Michael Winner Regisseur von "Ein Mann sieht rot" gestorben

Er war der Mann, der Charles Bronson zur Selbstjustiz anleitete: Michael Winners Film "Ein Mann sieht rot" löste 1974 heftige Debatten aus. Winner war ein Genrekino-Erneuerer, der selten Beifall vom Feuilleton bekam. Später wurde er Restaurantkritiker. Nun ist er mit 77 Jahren in London gestorben.


Hamburg/London - Er habe "einige der schlechtesten britischen Filme aller Zeiten" inszeniert, befand der "Observer" im Jahre 1999. Als Restaurantkritiker war Michael Winner zu jener Zeit für die "Sunday Times" tätig, seine zweite Karriere, in der er sich als Lebemann inszenierte. Doch auch die kritischsten Zeitungsporträts ließen nicht unerwähnt, was für ein geistvoller Charmeur der Brite Winner sei.

Seine bekanntesten Filmwerke setzten hingegen eher auf die Gewalt als Argument. "Wie kein amerikanischer Law-and-Order-Film zuvor" predige der Thriller "Ein Mann sieht rot" mit Charles Bronson in der Hauptrolle "Selbstjustiz und Privatrache", schrieb der SPIEGEL 1974 über Winners erfolgreichstes Werk. Eine halbe Million Besucher sahen den Film in den ersten zwölf Tagen in westdeutschen Kinos - ein Rekord damals - angelockt von Werbeslogans wie "Wenn Notwehr zum Vergnügen wird". Die "Frankfurter Rundschau" sprach von "faschistischer Konterbande".

Michael Winner stand auch Jahre später zu "Ein Mann sieht rot", es sei ein bemerkenswerter Film, sagte er dem "Observer". Er bedauere nur, dass er sein sonstiges Werk überstrahle. Eigentlich fühle er sich dem Komödienregisseur Ernst Lubitsch viel näher als dem Action-Meister Sam Peckinpah. Bei aller Kritik kommt man jedoch nicht um die Feststellung herum: Für das Genre des Rache-Thriller setzte er Standards. Kein späterer Film des Genres mit Sylvester Stallone, Bruce Willis oder Liam Neeson, der nicht auf das Muster zurückgreift, das Winner Mitte der siebziger Jahre entwickelte.

Von Filmset ins Edelrestaurant

Die Karriere des 1935 in London geborenen Künstlers begann bei der BBC, bevor er 1960 mit dem Thriller "Shoot To Kill" als Regisseur debütierte. In "The System" von 1964 arbeitete er erstmals mit dem Schauspieler Oliver Reed, der auch in "Minirock und Kronjuwelen" (1967) die Hauptrolle spielte und zeit seiner Karriere ein enger Freund blieb.

Als Western-Spezialist machte sich Winner Anfang der Siebziger in Hollywood einen Namen, unter anderem mit "Lawman", in dem Burt Lancaster ebenso die Hauptrolle spielte wie in dem Spionagefilm "Scorpio, der Killer" von 1973, in dem Alain Delon sein Agentenkollege war. Auch Marlon Brando zählte zu den Stars, mit denen Michael Winner arbeitete, aber sein Name verband sich bald mit dem von Charles Bronson, der im Western "Chatos Land" 1972 erstmals die Hauptrolle in einem Winner-Film spielte. Und dann kam "Ein Mann sieht rot" - und noch zwei Fortsetzungen, 1982 und 1985.

Michael Winner verfilmte 1978 noch Raymond Chandlers Klassiker "Tote schlafen besser" mit Robert Mitchum als Detektiv Marlowe, doch die Kritiken waren vernichtend. Sein Stern als Regisseur war im Sinken begriffen - da half auch keine Agatha-Christie-Verfilmung ("Rendezvous mit einer Leiche", 1988). Seine Regiekarriere endete 1998 mit dem treffend benannten "Parting Shots".

Als Restaurantkritiker war Winner dann in seiner zweiten Karriere gefürchtet. In einem Werbespot für eine Versicherung spielte er mit diesem Ruf - seinen Slogan "Calm down, dear" (Beruhigen Sie sich, meine Liebste!) griff Premierminister David Cameron in einer Unterhausdebatte gegenüber einer weiblichen Abgeordneten auf, was ihm großen Protest einbrachte.

Michael Winner hatte schon seit 2007 gesundheitliche Probleme, seit ihm verdorbene Austern eine bakterielle Infektion zugefügt hatten. Im Dezember veröffentlichte er seine letzte Zeitungskolumne, in der er ein mögliches Comeback ankündigte ("Wie oft hat das Sinatra gemacht?"). Dazu kam es nicht. Wie seine Ehefrau Geraldine mitteilte, ist Michael Winner am Montag zu Hause in London gestorben. Er wurde 77 Jahre alt.

feb/Reuters/AP

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
MonsieurAlex 21.01.2013
1.
war einer der Wegbereiter des "Post-Tet-70s-Noir" im amerikanischen Film. Nur noch vergleichbar mit "Shoot" und "Who´ll stop the rain".
MonsieurAlex 21.01.2013
2.
war einer der Wegbereiter des "Post-Tet-70s-Noir" im amerikanischen Film. Nur noch vergleichbar mit "Shoot" und "Who´ll stop the rain".
mutargim63 21.01.2013
3. Sein bester film
"The Mechanic" (1972) war vielleicht sein bester Film sowie die beste Rolle für Charles Bronson. Nicht zu vergleichen mit dem neuesten Remake.
MonsieurAlex 21.01.2013
4.
Da hier irgendetwas nicht so richtig funktioniert: "Chato´s Land" war einer der Wegbereiter des "Post-Tet-70s-Noir" im amerikanischen Film. Nur noch vergleichbar mit "Shoot" und "Who´ll stop the rain".
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