DVD-Premiere "The Exploding Girl": Und dann detoniert das Mädchen

Von Kaspar Heinrich

Wenn weniger so viel mehr ist: Das Indie-Drama "The Exploding Girl" ist ein unaufgeregter Film über ein Mädchen, das lernen muss, mit seiner Epilepsie umzugehen. Und mit dem Unterschied zwischen Freundschaft und Liebe.

Immer wieder sind da diese großen blauen Augen, die selbstverloren in die Welt blicken. Mal schauen sie direkt in die Kamera, meist auf einen Punkt im Nirgendwo. Sie sind melancholisch, müde, manchmal staunend, voll träumerischer Neugier. Dazu: Kaum mehr als die Geräusche der Großstadt, keine Musik, kaum Dialoge, die allzu schnell aus dem somnambulen Zustand herausreißen könnten.

Die Augen gehören Ivy (Zoe Kazan, "Ruby Sparks"), einer 20 Jahre alten College-Studentin, leicht pausbäckig, mit einer Vorliebe für farbenfrohe Sommerkleider. Sie verbringt die Ferien bei ihrer Mutter in Brooklyn, als ihr engster Freund Al (Mark Rendall) einen Platz zum Schlafen sucht. Auch er hat Urlaub, doch die Eltern haben sein Zimmer vermietet. Nun steht er an einer Straßenecke, nicht völlig Herr über seinen schlaksigen Körper, den schweren Rucksack auf dem Rücken, und bittet Ivy am Telefon um Hilfe. Mit Erfolg: Für eine Woche kann er bei ihr wohnen.

Telefoniert wird viel in Bradley Rust Grays vor kurzem auf DVD erschienenem Film "The Exploding Girl" - und zu telefonieren versucht, wird auch oft. Ivy ruft ihren verreisten Freund Greg an, verpasst ihn, spricht auf die Mailbox, wird nicht zurückgerufen und redet schließlich doch mit ihm. Selbst wenn die Telefonate zustande kommen, misslingen sie, gehen nur schleppend voran. "Ich vermisse dich." "Ich dich auch." Der Schlussdialog ist ritualisiert - doch die Pause zwischen den Sätzen wird von Mal zu Mal länger. Als Greg schließlich am Telefon die Beziehung beendet, wegen eines anderen Mädchens, steht Ivy an einer Kreuzung und wundert sich nicht mal.

Ein Hauch von "Harry und Sally"

So schwerfällig und ratlos die Gespräche mit ihrem Freund vor sich hin tappen, so unverkrampft ist Ivys Umgang mit Al. Man kennt sich, albert herum, vertraut einander. Die Freundschaft ist keusch, wie Schwester und Bruder umsorgen sich beide. Als Ivy frühzeitig eine Party verlässt, begleitet Al sie und lässt dafür ein amouröses Abenteuer sausen. Anderntags, beim Kartenspielen im Park, erzählt er von einem Mädchen aus der Uni, das ihm gefällt, und Ivy soll ihm sagen, wie er sich verhalten soll.

Irgendwann stellt er sie dann doch, die Frage: Ob er jemals mehr für sie sein könne als ein Freund. Ein Moment der Irritation, ein Hauch von "Harry und Sally" im amerikanischen Independent-Kino. Doch es gibt keine gemeinsame Nacht in "The Exploding Girl". Die Figuren wissen noch nicht viel vom Leben, Al dann aber doch schon genug: "Du sollst nicht das Gefühl haben, dass ich unsere Freundschaft aufs Spiel setzen will", sagt er, bevor er die Tür zu Ivys Zimmer schließt und schlafen geht.

Der Titel "The Exploding Girl" sollte in seiner Knalligkeit eher zu einem Splattermovie passen als zu einem zart dahinschwebenden romantischen Drama. Und doch ist es genau das, was mit der Epileptikerin Ivy immer wieder geschieht: Sie explodiert förmlich, wenn die Anfälle kommen, beginnt zu zittern und sich zu verkrampfen, verliert die Kontrolle über ihren Körper. Die Schübe sind kurz und heftig, sie werden häufiger, wenn der Stress in Ivys Leben zunimmt.

Die Ausbrüche wirken als Störfaktor umso bedrohlicher, weil die Kamera von Eric Lin alles mit dem größtmöglichen Maß an Ruhe beobachtet. Sie bleibt geduldig im Hintergrund, ist wie zufällig mit dabei, wenn Ivy und Al auf der Straße Pizza essen oder im Park Musik hören. Die einzelnen Einstellungen dauern, manchmal sind sie minutenlang, ohne dass etwas die Handlung vorantreibt. An den Gesichtern und Blicken von Ivy und Al ist der Film mehr interessiert als an dem, was sie sagen. In Dialogen folgt die Kamera oft dem Zuhörer, nicht demjenigen, der spricht.

"The Exploding Girl" ist in seiner leisen Art ein berührender Film, der sich in jeglicher Hinsicht zurücknimmt und gerade deshalb eine besondere Wucht entwickelt. Es gibt keine Überraschungen, schnell ahnt man, in welchen Bahnen alles verlaufen wird. Doch das stört nicht: Das Thema der Grenze von Freundschaft zu Liebe ist universell - so braucht es nicht viel mehr als zwei überzeugende Schauspieler, um die Geschichte zu entwickeln. Regisseur und Drehbuchautor Bradley Rust Gray hat das gewusst: Kazan und Rendall spielen präzise, gar zärtlich, und verleihen dem Film damit ihre ganz eigene Eindringlichkeit.

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insgesamt 1 Beitrag
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1. na endlich....
axelkli 10.01.2013
kommt der Streifen auf DVD raus. Ich habe ihn schon seit ewigkeiten auf der Watchlist und mich immer gewundert, warum die DVD nicht veröffentlicht wurde. Ich habe viel Gutes von dem Film gehört.
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