in den Vordergrund rücken, sondern allein der berührenden Zeichnung der Figuren und ihrer Lebenswelten dienen.

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"Boyhood": Zwölf Jahre, ein Leben

Während die Erzählungen von Linklaters frühen Ensemblefilmen "Slacker" (1991) und "Dazed and Confused" (1993) - ebenso wie die der "Before"-Trilogie - zumeist nur von einem prall gefüllten Tag handelten, will der Regisseur und Autor hier mehr als eine Dekade amerikanischer Jugend in eine Erzählung fassen. Von Beginn an wird deutlich, wie glücklich die eingedenk des langfristigen Projekts riskante Wahl der vier Hauptdarsteller geraten ist: Neben Debütant Ellar Coltrane, der sich als Mason vor der Kamera vom verträumten Kind zum jungen Mann entwickeln wird, lässt Linklater seine eigene Tochter Lorelei die temperamentvolle Samantha spielen.

Begleitet wird der Reifeprozess der ungleichen Filmgeschwister von ihren ebenso gegensätzlichen und getrennt lebenden Eltern: der pragmatisch-kämpferischen Olivia (Patricia Arquette, hier im SPIEGEL-ONLINE-Interview) und Mason senior (Ethan Hawke), der als anfänglich chronisch abwesender und planloser Erzeuger seine eigenen Probleme mit den Anforderungen des Erwachsenwerdens hat.

Popsongs als Kalenderblätter

Mit diesen formidablen Schauspielern inszeniert Linklater ausgewählte Stationen einer Kino-Kindheit, die im Jahr 2002 beginnt und in deren Verlauf kleine und große Verwerfungen ihre Spuren hinterlassen. Was Mason und seine Nächsten durch die Jahre erleben, ist objektiv betrachtet kaum schicksalhafter oder weltbewegender als die Erfahrungen Millionen anderer Menschen. Doch wie in jeder Familiengeschichte, so gibt es auch hier dramatische Episoden. Etwa wenn Olivias vielversprechend angebahnte Ehe mit einem Universitätsprofessor (Marco Perella) spektakulär an dessen Alkohol- und Herrschsucht scheitert. Oder Mason auf der Toilette seiner neuen Schule eine unangenehme Begegnung mit mobbenden Teenagern macht.

In diesen Momenten ertappt man sich als Zuschauer kurzzeitig bei der Erwartung einer Zuspitzung des Films auf das eine Ereignis, das eine ganze Biografie prägt und erklärt. Doch Linklater verweigert sich clever gängigen Erzählmustern, auch indem er nach solch traumatischen Erfahrungen gerne den nächsten Zeitsprung setzt.

Dann sieht man die Figuren in einer ganz alltäglich anmutenden, brillant getexteten Dialogszene wieder. In der kann es um Dating-Regeln, den richtigen US-Präsidentschaftskandidaten oder die Vorzüge der originalen "Star Wars"-Trilogie gehen. Und man begreift sofort, dass sich ein Leben zum Glück nicht auf ein, zwei Schlüsselerlebnisse reduzieren lässt. Sondern dass es ebenso - wenn nicht gar mehr - durch den steten Fluss vermeintlich kleiner Gesten, Begebenheiten und Augenblicke geformt wird.

Nicht nur deshalb ist "Boyhood" weit mehr als nur eine Geschichte über das Erwachsenwerden, in der sich Gesichter und Moden mal kaum merklich, dann wieder drastisch wandeln, und sorgsam eingestreute Popsongs von Weezer bis Arcade Fire als akustische Kalenderblätter funktionieren. Wenn Linklater einzelne Augenblicke dehnt und zugleich Jahre in wenigen Minuten verdichtet, wird die Zeit selbst zum Protagonisten. Ihr unerbittliches Fortschreiten ist Grundlage der menschlichen Existenz, und vielleicht allein die ureigene Magie des Kinos vermag sie einzufangen und ihr den Stachel der Vergänglichkeit zu nehmen.

Aufbruch und Abschied zugleich

So gelingt Linklater quasi nebenbei eine Reflexion über die ungebrochen großen Möglichkeiten des Mediums. Dabei passt zum Wechselspiel von nostalgischer Wehmut und hoffnungsvoller Zuversicht, dass "Boyhood" auf 35-mm-Film gedreht wurde. Das kommerziell für mausetot erklärte Format darf eine lebensbejahende Aufbruchserzählung festhalten, und selbst wenn es das letzte Mal gewesen sein sollte: Schöner lässt sich kaum an seine technikästhetische Bedeutung für die Filmgeschichte erinnern.

Linklaters kenntnisreiche Leidenschaft für das Kino sowie dezente, selbstbewusste Verbeugungen in Richtung Vorbilder - darunter François Truffauts ähnlich beiläufig-berückendes Jugenddrama "L'Argent de poche" (1976) - werden hier indes überstrahlt von seiner unbedingten Liebe zu den Figuren. Es ist schlicht unmöglich, die aufrichtige Zuneigung gegenüber Mason und seiner Familie nicht zu teilen, gerade weil wir das Unfertige nie als Makel, sondern immer als Chance begreifen. Das beileibe nicht blauäugige Vertrauen in die Fähigkeit jedes Einzelnen zur Veränderung ist bei allen europäischen Affinitäten Linklaters die herausragend amerikanische Qualität seines Films.

Der lässt Mason dankenswerterweise auch nach zwölf Jahren "Boyhood" sein innigstes Geheimnis. Auch wenn wir ihn mit gutem Gefühl und in sympathischer Gesellschaft an der sonnenbeschienenen Schwelle zum Erwachsensein verlassen, wäre es anmaßend, seinen weiteren Weg vorausahnen zu wollen. Gewiss ist nur: Wir vermissen den Jungen schon jetzt.

"Boyhood"

USA 2014

Buch und Regie: Richard Linklater

Darsteller: Patricia Arquette, Ellar Coltrane, Ethan Hawke, Lorelei Linklater

Produktion: IFC Productions, Detour Filmproduction

Länge: 163 Minuten

Verleih: Universal Pictures

FSK: ab 6 Jahren

Start: 5. Juni 2014



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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
dasbuerschchen 04.06.2014
1. oh nein
Zitat von sysopREUTERSFreuen Sie sich auf jede einzelne Minute von "Boyhood". Der Film über einen Jungen, der zum Mann heranwächst, fängt das Leben so einfühlsam und wahrhaftig ein, wie es nur sehr selten im Kino zu sehen ist. http://www.spiegel.de/kultur/kino/boyhood-von-richard-linklater-kommt-in-die-kinos-a-973158.html
eine langweilige Schmonzette...wie kann man sowas toll finden?...
ralfbraun 04.06.2014
2. Langweiler
Zitat von dasbuerschcheneine langweilige Schmonzette...wie kann man sowas toll finden?...
Sie sollten sich fragen, ob Sie nicht der Langweiler sind, wenn Sie dem Film nichts abgewinnen können, als eine solche Schmähung als Schmonzette.
berndasbrot 04.06.2014
3. oh nein???
........wie kann man sich stundenlang hinsetzen und anderen beim Fußballspielen zuschauen? Geschmäcker und Interessen sind zum Glück verschieden, dies zu akzeptieren und tolerieren wäre schon mal ganz ein Anfang. Ich werde mir den Film ansehen, vielleicht haben Sie ja mit Ihrem (Vor?)-urteil recht, aber vielelicht braucht man dafür auch einfach andere Antennen, die man nach jahrelangem Rudern auf der Reihenhaus - Firma - Familie -Konsum - Galeere verloren hat?
AzorroA 04.06.2014
4. Gähn
Wie schon in der Überschrift beschrieben: Gähn
hauste2 04.06.2014
5. Berlinale
Ich habe Boyhood auf der Berlinale sehen können. Ein großartiger Film. Fast schon zeitlos - besonders natürlich auch dadurch, dass er das Thema Zeit bzw. vergehende Zeit behandelt. Hier wird sehr viel zwischen den Zeilen erzählt. Man muss den Film fühlen, dass kann leider nicht jeder. Boyhood passt auch besonders gut in Linklaters bisherigers Repertoire, Re: Before-Trilogie.
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