Brisanter Berlinale-Beitrag: Lerchen im Keller

Von Wolfgang Höbel und

Der brisanteste Beitrag der 57. Filmfestspiele kommt von den italienischen Cineasten-Legenden Paolo und Vittorio Taviani: In "Das Haus der Lerchen" schildern sie den türkischen Genozid an den Armeniern.

Es ist ein Film voller eindringlicher Bilder, vielsagender Gesten: Da ist ein türkischer Soldat, der steht ein wenig unbeholfen neben dem so herrschaftlich gedeckten Mittagstisch. Er nimmt die Suppenschüssel vorsichtig in die Hände, hebt sie an, hält kurz inne und - gießt die Suppe langsam über das Damasttischtuch.

Der Schrecken beginnt mit Kleinigkeiten. Das Unvorstellbare stellt sich sehr höflich vor.

Da wollen die türkischen Knechte plötzlich den Wagen der armenischen Herren heute doch lieber nicht mehr abladen: "Es ist schon spät", und wenig später sind die Herrschaften als Volksfeinde zum Schlachten freigegeben, sind um ihr Leben wimmernde Bündel Mensch geworden.

So beginnen Völkermorde. Mit umgestürzten Suppenschüsseln, mit plötzlich nicht wiederzuerkennenden Vertrauten, mit dem letzten, dem allerletzten Gedanken kurz vor dem Hieb: nein, das kann nicht sein.

Die italienischen Regisseure Paolo und Vittorio Taviani, beide inzwischen weit in den Siebzigern, zeigen auf der Berlinale mit "Das Haus der Lerchen" den wichtigsten, den aufwühlendsten Beitrag zur Erinnerungskultur. Er betrifft den Völkermord der Türken an den Armeniern - und läuft außer Konkurrenz. Aber man wird von ihm sprechen, noch weit hinten in der Türkei. Besonders dort.

Bereits in ihren früheren Meisterwerken "Padre Padrone" (1977) und "Die Nacht von San Lorenzo" (1982) hatten die Gebrüder Taviani vorgeführt, was Unterdrückung und politische Gewalt mit Menschen anstellen - und der Wunsch nach Auflehnung gegen ein unbarmherziges Schicksal. Konnte "Die Nacht von San Lorenzo", eine Episode aus dem Widerstandskampf der Resistenza gegen die faschistische Miliz, den Irrsinn der Gewalt noch mit absurder Komik durchsetzen, so ist "Das Haus der Lerchen" ein tiefschwarzes Melodram.

Tabu am Bosporus

Noch immer ist der Völkermord an den Armeniern tabu am Bosporus. Und noch immer möchten türkische Regierungsvertreter, dass es so auch außerhalb der Türkei sein möge. Vergangene Woche noch sah der türkische Außenminister Abdullah Gül die Beziehungen seines Landes zu den Vereinigten Staaten ernsthaft gefährdet. Der Grund: eine Resolution des US-Kongresses, in der der Völkermord der Türken von 1915 verurteilt wird. "Wenn diese Resolution verabschiedet wird", so drohte Gül den an einer strategischen Partnerschaft interessierten Vertretern der Bush-Regierung, "warum sollten wir uns weiterhin gegenseitig unterstützen?"

Knapp hundert Jahre nach dem Verbrechen hat der türkische Schriftsteller und Nobelpreisträger Orhan Pamuk es mutig angesprochen - und war prompt von nationalistischen Ultras vor Gericht gezerrt worden. Nach dem Mord an dem armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink floh Pamuk verängstigt ins Ausland.

Nun wird es erneut rumoren, denn ausgerechnet in Berlin - Wohnort für rund 250.000 Türken - wird ein Filmschocker zum Thema welturaufgeführt. Der Verleih ist nervös. Man fürchtet Tumulte, die Festivalleitung hat zusätzliche Sicherheitskräfte eingesetzt.

Hier, im politischen Inferno, entspinnt sich eine mit Moritz Bleibtreu und Paz Vega glänzend besetzte tragische Liebesgeschichte. "Es ist kein Film gegen die Türkei, im Gegenteil", sagen sie, zu Recht. Aber im Recht waren auch die Redakteure, die in Dänemark die bekannten Karikaturen veröffentlicht haben. "Das Haus der Lerchen" könnte zum politischen Skandal dieser Berlinale werden.

Mischung aus Gehorsam und Feigheit

Das Drehbuch basiert auf dem Roman der heute in Padua lebenden Literaturprofessorin Antonia Arslan, der auf die Geschichte ihrer Familie zurückgeht. In einer Provinzstadt lebt die armenische Bürgersfamilie Avakian in Ansehen und der Hoffnung, es werde schon nicht so schlimm kommen. Der Film beginnt privatissime, in Vermeerschem Licht, mit langen Kleidern und schönen Gesichtern. Der Patriarch der Familie ist gestorben, sogar der türkische Colonel Arkan (André Dussollier) verneigt sich vor dem Toten.

Doch dann kommt der Befehl aus Istanbul, und auch Arkan gehorcht. In wenigen Sequenzen wird jene Mischung aus Gehorsam und Feigheit gezeigt, aus Selbstnutz und Niedertracht, die ethnische "Säuberungen" und Pogrome immer wieder möglich macht.

Die Männer und Jungen werden gemartert, kastriert, zerstückelt, die Frauen auf einen Hungermarsch in die Wüste Ostanatoliens geschickt. Der Hausbettler Nazim (gespielt vom palästinensischen Filmemacher Mohammed Bakri) verrät seine Herrschaft, bereut es und versucht, wenigstens den Frauen beizustehen.

Der türkische Soldat Youssuf (Moritz Bleibtreu) ist vom Stolz der überlebenden Tochter Nunik (Paz Vega) angezogen und verliebt sich in sie. Beim Fluchtversuch opfert Nunik sich, damit ihre Nichten entkommen können. Wieder kommt der Befehl: "Erst das Feuer, dann der Kopf." Um Nunik den Scheiterhaufen zu ersparen, enthauptet Youssuf sie selbst.

Unfassbare Grausamkeiten

Die hervorragenden Schauspieler - und die pure Unfassbarkeit des Geschehens - verhindern jede Rührseligkeit, trotz des vielen Theaterbluts und der Kostüme.

Den Tavianis sind Bilder gelungen, die gesehen zu haben der Zuschauer bereuen wird, weil sie ihn noch lange verfolgen werden. Das ist die Leistung und der Fluch des Films.

Er ist unerträglich. Es gibt Zeugenaussagen, wonach Soldaten es armenischen Müttern freistellten, ihre neugeborenen Jungen selbst umzubringen. Es gibt Aussagen, wonach Frauen ihr Baby in einen Rucksack legen und sich mit einer anderen Frau Rücken an Rücken stellen mussten, die Arme gegenseitig eingehakt, und ... - auch wenn es geschehen ist, will man es nicht schreiben. Nicht wissen. Nicht sehen.

Vittorio Taviani sagt dazu: "Das Ermorden von Unschuldigen ist seit den Griechen, seit Shakespeare Teil der Theatergeschichte. Wir haben vor drei Jahren, fast zufällig, die armenische Tragödie entdeckt, durch das Buch von Antonia Arslan. Wir wollten sie mit unseren Mitteln erzählen."

Ideale fünfte Kolonne

Die Kanadierin Arsinée Khanjian ist selbst armenischer Herkunft und hat einen Teil ihrer Familie verloren. In der Rolle der Armineh Avakian bekommt sie den abgesäbelten Kopf ihres Mannes in den Schoß geworfen: "Sie wollte unbedingt in unserem Film mitspielen. Es war eine Art Verpflichtung ihren ermordeten Urgroßeltern gegenüber. Wir versprachen ihr, diese Sequenz nur einmal und ohne Probe zu drehen", sagt Paolo Taviani. "Sie hätte laut Drehbuch schreien sollen. Aber es kam nur ein ersticktes Schweigen heraus. Wir haben es so gelassen."

Die Armenier waren Christen, oft gebildet und wohlhabend. Das machte sie zur idealen fünften Kolonne, als das Osmanische Reich Russland angriff, das Kriegsglück jedoch ausblieb.

In der offiziellen Lesart Ankaras hätten die Armenier während des Krieges umgesiedelt werden müssen, wobei Seuchen und kurdische Stämme ihre Opfer gefunden hätten.

"Eine Million Armenier wurden ermordet. Kaum jemand wagt es, dies auszusprechen", sagte der spätere Nobelpreisträger Orhan Pamuk und wurde sofort Opfer nationalistischer Hetze. Die Verfolgung und Ermordung der armenischen Minderheit ist ein Gründungstrauma der Türkei.

Politische Bedenken gegen das brisante Projekt

Denn es waren die national gestimmten Offiziere, die "Jungtürken", die damals Befehlsgewalt hatten. Den Völkermord als solchen anzuerkennen, hieße einzugestehen, dass die geistigen Wegbereiter der modernen Türkei Männer waren, denen heute jedes Den Haager Tribunal mühelos Kriegsverbrechen nachweisen könnte.

Die allermeisten der damals angeklagten Offiziere kamen jedoch nach dem Krieg bald wieder frei.

Seit 70 Jahren plant das Hollywood-Studio Metro-Goldwyn-Mayer, das Armenier-Epos "Die vierzig Tage des Musa Dagh" von Franz Werfel zu verfilmen. Immer hat es politische Bedenken gegeben. Die Ostflanke der Nato bei Laune zu halten war wichtiger, als einer ohnehin stark dezimierten Minderheit Gerechtigkeit zukommen zu lassen.

Noch heute vermeidet die EU das Wort "Völkermord", um die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei nicht zu belasten.

Der Film ist eine italienisch-französischbulgarisch-spanische Co-Produktion. Im europäischen Filmfonds Eurimage hatte der Delegierte der Türkei versucht, das Taviani-Projekt zu verhindern.

Diesmal vergebens.

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