Kino-Komödie "Broadway Therapy" Blitzkrieg auf der Besetzungscouch

30.000 Dollar für eine Liebesnacht - wenn sich die Prostituierte dafür einen neuen Job sucht: Diesen Deal bietet Regie-Veteran Peter Bogdanovich in "Broadway Therapy" an. Großes Verwirrspiel um käuflichen Sex.

Von Jörg Schöning


"Wenn mehr Menschen Lubitsch-Filme sehen würden - sie wären glücklicher und hoffnungsvoller." Davon ist Peter Bogdanovich seit Langem überzeugt. "The Importance of Seeing Ernst" hat er schon früher postuliert. Für den "New Hollywood"-Veteranen war Ernst Lubitsch stets ein wichtiges Vorbild: Ernst sehen ist alles!

In ein Interview-Buch mit bekannten US-Filmemachern integrierte er den aus Berlin emigrierten, 1947 verstorbenen Regisseur ("Sein oder Nichtsein") als "The Director I Never Met - but most wanted to!"

Ein Film vor allem hat es Bogdanovich angetan: "Cluny Brown", Lubitschs letztes zu Lebzeiten fertiggestelltes Werk. Berühmt ist die im Vorkriegs-England angesiedelte Gesellschaftskomödie nicht zuletzt für ihren Wortwitz. Den absurdesten ihrer Dialoge, gesprochen vor einem verstopften Küchenabfluss, hat Bogdanovich nun zur "Kernaussage" seines eigenen Films erhoben.

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"Broadway Therapy": Turbulentes Verwirrspiel
"Eichhörnchen für die Nüsse" - die Umkehrung der üblichen Füttersituation wird hier zum Signal für die Umwertung aller Konventionen. "Broadway Therapy" empfiehlt als heilendes Vademekum das anarchische "Anything Goes". Denn wo Genrefilme immerzu alle möglichen Regeln beachten müssen, folgt die gelungene Komödie immer nur der einen: möglichst lustvoll gegen alle anderen zu verstoßen.

Geschlechtliche Dienste, auf den Kopf gestellt

"Eichhörnchen für die Nüsse" ist dementsprechend das Stich- und Zauberwort, mit dem der Hollywood-Regisseur Arnold Albertson (Owen Wilson) geschlechtliche Dienstverhältnisse auf den Kopf zu stellen pflegt: indem er Prostituierten nach der vollzogenen Liebesnacht 30.000 Dollar überreicht mit der Maßgabe, sie zum Aus- und Umstieg in ihren jeweiligen Traumberuf zu verwenden. Ein New Yorker Escort-Girl wird wohl die Letzte gewesen sein, die er auf diese Weise beglückt.

Denn Isabella Patterson (Imogen Poots), die alte Hollywood-Filme im Allgemeinen und Audrey Hepburns Partygirl aus "Frühstück bei Tiffany" im Besonderen verehrt, möchte Schauspielerin werden. Und ist nun ganz schön perplex, als sie bei einem Casting-Termin für ein Broadway-Stück dessen Regisseur als ihren Freier und Wohltäter wiedererkennt.

Von der "Authentizität" ihres Vorsprechens als Prostituierte ist die Hauptdarstellerin derart entzückt, dass sie bei Arnold Isabellas Besetzung durchdrückt - dumm nur, dass Delta (Kathryn Hahn) auch seine Ehefrau ist.

Seelischen Beistand in diesem Dilemma sucht die verstörte Jungschauspielerin daraufhin bei der Therapeutin Jane (Jennifer Aniston), deren Freund Joshua (Will Forte) zufällig der Verfasser des zu probenden Bühnenstücks ist - und der der smarten Isabella augenblicklich verfällt. Dass auch sein Vater ein Auge auf die junge Frau wirft, nämlich in seiner Funktion als Privatdetektiv, bemerkt Joshua erst, als dessen Auftraggeber, der Richter Pendergast (Austin Pendleton), ein eifersüchtiger Lustgreis und zugleich Janes Patient, die Bühne betritt.

Wie in Bogarts Weltkriegskaschemme, nur lustiger

"Everybody Comes to Rick's" hieß das Theaterstück, auf dem "Casablanca" basiert. Und natürlich ist es kein Zufall, dass der italienische Wirt, bei dem die gesamte Bagage eines Abends unfreiwillig aufeinandertrifft, auf den Namen "Nick" hört. Wenn sie sich in seiner lauschigen Trattoria ihre verbalen Scharmützel liefern, geht es im "Nick's" zwischen den Antagonisten kaum weniger verbissen zu als in Humphrey Bogarts Weltkriegskaschemme - nur eben sehr viel lustiger.

Die Handlung des personenreichen Reigens wiedergeben zu wollen, ist ähnlich aussichtslos wie bei "Cluny Brown" oder "Sein oder Nichtsein". Weil Mimen und Neurotiker keine Hemmungen haben, ihre Eitel- und Verletzlichkeiten nach außen zu kehren, drängt hier jeder nach seinem großen Auftritt - eine kleine menschliche Schwäche, von der der Film verständnisvoll profitiert.

"Broadway Therapy" ist ein hochtouriges Update jener klassischen Screwball Comedies, in denen ein Gezänk der Geschlechter zum unterhaltsamen Schlagabtausch wird. Jede "punchline" ein Treffer! Schon Isabellas wahrer Name "Izzy Finkelstein" erweist sich dabei als Hommage an Lubitsch, der in seinen frühen Filmburlesken mit Vorliebe unter Rollennamen wie "Siegi" oder "Sally" auftrat. "Lubitsch-Touch" besitzen auch die zahlreichen auf und zu gehenden Türen, die im frivolen Spiel die dramaturgischen Zäsuren setzen.

"Heaven, I'm in Heaven" sang Fred Astaire im Intro des Vorspanns. Und wie im Himmel darf sich der Kinoliebhaber dann für anderthalb Stunden tatsächlich fühlen. Zumal weil ihm hier - mit Tatum O'Neal (aus "Paper Moon") als Kellnerin und Cybill Shepherd (aus "The Last Picture Show") als Izzys Mutter - fast schon verblichen gewähnte Gefährtinnen des Regisseurs wiederbegegnen. Seit 13 Jahren hatte Bogdanovich keinen Film mehr gedreht, "Broadway Therapy" basiert auf einem sogar schon vor 15 Jahren verfassten Drehbuch.

Produziert wurde dessen Verfilmung nun von Noah Baumbach ("Gefühlt Mitte Zwanzig") und Wes Anderson, den aktuell angesagtesten Vertretern eines "New Hollywood". Mit Quentin Tarantino, dessen Cameo-Auftritt die filmgeschichtliche Scharade mit dem Hipness-Kino der Gegenwart kurzschließt, sind sie wohl der Meinung: Die Menschen wären glücklicher und hoffnungsvoller, ließe man Peter Bogdanovich mehr Filme drehen!

Sehen Sie hier den Trailer zu "Broadway Therapy"

"Broadway Therapy"

USA/Deutschland 2014

Originaltitel: She's Funny That Way

Regie: Peter Bogdanovich

Drehbuch: Peter Bogdanovich, Louise Stratten

Darsteller: Imogen Poots, Owen Wilson, Jennifer Aniston

Verleih: Wild Bunch (Central)

Länge: 94 Minuten

FSK: ohne Altersbeschränkung

Start: 20. August 2015

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Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
bhang 18.08.2015
1. Owen Wilson, nicht Williams
Gefiel mir, der Film. Irgendwie oldschool-mäßig. Seine Homeruns sind aber nach wie vor "The Last Picture Show" (1971), "What's Up, Doc?" (1972) und "Paper Moon" (1971).
citi2010 18.08.2015
2. Hmmmmm
Vielleicht im Original ja besser...
chuckal 18.08.2015
3. Versteh ich nicht
Schon Isabellas wahrer Name "Izzy Finkelstein" erweist sich dabei als Hommage an Lubitsch, der in seinen frühen Filmburlesken mit Vorliebe unter Rollennamen wie "Siegi" oder "Sally" auftrat. Wo ist da die Hommage? Und warum sind die Bildunterschriften derartig schlampig ( Rick's statt Nick's, Penergast statt Pendergast)? Liest keiner mal gegen?
sysop 18.08.2015
4. Oh, Owen!
Natürlich heisst der Darsteller Wilson - vielen Dank für den Hinweis, wir haben korrigiert und bitten um Entschuldigung für den Fehler!
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