"Broken Flowers" Der Trick mit dem Blick

Minimaler Einsatz, maximale Wirkung: Spätestens seit "Lost in Translation" gilt Bill Murray als Großmeister des Schauspiel-Understatements. In Jim Jarmuschs melancholischer Romanze "Broken Flowers" wird er noch ein wenig cooler - und damit unwiderstehlich.

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"Broken Flowers"-Stars Stone, Murray: Von den Ereignissen überrollt
TOBIS

"Broken Flowers"-Stars Stone, Murray: Von den Ereignissen überrollt

Die Regisseurin Sofia Coppola ist an allem Schuld. Sie hat ihn ausgegraben, hat sich erinnert, dass es ihn gab: diesen Blick. Dieses Gesicht, das ständig ein bisschen amüsiert wirkt über die eigene Verwirrung. Bill Murray hatte diesen Blick auch schon früher, als er noch vor allem Komiker war, aber da kam er nicht so oft zum Einsatz, weil er ständig reden musste wie in "Ghostbusters" zum Beispiel.

Es ist das Verdienst der Regisseurin von "Lost in Translation", dieses Gesicht vom permanenten Geplapper getrennt zu haben und es für sich allein wirken zu lassen. Der permanent selbstironisch verdutzte und dabei natürlich in Wahrheit tieftraurige Murray schaffte es mit dieser Physiognomie sogar, dass man die zarte Liebe zwischen ihm und der fast 30 Jahre jüngeren Scarlett Johansson nicht anrüchig fand, sondern herzerweichend.

Jim Jarmusch hatte Bill Murays Blick schon in seinem Episodenfilm "Coffee and Cigarettes" phantastisch, aber nur kurz in Szene gesetzt - jetzt hat er einen ganzen Film darum gebaut. "Broken Flowers" heißt Jarmuschs neues, in Cannes mit dem großen Preis der Jury gekürtes Werk, und es ist nicht so deprimierend, wie der Titel vermuten lässt.

Darsteller Murray, Delpy: Ein bisschen welk und wunderschön
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Darsteller Murray, Delpy: Ein bisschen welk und wunderschön

Der Film beginnt mit einer Unmenge von Briefen: Im besten "Sendung mit der Maus"-Stil filmt Jarmusch das endlose Ballett eines Sortierzentrums der Post, irgendwo in den USA. Nach vielen Förderbändern, Rutschen und Packmaschinen landet ein ganz bestimmter Brief in einem Flugzeug und schließlich auf dem Fußboden im Flur von Don Johnston (Murray). Der sitzt auf dem Sofa und starrt seinen Fernseher an, während sich seine Lebensgefährtin, gespielt von Hollywoods Lieblingsfranzösin Julie Delpy, im Chanelkostüm zum Abschied bereitmacht. Der Brief sei "sicher von einer deiner Ex-Freundinnen" sagt sie noch, bevor sie ihn verlässt.

Murrays Blick wird noch eine winzige Spur verwirrter - wie überhaupt sein ganzes Spiel auf minimalen Veränderungen der Mimik beruht -; er sitzt paralysiert vor dem Fernseher, bis sein Nachbar und Freund Winston (Jeffrey Wright) ihn aus seiner Trance reißt. Winston greift sich den absenderlosen Brief, der von einem angeblichen Sohn berichtet - ein perfekter Fall für den begeisterten Hobby-Detektiv, der Johnston dazu bringt, eine Liste aller als Mutter in Frage kommender Frauen aufzustellen. Johnston hat Zeit und Geld, er ist ein erfolgreicher Unternehmer im Ruhestand, und Winston weiß, wie man mit einer Kreditkarte eine Recherchereise organisiert.

Schließlich findet sich der von den Geschehnissen Überrollte in einem Flugzeug und dann mit einem pinkfarbenen Blumenstrauß in einem Mietwagen wieder, auf der Suche nach der potentiellen Mutter seines potentiellen Sohnes. Es ist eine Reise in die Gegenwart seiner Vergangenheit - und die verläuft naturgemäß nicht ohne Abenteuer und Blessuren.

Schauspielminimalist Murray: Amüsiert über die eigene Verwirrung
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Schauspielminimalist Murray: Amüsiert über die eigene Verwirrung

Johnston hat Sex mit Sharon Stone und widersteht mit seinem Lächeln den Verlockungen ihrer Tochter Lolita. Er wirft einen teilnahmsvollen Blick in die Abgründe dessen, was in den USA der Inbegriff des Spießertums sein muss. Er begegnet erfolgreichen und frustrierten Freaks und am Ende sogar einem Jungen, der sein Sohn sein könnte. Dem gibt er einen Ratschlag über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, der eigentlich ihn selbst betrifft - was ihm erst klar wird, als er ihn ausspricht.

Erst nach und nach merkt man, dass "Broken Flowers", obwohl Jarmusch ihn um Murray herumgebaut hat, eigentlich ein Ensemblefilm ist - und ein exzellenter dazu. Große Leinwand-Damen hat der Regisseur auf seinen Helden losgelassen, neben Julie Delpy und Sharon Stone auch Jessica Lange und Tilda Swinton. Kaputt sind sie gar nicht, diese Blumen, ein kleines bisschen welk vielleicht, aber immer noch sehr schön.

Johnston schnuppert sich durch das Bouquet seiner Verflossenen, auf der Suche nach jenem Mann, der er einmal gewesen sein muss. Man sieht ihm dabei zu und fragt sich, wie das wohl gewesen ist, damals - er selbst scheint sich das auch zu fragen. Eine Antwort aber bleibt der Film schuldig, und so gelingt Jarmusch ein Kunststück: Am Ende ist der Zuschauer ebenso versonnen, so ratlos-heiter wie Murrays Gesicht.


"Broken Flowers"

USA 2005. Regie und Buch: Jim Jarmusch. Darsteller: Bill Murray, Sharon Stone, Jessica Lange, Tilda Swinton, Chloë Sevigny, Julie Delpy. Produktion: Five Roses. Verleih: Tobis. Länge: 107 Minuten. Start: 8. September 2005.



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