Liebesdrama "Brooklyn" Goldglänzende Fantasterei

Bester Film, bestes Drehbuch, beste Hauptdarstellerin - so viele Oscar-Nominierungen verheißen Gutes für das Liebesdrama "Brooklyn". Doch die Geschichte einer jungen Irin, die in New York eine neue Heimat sucht, bleibt flach.

Von


Und dann auch noch Spaghetti. Als wäre es nicht schon aufregend genug, zum ersten Mal zum Essen bei Tonys Familie eingeladen zu sein, muss sich Eilis noch einer zweiten Prüfung unterziehen: Spaghetti vor den Augen einer italienischen Großfamilie zu essen, ohne sich zu bekleckern. Für die junge Irin stellen die Nudeln keine kleine Herausforderung dar, hat sie Ähnliches zu Hause in Enniscorthy doch noch nie gegessen. Aber in den wenigen Monaten, die sie nun schon in New York lebt, hat Eilis etwas gelernt. Nämlich dass es wenig gibt, das man nicht mit etwas sorgsamer Vorbereitung meistern kann.

Also lässt sie sich von den anderen jungen Frauen, mit denen sie in einer Pension zusammenwohnt, unterweisen, wie man das fremdartige Gericht korrekt isst, verspritzt beim anschließenden Essen mit den Fiorellos keinen Tropfen Sauce und hinterlässt überhaupt so einen guten Eindruck, dass man nach Ansicht von Herrn und Frau Fiorello eigentlich nahtlos zum Heiraten übergehen könnte. Doch dann erreichen Eilis die denkbar schlechtesten Nachrichten aus Irland.

Fotostrecke

10  Bilder
"Brooklyn": Erste Schritte in der neuen Heimat
Man kann es kaum erkennen, dieses Brooklyn aus John Crowleys Film. Ein halbes Jahrhundert entfernt sind die Hipstermeuten, die die Bedford Avenue bevölkern. Und immer noch ein Vierteljahrhundert entfernt sind die ersten weißen Mittelschichtsfamilien, die Mitte der Siebzigerjahre in die angestammt schwarzen Ecken von New Yorks größtem Stadtteil vordringen und so seine Gentrifizierung vorantreiben.

1952, als der Film einsetzt, wohnen junge ungebundene Frauen wie Eilis (Saoirse Ronan) entweder bei ihren Eltern oder in einem möblierten Zimmer. Die Wochentage sind von Arbeit bestimmt. Am Wochenende bieten ein Gene-Kelly-Film oder Tanzabende, bei denen Iren unter Iren und Italiener unter Italienern bleiben, ein wenig Ablenkung. Anfangs plagt Eilis noch schlimmes Heimweh. Doch dann lernt sie bei einem Tanzabend den italienischstämmigen Tony (Emory Cohen) kennen. Er möge halt irische Mädchen, deshalb gehe er zu irischen Tanzveranstaltungen, erklärt Tony, als er Eilis das erste Mal nach Hause bringt. Und fragt sogleich nach einer ganz offiziellen Verabredung.

Glückliche Pärchen statt nervöse Hipster

Die erste Brücke in die neue Heimat ist also gebaut, und Eilis beschreitet sie fast unbewusst, so leicht macht es ihr der treuherzige Tony. Erst als sie wegen eines familiären Notfalls zurück nach Irland gerufen wird, zeigt sich, wie sehr Eilis die Monate in New York verändert haben. Mit neuer Ungezwungenheit bewegt sie sich durch Enniscorthy und zieht genau die Aufmerksamkeit der Männer auf sich, die sie zuvor noch übersehen haben. Mit Jim (Domhnall Gleeson) tut sich sogar ein schneidiger Verehrer auf, mit dem eine Zukunft in Irland denkbar ist. Warum also nicht ganz dableiben?

Als "eine Liebe zwischen zwei Welten" bezeichnet der deutsche Untertitel von "Brooklyn" Eilis' Geschichte. Genauer wäre wohl "eine Frau zwischen zwei Männern", denn sonderlich genau nehmen es Regisseur John Crowley und Drehbuchautor Nick Hornby (nach dem gleichnamigen Roman von Colm Tóibín) mit der Zeichnung der zwei Welten nicht. Besonders ihr Brooklyn erscheint als ahistorische Fantasie in goldglänzendem Sonnenlicht. Von der Zukunft des Stadtteils kündet nichts, selbst die filmische Gegenwart ist fern. Die gesellschaftlichen Verwerfungen, die Koreakrieg und McCarthys Antikommunismus hervorgerufen haben, scheinen Probleme eines gänzlich anderen, hässlicheren Amerikas zu sein. Wo Norman Mailer von Angst vor dem Atomkrieg verspannte Hipster durch die Straßen ziehen sah, schlendern bei Crowley und Hornby Eilis und Tony Händchen haltend vorbei.

Schon bei Hornbys erstem verfilmten Drehbuch "An Education" war die Hauptfigur eine junge Frau, die aus lauter Liebe fast sich selbst vergisst. Und wie "An Education" einst für Carey Mulligan bedeutet "Brooklyn" nun auch für Saoirse Ronan den Durchbruch - vergangene Woche wurde sie als beste Hauptdarstellerin für den Oscar nominiert, ebenso wurden Film und Drehbuch mit einer Nominierung bedacht.

Melodram light

Charme und Talent von Mulligan und Ronan sind unbestreitbar, doch beide Rollen sind von der Unbedeutsamkeit geprägt, die auch typisch für Hornbys neuere Romane ist. Seine Frauenfiguren stehen für nichts außer sich selbst und sind dabei - ähnlich wie das Setting - nicht einmal spezifisch. Sie sind weder Spiegel ihrer Zeit noch deren Gegenentwurf, sondern existieren in einem Vakuum, in dem Zeitgeschichte nur eine Anregung für Ausstattung und Kostüme ist.

Das schmerzt im Fall von "Brooklyn" besonders, da Einwanderungsgeschichten so selten aus weiblicher Perspektive erzählt werden. Doch sich die Welt mit den Augen von Eilis zu erschließen, interessiert die Filmemacher nicht. In John Crowleys konventioneller Erzählung und in Yves Bélangers angestaubten Bildern ruht der Blick vielmehr leicht taxierend auf ihr.

Zum Glück weiß Saoirse Ronan, wie man einen Film trägt. Schon in "Abbitte" (2007) war ihre Präsenz phänomenal. Von "Wer ist Hanna?" über "Grand Budapest Hotel" bis zu "Lost River" musste sie sich aber mühsam bis zur ersten großen Hauptrolle durcharbeiten. Nun ist die 21-jährige Irin bereit für den großen Auftritt und liefert ihn trotz der begrenzten Mittel, die ihr "Brooklyn" bietet. Ihr intelligentes, reduziertes Spiel ist das Beste am Film und führt dazu, dass sich am Ende tatsächlich so etwas wie emotionale Wucht auftürmt.

Wenn "Brooklyn" aus Ronan einen Star macht - bestens. Nur mehr von Nick Hornbys unerheblichen Frauenfilmen, seinem Melo-Light, braucht es wirklich nicht.

Im Video: Der Trailer zu "Brooklyn"

"Brooklyn - Eine Liebe zwischen zwei Welten"

Irland, UK, Kanada 2015

Regie: John Crowley

Drehbuch: Nick Hornby nach dem Roman von Colm Tóibín

Darsteller: Saoirse Ronan, Emory Cohen, Domhnall Gleeson, Julie Walters, Jim Broadbent

Produktion: Wildgaze Films, Parallel Film Productions et al.

Verleih: 20th Century Fox

Länge: 111 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Start: 21. Januar 2016

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.