Steven Spielbergs "Bridge of Spies" Warm ums Herz im Kalten Krieg

Tom Hanks verteidigt die Menschlichkeit im Kalten Krieg: In seinem meisterlich inszenierten Spionage-Thriller "Bridge of Spies" erzählt Steven Spielberg eine erbauliche Geschichte aus dem bitterkalten Ost-Berlin.

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Was wäre, wenn… ein islamistischer Terrorist morgen in Brooklyn festgenommen würde? Ein Schläfer, der darauf wartet, aktiviert zu werden, seinen Sprengstoffgürtel zu packen und zum gerade wieder neu errichteten World Trade Center zu fahren? Stellen wir uns vor, FBI, CIA, NSA wären schneller gewesen und hätten ihn in seinem schlichten Apartment gestellt. Nun wird der Mann, vielleicht ein radikalisierter Amerikaner, dem Richter vorgeführt, während die Presse und die Bürger einen medialen Lynchmob bilden: Auf den elektrischen Stuhl mit dem Verräter!

Würde der Rechtsstaat diesen Druck aushalten? Würde sich überhaupt ein Anwalt finden, der sich für die Rechte des Dschihadisten einsetzt, damit ihm ein fairer Prozess gemacht wird? Würde er den Mann auch dann noch aufrecht verteidigen, wenn er selbst in der U-Bahn bepöbelt und gemieden, wenn seine Familie, sein Haus, seine ganze Existenz und berufliche Zukunft infrage stehen?

Diese brennend aktuellen Fragen werden in "Bridge of Spies" dramatisch verhandelt. Allerdings wählte Regisseur Steven Spielberg dafür eine historische Kulisse, die nicht weniger angespannt und schreckensreich war, aber deutlich übersichtlicher - den Kalten Krieg. Vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion Ende der Achtziger standen sich zwei politische Blöcke lauernd gegenüber: Russland gegen USA, Kommunismus gegen Kapitalismus, Atomsprengkopf gegen Atomsprengkopf. Der Nuklearkrieg war stets nur einen Knopfdruck entfernt, aber im Gegensatz zum heutigen Terror-Zeitalter wusste man, woher die Attacke kommen würde.

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"Bridge Of Spies": Der gute Mensch von Ost-Berlin
Der Gegner war berechenbar, oder zumindest glaubte man das. Ideologisch war man sich spinnefeind, aber im Zweifel konnte man verhandeln, die Balance der Abschreckung ließ das zu, die atomare Apokalypse konnte ja niemand wollen. Dieses gegenseitige in Schach halten, das schon fast zur Kunstform erhobene diplomatische Spiel, scheint unter aktuellen Gegebenheiten, in der Auseinandersetzung mit dem Terror des IS, nicht möglich. Die Lage ist zu kompliziert, zu verflixt.

Spielbergs Rückgriff auf die wahre Geschichte des aufrechten Versicherungsanwalts James B. Donovan (Tom Hanks), der Anfang der Sechzigerjahre beauftragt wird, einen in Brooklyn festgenommenen russischen Spion vor Gericht zu verteidigen, ist ein bewusster, ein fast schon sehnsüchtiger Schritt in die Vereinfachung und Nostalgie. Hanks verwandelt dieses Himmelfahrtskommando in ein Erbauungsbeispiel für Vernunft und Menschlichkeit. Der Film könnte schwer daran tragen, wenn es nicht ein paar rettende Faktoren gäbe, die "Bridge of Spies" zu grandiosem Kino machen.

Der unbedingte Wille zum Guten

Ein Meister des Historiendramas ist Spielberg allemal. Wie kein anderer Hollywood-Regisseur besitzt er die Gabe, Zeitgeschichte mit griffigen Charakteren, packender Dramatik und hinreißender Ästhetik aufzuladen: "Schindlers Liste", "Der Soldat James Ryan" oder "Lincoln" sind nicht zuletzt deshalb moderne Klassiker, weil es Spielberg immer wieder gelingt, selbst in schwärzester Zeit einen Funken Menschlichkeit zu entdecken, um daraus einen cineastischen Hoffnungsschimmer zu erschaffen. Dieser unbedingte Wille zum Guten kann aber auch erdrückend sein.

"Bridge of Spies" hingegen, der über weite Teile im sehr graublauen, sehr gefrorenen Ost-Berlin der DDR spielt, wo jedes Gemäuer in Historie erstarrt scheint, ist dennoch geradezu beschwingt. Allein die Anfangssequenz, in der FBI-Agenten im sommerlich goldbraun gebackenen Brooklyn den russischen Spion Rudolf Abel (Mark Rylance) erst durch die Straßen verfolgen und dann in seinem Apartment stellen, ist ein großartiges Set Piece, das seine Katz- und Maus-Dynamik allein durch die Bilder-Choreografie von Kamerakünstler Janusz Kaminski entwickelt und beinahe ohne Dialoge auskommt.

Zum ersten Mal arbeitete Spielberg mit den Autorenfilmer-Brüdern Joel und Ethan Coen zusammen. Sie überarbeiteten das Drehbuch, das Matt Charman ursprünglich auf der Grundlage von Donovans Memoiren erstellt hatte. Der Coen-typische Sinn für Marotten und Absurditäten manifestiert sich angenehm oft im Film, in der Überzeichnung des Vorstadtidylls von Donovans Zuhause, vor allem in den Dialogszenen zwischen Abel und seinem Anwalt.

Am Ende, als Donovan mit viel Geschick und beherztem Einsatz Abels Austausch gegen einen über Russland abgeschossenen US-Spionagepiloten im Berliner Morgengrauen auf der titelgebenden Glienicker Brücke organisiert hat, empfinden die beiden Systemfeinde Nähe, wenn nicht Freundschaft füreinander. Er scheine ja gar nicht besorgt zu sein, fragt der Anwalt seinen Klienten zu Beginn, als sie sich im Gefängnis kennenlernen. "Würd's helfen?", entgegnet Abel, ein sanfter, älterer und hagerer Mann, der gerne malt, mit trockenem Fatalismus. Der One-Liner kommt gleich mehrfach zum Einsatz, er wird zum auflockernden Fingerschnippen in der getragenen Melodie des Plots.

Was bleibt? Integrität!

Es geht um Spiegelungen in "Bridge of Spies", das wird gleich zu Beginn etabliert, als Abel, vom britischen Theaterstar Rylance mit lakonischer Würde verkörpert, sein Spiegelbild betrachtet. In seinem abgeklärten Blick offenbart sich eine längst erlangte Erkenntnis, die Donovan erst im Verlauf der Hexenjagd gegen Abel und seinen Erlebnissen mit den kaltblütigen CIA-, DDR- und Sowjet-Unterhändlern in Berlin hat: dass sich die verfeindeten Systeme USA und Russland immer ähnlicher werden, je größer die Angst und je repressiver gegen die eigene Bevölkerung die Sicherheitsmaßnahmen der Politik werden.

Das Einzige, was Abel bleibt, ist, sich an seine persönliche Integrität zu halten. Trotz angedrohter Folter und mieser Behandlung durch die amerikanischen Gefängniswärter und einen Richter, der lieber ein Exempel statuieren will, als Recht zu sprechen, verrät er seine Geheimnisse nicht, bleibt er ein aufrechter, loyaler Soldat. Nicht anderes ist der Zivilist Donovan, der sich an die amerikanische Verfassung, an seinen Humanismus und an sein Gerechtigkeitsempfinden klammert.

Wer könnte diesen Atticus Finch des Kalten Krieges besser und glaubhafter verkörpern als Hollywoods ausdauerndster good guy Tom Hanks? Mit sanftmütigem Amusement und einer weitgehend perfektionierten Verletzlichkeit, die an den großen James Stewart erinnert, gelingt es ihm, selbst staatstragende Moralitäten aufs Normalmaß des gesunden Menschenverstands herunterzubrechen.

Die Coen-Brüder schrieben ihm passend dazu einen symbolhaften Streich ins Drehbuch: Kaum hat Donovan in Berlin an der Friedrichstraße die Grenze zum sowjetischen Sektor passiert, um zum russischen Konsulat zu gelangen, wird er mitten im Schneetreiben an einer Straßenecke von einer Bande Jugendlicher überfallen, die ihm seinen teuren, warmen Mantel abnehmen. Durch den Rest der Handlung schleppt sich Hanks folglich drollig hustend, ächzend und schniefend. Der Kalte Krieg, nichts als eine lästige Erkältung. Die kriegt man mit Hausmittelchen, Ruhe und ein bisschen gutem Willen wieder weg.

Ach, wäre doch immer alles so einfach wie im Kino.

Filmtrailer zu "Bridge of Spies":

Bridge of Spies - Der Unterhändler

    USA/D 2015

    Regie: Steven Spielberg

    Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen, Matt Charman

    Darsteller: Tom Hanks, Mark Rylance, Amy Ryan, Sebastian Koch, Austin Stowell

    Produktion: Dreamworks, Fox 2000

    Verleih: Fox

    Länge: 142 Minuten

    FSK: ab 12

    Start: 26. November 2015

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Rubyconacer 25.11.2015
1. Breslau
Der Film wurde zum Teil in Breslau gedreht, da Berlin nicht mehr oll genug ist. Die verrotteten Drehorte in Berlin/Potsdam sind großteils verschwunden. Ich glaube dies zwar nicht ganz, aber ich denke, eine komplette Straßensperre kann man den arg gebeutelten Berlinern nicht mehr zumuten. Spätestens wenn mal die Bundesministerien nach Berlin kommen sollten, danm ist sowieso Ende mit der Beschaulichkeit mancher Innenstadtorte.
Newspeak 25.11.2015
2. ...
Der Film wird bestimmt eine gewisse Qualität besitzen. Gutes Kino, so wie die früheren Spielberg/Hanks Filme eben auch. Vermutlich wird er aber dann doch auch etwas zu glatt sein, etwas zu popcornhaft, ein Film, der vorbeiplättschert, unterhält, aber eben nur für den Moment, der beim zweiten Mal schauen schon keinen Eindruck mehr hinterläßt, fürchte ich. Denn wirklich mutig sind beide nicht, weder Spielberg, noch Hanks...den Zuschauer vielleicht jenseits von Familienunterhaltung verstören oder ratlos zurücklassen?...wohl kaum.
Millie Cash 25.11.2015
3. Kokolores auf Zelluloid ...
... wann kommen die vielen Busse mit den vielen Leuten, die so etwas interessiert?
myk982much 25.11.2015
4. Ansehen!
Klar dies ist Unterhaltungskino und kein Arte-Dokudrama. Aber als solches ist es für mich der beste Film seit Jahren.
Karbonator 25.11.2015
5.
Zitat von NewspeakDer Film wird bestimmt eine gewisse Qualität besitzen. Gutes Kino, so wie die früheren Spielberg/Hanks Filme eben auch. Vermutlich wird er aber dann doch auch etwas zu glatt sein, etwas zu popcornhaft, ein Film, der vorbeiplättschert, unterhält, aber eben nur für den Moment, der beim zweiten Mal schauen schon keinen Eindruck mehr hinterläßt, fürchte ich. Denn wirklich mutig sind beide nicht, weder Spielberg, noch Hanks...den Zuschauer vielleicht jenseits von Familienunterhaltung verstören oder ratlos zurücklassen?...wohl kaum.
Haben Sie Schindlers Liste mal gesehen? Soldat James Ryan? Cast Away? A.I.? Philadelphia? München? Captain Phillips? Cloud Atlas? Und und und und und... Ihre Feststellung krankt meines Erachtens daran, daß sie völlig falsch ist.
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