Brad Pitt als Jesse James Tod im Weizenfeld

Der Western "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" mag genau so länglich sein wie sein Titel, erzählt aber ein herrlich melancholisches Moralstück über die Risiken und Nebenwirkungen der Celebrity-Kultur. Brad Pitt und Casey Affleck brillieren in den Hauptrollen.

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Was hat es nur mit diesen Weizenfeldern auf sich? Spätestens seit Gladiator Russell Crowe vor ein paar Jahren seine Fingerspitzen durch die Halme gleiten ließ, muss das weite, vom Wind gewellte Feld immer wieder als Metapher für die Sehnsucht nach dem einfachen Leben und der Familie herhalten. Die Natur als letzte "Frontier", als Arena für die Eroberung des archaisch Urtümlichen durch die Ordnung der Zivilisation. Ein sehr amerikanischer Mythos und ein schönes Filmthema.

Brad Pitt als Jesse James: Todessehnsucht im Weizenfeld
Warner Bros.

Brad Pitt als Jesse James: Todessehnsucht im Weizenfeld

Und so steht also der Bandit Jesse James, gespielt von Brad Pitt, zu Beginn des Films "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" in einem wunderschön windgepeitschten Feld und ertastet mit den Fingerspitzen die Ähren. Es ist 1881, er ist 34 Jahre alt, seine Karriere als Gangster neigt sich dem Ende zu, er will seine Ruhe haben, mit seiner Frau und den Kindern ein normales Leben im beschaulichen Farmhaus führen. Fast 15 Jahre als Wegelagerer, Mörder und Strauchdieb haben sich in sein Gesicht gegraben, sein Blick scheint über den Horizont hinauszureichen, ein nervös flackernder 1000 yard stare wie bei Kriegsveteranen, die zu viel Gewalt und Elend mit ansehen mussten.

Rückzug aus dem Rampenlicht

Dieses Anfangsbild, von Kameramann Roger Deakins ("Fargo") elegisch in Szene gesetzt, ist ganz schön morbide: James sehnt sich nach dem Leben im Ruhestand, aber ist das Altenteil für berühmte Männer wie ihn nicht gleichbedeutend mit dem Tod? James weiß, dass ihm die Marshals auf der Spur sind, dass sein Ruhm, die Legende, die sich um ihn rankt, ihn massiv behindern wird beim Rückzug aus dem Rampenlicht.

Regisseur Andrew Dominik, ein Newcomer aus Neuseeland, der mit seinem visuell anspruchsvollen Verbrecherporträt "Chopper" (2000) Aufsehen erregte, hat sich mit seinem zweiten Spielfilm viel vorgenommen: Die Adaption des gleichnamigen Buches von Roy Hansen, eine Hommage an das Spätwestern-Genre, die behutsame Demontage eines amerikanischen Räuber-Mythos und eine Meditation über Risiken und Nebenwirkungen von Berühmtheit in einer Gesellschaft, die selbst Verbrecher mit medialer Glorie zu Popstars stilisiert.

Als medienkritisches Moralstück funktioniert der knapp dreistündige Western mit seinen blassen, spröden Farben und den langsam schweifenden Blicken über Landschaften vielleicht noch am besten. Die Geschichte der Legende Jesse James wird erzählt und gleichzeitig demontiert. Der junge Robert Ford (Casey Affleck), ein glühender Bewunderer der James-Gang, robbt sich mit schleimiger Penetranz ganz nah an sein Idol Jesse heran. Ford ist ein Parasit, ein prototypischer Stalker des 19. Jahrhunderts. In einem Schrein unter seinem Bett versteckt er seine James-Devotionalien, vor allem Groschenromanhefte mit bunten Einbänden, die damals kursierten und glorifizierende Geschichten über die Raubzüge der Bande verbreiteten.

Mit vielen mädchenhaften Augenaufschlägen und Schmeicheleien erregt er schließlich nicht nur die Aufmerksamkeit Jesses, er erringt sogar dessen Vertrauen und wird zum ständigen Hausgast im gutbürgerlichen Heim, das der Revolverheld als Tarnung unterhält. Die Nähe des jungen Verehrers wird ihm allerdings bald unheimlich: "Willst du wie ich sein oder willst du ich sein?" fragt er ihn. Einmal ist Ford zu sehen, wie er durch die privaten Gemächer Jesses streift, sich die Unterwäsche seines Vorbilds ansieht und sich in dessen Laken und Gerüchen wälzt. Nicht wenige US-Kritiker fanden diese homoerotische Komponente der Heldenverehrung unnötig und geschmacklos, doch das präzise Spiel der beiden Hauptakteure lässt diese Andeutung einer Amour fou glaubhaft werden.

Melancholie und Wahnsinn

Tatsächlich ist die "Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford" eine filmische Unternehmung, deren Erfolg sehr eng mit der schauspielerischen Hingabe der Hauptdarsteller verknüpft ist. Immer wieder verharrt die Kamera suchend auf den Gesichtern der beiden Schauspieler, weidet sich an der sparsamen, aber signifikanten Mimik. Jedes Augenbrauenzucken erzählt eine Geschichte, jedes Zwinkern verrät viel. Brad Pitt spielt Jesse James als Manisch-Depressiven mit psychotischem Blick, plötzlichen Gewalt-Ausbrüchen und erratischen Tics. Seine Zunge, auf der Suche nach verlorenen Tabakkrümeln, kreist beständig um seine Lippen, als müsste er, vom Misstrauen zerfressen und von Verfolgern gehetzt, hecheln wie ein Hund in der Hitze.

Melancholie und Wahnsinn liegen bei diesem fahrigen Charakter nahe beieinander. Ob ihm nun seine Rolle als schießwütiger Popstar zu Kopf gestiegen ist oder die Unmöglichkeit seiner Existenz als Outlaw in einem Westen, dessen Wildheit immer stärker eingezäunt wird - man darf davon ausgehen, dass ein großer Teil dieser in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnete Performance viel mit Brad Pitts Leiden am eigenen Celebrity-Status zu tun hat.

Die eigentliche Entdeckung des Films ist jedoch Casey Affleck, der als verschwiemelter Feigling eine beeindruckende Leistung vollbringt. Eine unsympathischere Hauptperson hat das Kino seit dem Mädchenmörder Grenouille in Tom Tykwers "Parfüm" nicht gesehen. Affleck lässt den nach Ruhm, Anerkennung und Liebe geifernden Charakter Robert Fords auf seinem Gesicht freien Lauf: Der fiebrige, sehnende Blick, ein halb geöffneter Mund, der sich blitzschnell vom unsicheren Grienen zum bösartigen Schmollen verzerren kann. Gegen Ende des Films, in einer beklemmenden Abendmahl-Szenerie, zählt er mit kindischem Trotz und vernuscheltem Südstaatensingsang auf, wie viele biografische Gemeinsamkeiten er zwischen sich selbst und seinem Idol sieht.

Der Ruhm frisst seine Kinder

Ford ist wie ein Blutegel, der sich am Glanz des berüchtigten Gangsters festsaugt, bis er das Objekt seiner Begierde ganz und gar vertilgt hat. Der Mord an Jesse James, der den realen Ford in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts zur ersten echten Medienpersönlichkeit der amerikanischen Geschichte machte, ist eine vom todessehnsüchtigen Opfer sorgsam orchestrierte Situation, in der Ford, panisch und paralysiert vor Angst, nur noch den Abzug der Pistole betätigen muss, die ihm Jesse am Tag zuvor geschenkt hat. Die unwürdige Rolle des Erfüllungsgehilfen hält ihn jedoch nicht davon ab, mit einer Bühnenshow auf Tournee zu gehen, bei der er seinen feigen Akt jeden Abend auf Neue inszeniert und dabei langsam an Scham und Selbstekel zu Grunde geht. Bis ihn ein weiterer, publicitysüchtiger Irrer von seinem Leiden befreit. Der Ruhm frisst seine Kinder.

Das langsam anhebende, am Ende immer intensiver und dramatischer werdende Todes-Ballett vom jungen Bewunderer und müden Helden macht den Film letztlich zu einem Kino-Ereignis, das den gesellschaftskritischen Geist von traurigen Western-Moritaten wie "Pat Garrett & Billy the Kid" oder Outlaw-Balladen wie Terrence Malicks "Badlands" aus den sechziger und siebziger Jahren mit großer Ernsthaftigkeit in die Neuzeit transportiert.

Und das spiegelt sich sogar in der Realität: Hollywood-Beau Brad Pitt, der in den vergangenen Jahren als Schauspieler mehr Tiefe wagt und als Produzent schwierige Stoffe anpackt, zieht sich aus dem Rampenlicht immer öfter zurück und verhilft dem aufstrebenden Nachwuchs-Star Affleck zu einer Rolle, die ihm eine Oscar-Nominierung einbringen wird, wenn alles mit rechten Dingen zugeht. Heldendämmerung nach Hollywood-Art. Ganz ohne Mord und Weizenfeld.



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